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Natur des Nordens

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Winterreise durch den Pallas-Yllästunturi-Nationalpark in Finnland

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Können eisige Kälte und Unmengen an Schnee wirklich zum Genuss verleiten? Ja – zumindest, wenn man Annika Berggren und Håkan Hjort fragt. Auf der Suche nach einem richtig harten Winter reisten die Journalistin und der Fotograf in den Norden Finnlands. 

Die Landschaft ist leuchtend schön. Besonders dort, wo ich gerade stehe – mit dem Wind im Rücken und der tief stehenden Sonne in den Augenwinkeln. Doch so, wie ich die Skispitzen in Fahrtrichtung bewege, beißt der rau-kalte Wind in mein Gesicht. Obwohl er so schwach ist, dass man ihn kaum bemerkt, ist sein Effekt umso größer. Ich ziehe meinen Wollschal bis über meine Nase hoch, um wenigstens ein bisschen gegen die eisigen Böen geschützt zu sein. Nach einigen Kilometern werde ich jedoch einsehen, dass der Schal zu viel Feuchtigkeit aufsaugt. Stattdessen hole ich meine Gesichtsmaske aus Neopren heraus, die ich glücklicherweise noch eingesteckt habe.

Das Pallastunturi-Massiv ist Teil einer rund hundert Kilometer langen hügeligen Fjällkette, die sich durch den Pallas-Yllästunturi-Nationalpark erstreckt, der ungefähr auf dem gleichen Breitengrad wie der Kebnekaise in Schweden liegt. Das eigentliche Pallas-Massiv ist nicht sehr groß, es besteht aus einigen kleineren Gipfeln und dem Taivaskero, der mit 807 Metern der höchste Punkt der Umgebung ist. Wir sind jedoch nicht wegen der Gipfel hierhergekommen, sondern um zu genießen: die märchenhaft schönen Motive, die vom Schnee in die Landschaft gezaubert werden, die eisige Kälte, die jeden Atemzug wie einen Elfentanz aussehen lässt, und gemütliche Abende im Zelt, eingekuschelt in einen dicken Daunenschlafsack.

Sehnsucht nach Schnee und Eis

Die Schneemassen, die sich während der letzten Wochen auf die Bäume gelegt haben, nennt man auf Schwedisch »upplega« (eine Form der Interzeption; darunter versteht man in der Hydrologie das Abfangen von Niederschlägen auf der Oberfläche der Vegetation. Anm. d. Red.), und dieser Zustand ist in Finnland viel häufiger zu sehen als zum Beispiel in Schweden. Er entsteht, wenn verschiedene Schneeschichten in und auf den Bäumen »festkleben«. In Finnland habe ich dieses Phänomen bis jetzt in jedem Winter zu Gesicht bekommen. Bis heute ist meine beste finnische Wintererinnerung ein Langlaufcamp in Äkäskero im Pallas-Yllästunturi-Nationalpark, in dem ich zu Beginn der 80er Jahre war. Seitdem sehne ich mich jeden Winter nach Schneemassen und richtig kalten Temperaturen.

Wir waren ein gutes Stück auf der Bergseite des Palkaskero vorangekommen, um dann dem fiesen Wind eine Weile im Tal zu entkommen, bevor es kurze Zeit später wieder bergauf ging. Doch das Risiko, in allzu schwer zugänglichem Gelände zu landen sowie der schwache, aber beißende Wind zwangen uns schließlich, den schützenden Wald aufzusuchen. Schneebedeckte Fichten säumen unseren Weg. Kaum eine grüne Tannennadel ist unter der dicken Schneedecke zu sehen. Es ist, als ob die Welt stehen geblieben ist. Håkan, mein Lebensgefährte, und ich bleiben schweigend stehen und lassen die Stille auf uns wirken. Für Momente wie diese zieht es uns immer wieder hierher. Denn nur hier können wir auf breiten Holzskiern ungestört die unberührte Natur und die schneebedeckten Märchenwälder genießen, während wir unser Gepäck, wie es sich in Finnland gehört, in einem Pulka-Schlitten hinter uns herziehen.

Dass die Kälte in den schwedischen und finnischen Norden kommt, ist so sicher wie der tägliche Sonnenaufgang. Verpasst man jedoch die Eiseskälte im Januar und Februar, ist es nicht sicher, dass die Temperaturen in den Monaten danach noch einmal längere Zeit so niedrig sind, dass man von einer echten Kältewelle sprechen kann. Es kommt dann meistens zwar vereinzelt noch mal zu sehr kalten Tagen, aber der Höhepunkt mit zwei- oder dreiwöchigen echten Kälteperioden ist normalerweise im Januar oder Februar zu erwarten. Die meisten Hotels haben dann noch geschlossen, aber mit einem Zelt auf der Pulka ist die Übernachtungsfrage geklärt.

In Finnlands Natur gibt es außerdem im Voraus buchbare Hütten, so dass man nicht gezwungenermaßen im Zelt schlafen muss, wenn man es rechtzeitig plant. Um nichts dem Zufall zu überlassen, hatten wir vorher genauestens die Wetterseiten im Internet beobachtet, abgewartet und Vor- und Nachteile überschlagen. Wir waren im Standby-Modus und beobachteten konstant wichtige Parameter wie Schneefall, Windstärke und die Temperaturangaben der Webcams. Unser Reiseziel war nicht so wichtig, Hauptsache Schneemenge und Kälte stimmten.

Wohlverdientes Abendessen

Trotz des weit geöffneten Belüftungssystems des Zeltes gelingt es uns nicht, einen so kräftigen Durchzug zu schaffen, dass der Dampf des Nudelwassers auf dem Kocher in der Abseite nach draußen zieht. Der Wasserdampf, der im Zelt bleibt, gefriert nachts zu Milliarden kleiner Eiskristalle. Sobald es im Zelt wieder wärmer wird, tropfen sie dann von den Wänden auf Schlafsäcke und Ausrüstung, die die Feuchtigkeit aufsaugen. Und genau das wollen wir gerne vermeiden, denn feuchte Kleidung oder Schlafsäcke isolieren nicht mehr genug, um nachts bei Temperaturen um minus 30 Grad warm zu bleiben. Der Großteil des Wasserdampfs gefriert jedoch direkt zu einer weißen Schicht im Außenzelt, der wir gleich zu Leibe rücken, bevor wir essen. Es gibt knusprig gebratenen Bacon mit Gnocchis in zerlassener Butter – energiehaltiges Essen, das einfach lecker schmeckt.

Unser Zelt steht in einer etwas felsigen Umgebung mit Aussicht auf eine kleine Mulde. Der Himmel über uns ist fast komplett schwarz. Nur die kleinen weißen Sterne reißen Löcher in die schwarze Decke. Etwas weiter weg sehen wir die Silhouette des Waldes, zu dem wir gebührend Abstand halten – die schneebedeckten Zweige wollen wir nämlich lieber nicht über unserem Zelt hängen haben, falls es anfängt zu wehen. Dann fällt der Schnee nämlich runter. Oder ein Zweig bricht aufgrund der Schneelast ab. Außerdem ist auch die Chance, das Nordlicht zu sehen, größer, wenn wir vom Zelt aus freie Sicht haben.

Morgendliche Rituale

Die Raureifkristalle haben fantastische Formen, stelle ich fest, als ich in meinem Schlafsack liege, und Håkan sie mit einem Lappen wegwischt, bevor sie anfangen zu tauen. Langsam lässt er seine Hand über den Zeltstoff gleiten, bevor er ihn in der Abseite ausschüttelt und das Ganze wiederholt. Den Raureif, den der Lappen nicht er- wischt, bürsten wir ans Fußende des Innenzelts, wo er nicht taut und wir ihn einfach ausschütteln, wenn wir das Zelt abbauen. Diese ganze Wischprozedur am Morgen ist das Einzige, was ich beim Zelten im Winter wirklich nicht mag. Und dass man sich immer mit Vorsicht bewegen muss, damit man nicht mit dem Kopf oder dem Schlaf- sack gegen die Raureifschicht stößt. Doch wenn wir diese morgendliche Prozedur erst einmal hinter uns gebracht haben, macht das Leben wieder Spaß. Ich krame warme und trockene Sachen aus den Tiefen meines Schlafsacks hervor sowie die Essensvorräte für Frühstück und Mittagessen, die die Nacht ebenfalls in wohliger Wärme verbracht haben, damit sie nicht tiefgekühlt sind, wenn wir den Tag vorbereiten.

Während wir das Frühstück vorbereiten, machen wir gleichzeitig auch Lunchpakete und Pausensnacks fertig. Tagsüber wollen wir ohne Kocher auskommen, daher müssen wir ein bisschen vordenken, was die Mahlzeiten betrifft. Um einen Kühlschrank muss man sich jedenfalls keine Gedanken machen. Außer frischem Gemüse, das bei Minusgraden nicht überlebt, kann man fast alles mitnehmen. Doch an zwei Sachen sollte man vorab denken: Zutaten, die klein geschnitten werden müssen, sollte man vorher zurechtschneiden, und Nahrungsmittel, die man zum Frühstück braucht, wie beispielsweise Butter, legt man nachts am besten in den Schlafsack, damit sie rechtzeitig auftauen. Man sollte allerdings nicht vergessen, sie in eine wasserdichte Tüte zu legen. Verschmierte Butter im Schlafsack ist nämlich nicht zu empfehlen

Auch wenn das Thermometer, das an Håkans Rucksack hängt, minus 23 Grad zeigt, ist dies erst mal nur eine Zahl. Die Kälte an sich ist gar nicht so schlimm, weil man sich vor ihr mit guter Kleidung schützen kann. Die gefühlte Kälte aber wird maßgeblich von Wind und Feuchtigkeit beeinflusst. Wenn die Temperaturen so tief fallen, ist es selten windig und eher trocken. Aber schon bei minus 15 Grad kann der Wind eiskalt werden. Bei minus 16 Grad und Windstärken von 10 Metern pro Sekunde liegt die gefühlte Kälte erfahrungsgemäß bei minus 28 Grad – mit einem hohen Erfrierungsrisiko für ungeschützte Körperteile. Auch die Feuchtigkeit ist eine ernst zu nehmend Gefahr im Winter. Unser Motto bei Wintertouren ist: Nicht schwitzen! Auch nicht ein kleines bisschen. Wir versuchen, so wenig wie möglich anzuziehen, damit wir beim Skiwandern, egal unter welchen Bedingungen, weder schwitzen noch frieren, aber trotzdem bequem angezogen sind. Immer griffbereit sind dagegen eine ordentliche Daunenjacke, extra dünne Wollhandschuhe und dicke Fäustlinge. Sobald wir anhalten, ziehen wir uns sofort eine extra Schicht über.

Schnee, der fast trägt

Am Vormittag geht es durch ein Sumpfgebiet, und wir kommen an einigen kalten Quellen vorbei, aber die Schneekante ist so hoch, dass wir uns nicht trauen, dort unseren Wasservorrat aufzufüllen. Wenn man Pech hat, gibt der Schnee nach. Und nasse Skischuhe und Klamotten wären in dieser Kälte ein zu hohes Risiko. Ein Stück weiter weg, in Mäntyrova, liegt eine kleine Hütte, und wir entschließen uns, nachzuschauen, ob dort vor Kurzem jemand gewesen sein könnte. Doch die Glut ist bereits verloschen und der Kamin nur noch lauwarm. Trotzdem fühlt es sich drinnen kälter an als draußen. Wir schmelzen ein wenig Schnee, um auf dem Gaskocher in der Hütte Wasser aufzusetzen, setzen uns dann aber doch lieber nach draußen – die Hüttenwand dient uns als Rückenlehne. »Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Sonne, dann würde es sich anfühlen wie im Frühling«, denke ich. Wir sitzen leider ein wenig zu lange dort und genießen die Pause. Plötzlich knurrt mein Magen, und wir stellen fest, dass es Zeit fürs Mittagessen ist. Wir begeben uns in die Hütte, zünden den Gaskocher an und schütten Nudeln in den Topf. Es muss schnell gehen, denn die Zeit ist uns irgendwie davongelaufen, und die Tage sind zu dieser Jahreszeit nur kurz.

Die Sümpfe sind richtige Kältelöcher. Hier sammelt sich die kälteste Luft, die ein wenig schwerer ist als warme Luft. Und weil das Gelände offen ist, zieht ein fieser Wind über die Ebene und macht es noch kälter. Wir versuchen uns so zu bewegen, dass wir den Wind im Rücken haben und fahren Richtung Waldrand, wo die Bäume einen natürlichen Windschutz bieten. Für die Nacht suchen wir nach einem Platz, der ein wenig höher gelegen ist. Der Schnee hört nicht auf, uns zu faszinieren. Alle diese wunderschönen Kristalle, die glitzern, wenn man sie aus der Nähe betrachtet, die aber gleichzeitig so steinhart sein können, wenn der Wind sie einem direkt ins Gesicht fegt. Wer sich im Winter auf Tour begibt, muss gute Kenntnisse über die Eigenschaften des Schnees besitzen und darüber, wie Wetter und Gelände die Verhältnisse beeinflussen. Schon auf unserer kurzen Tour haben wir es überall mit anderen Schneeverhältnissen zu tun. In der Sumpfebene, im Wald und auf dem Fjäll herrschen jeweils andere Bedingungen.

Es verwundert daher nicht, dass die Sami, die in ihrer traditionellen Lebensweise stark von Schnee abhängig sind, so viele verschiedene Bezeichnungen dafür haben. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann genau sie welches Wort benutzen, aber als wir über die dicke Schneedecke gleiten, und nur ein klein wenig einsinken, denke ich an das Wort »moarri«, Schnee, der fast trägt – im Unterschied zu »skávvo«, verharschtem Schnee, der unter einem nachgibt. Am besten ist »ceavvi«, Schnee, der so hart ist, dass er gerade eben so trägt. Vielleicht ist es sogar so, dass wir auf »ceavvi« unterwegs sind – unsere Holzskier sind länger, breiter und tragen vielleicht besser als die Skier, die gebräuchlich waren, als die Sprache entstand.

Sommerregen aus Eis

Kälte ist ein subjektives Erlebnis. Gewisse Menschen frieren so gut wie nie. Andere klappern schon bei minus zwei Grad mit den Zähnen. Die einzige Art, wie man lernen kann, den eigenen Körper richtig einzuschätzen, ist, sich unterschiedlichen Wetterverhältnissen auszusetzen und sich dabei selbst genau zu beobachten. Auch den Umgang mit der Ausrüstung sollte man dabei nicht vergessen. Es ist wesentlich schwerer, einen Rucksackverschluss mit Fausthandschuhen bei minus zwanzig Grad zu öffnen, als man denkt. Einfach die Handschuhe auszuziehen, ist keine Option. Wer schon ein bisschen Erfahrung hat, denkt daran, ein paar dünne Fingerhandschuhe in der Jackentasche zu haben, die man schnell überziehen kann, wenn Feinmotorik gefordert ist.

Auf einer Lichtung zwischen hohen schneebedeckten Fichten trampeln wir mit den Füßen den Schnee fest, damit wir dort unser Zelt aufstellen können. Wir sind schon recht geübt, und der Aufbau geht schnell. Nach einigen Minuten liege ich bereits gemütlich im Schlafsack und ruhe mich ein bisschen aus, bevor ich das Abendessen vorbereite. Eine kompakte Stille umgibt uns, aber auf einmal höre ich etwas, das wie Regentropfen klingt. Es tropft vorsichtig und leise auf das Zelt. »Eiskristalle«, sagt Håkan. Zu Eis gefrorene Schneekristalle fallen auf uns herab – wie ein stiller Sommerregen mitten im eiskalten Winter. Und obwohl keine Wolke am Himmel zu sehen ist, wirbeln einige Schneeflocken durch die Luft. Feuchtigkeit, die friert und in der Luft tanzt. Dass es kalt ist, hören wir auch an den klagenden Bäumen. Mit schöner Regelmäßigkeit knallt es. Die Kälte hat zur Folge, dass die Bäume einfrieren, und dabei kommt es zu knallenden Geräuschen in der Stille. Zusammen mit dem Kristallregen aus Eis sind dies die einzigen Laute, die wir in diesem finnischen Winterparadies hören.

 

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