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Es war einmal Stora Sjöfallet

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Stora Sjöfallet ist die Geburtsstätte des schwedischen Fjälltourismus. Hier wurde 1912 die Fjällstation Saltoluokta eröffnet. Zwar war die Hauptattraktion der Gegend schon bald verschwunden, aber wer heute nach »Salto« kommt, findet noch immer eine der schönsten Perlen des Fjälls.

Im Juli 1906 wandert die schwedische Geologin, Chemikerin und Botanikerin Astrid Cleve von Euler mit ihrem Reisegefährten in fünf Tagen von Gällivare zum See Stora Lulevatten. Für ihre beiden Kajaks, etwa 25 Kilo schwer und mit Segeltuch bezogen, haben sie Träger angeheuert. Nach einem mühsamen Endspurt über feuchte Moore lassen Astrid und ihr Kamerad die Kajaks zu Wasser. Es folgen eine rund 50 Kilometer lange Paddelstrecke zum westlichen Fjäll, dann eine Landpassage und danach weitere 30 Kilometer auf dem See Langas, bis die beiden Abenteurer sich dem Höhepunkt ihrer Reise nähern: Stora Sjöfallet, auch »Schwedens Niagara« genannt.

Der Name »Stora Sjöfallet« – »der große Seefall« – ist in jener Zeit eigentlich irreführend. In Wirklichkeit sieht Astrid Cleve von Euler fünf mächtige Wasserfälle,
die sich zwischen den Bergen Nieras (im Norden) und Kierkau (im Süden) ergießen. Überall sprudelt Wasser hervor; Stora Sjöfallet gleicht einer 700 Meter breiten Gebirgstreppe, über die schäumende, donnernde Wassermassen herabstürzen. Astrid Cleve von Euler sprach damals vom »merkwürdigsten Wasserfall Schwedens, ja vielleicht Europas«. Kaum jemand außer den Sami kannte Stora Sjöfallet bis zum Jahr 1885, als Geologen von der Universität Uppsala den schwedischen Tourismusverband gründeten. Das Motto des Verbands war – und ist – »Lerne dein Land kennen«. Im Geist der Nationalromantik wollte man den Schweden vermitteln, wie fantastisch ihre Heimat war. Das Gerücht über die gewaltigen Wasserfälle im Fjäll südwestlich von Gällivare hatte sich in jenen Kreisen durch ein Buch verbreitet, das 1866 erschien: »Lappland, seine Natur und seine Bewohner«, verfasst von dem Kartografen und Zeichner Carl Anton Pettersson. Darin fand sich eine dramatische Illustration, die bei den jungen Geologen die Abenteuerlust weckte. Eine Exkursion bestärkte sie in der Meinung, dass Stora Sjöfallet das imposanteste Naturphänomen Schwedens sei und das Potential habe, eine internationale Attraktion zu werden. 1890 ließ der Verband die kleine Sjöfall-Hütte bauen, und im Jahrbuch von 1897 steht: »Eines Tages wird Sjöfallets große Zeit anbrechen. Dann werden Tausende und Abertausende hier zusammenströmen, um an heißen Sommertagen Erquickung zu suchen.«

DIE WIEGE DES FJÄLLTOURISMUS

Bei Astrid Cleve von Eulers Ankunft im Jahr 1906 ist die Gegend noch menschenleer, abgesehen von Sami und Siedlern. Aber als sie die gleiche Kajak-Expedition 1911 wiederholt, hat sich der Fjälltourismus schon entwickelt. Zwei Jahre zuvor ist Store Schon nach wenigen Jahren ist die Fjällstation zu klein.Sjöfallet zum Nationalpark erklärt worden. Der schwedische Tourismusverband (STF) hat inzwischen 54 000 Mitglieder. In einer Reisereportage schreibt Astrid über die neue Eisenbahnverbindung zwischen Gällivare und Porjus, die ihr die fünftägige Wanderung erspart. 1912 wird die Fjällstation Saltoluokta eröffnet, in Form einer (bis heute erhaltenen) Hütte mit sechzehn Schlafplätzen samt Personalwohnung. Es gibt ein Motorboot für Transporte. Und das Beste: Die Gäste haben die Aussicht auf den zwölf Kilometer entfernten Stora Sjöfallet.

In der ersten Sommersaison pilgern 136 Personen hierher, darunter 41 ausländische Touristen. Eine Besucherin, Maria Himmelstrand, schreibt tief beeindruckt ins Verbandsjahrbuch: »Sjöfallet ist ganz anders, als man sich einen Wasserfall vorstellt. Man sollte lieber von einer ganzen Wasserfall-Landschaft sprechen, oder von einer gewaltigen Gebirgstreppe zwischen zwei Seen. «Schon nach wenigen Jahren ist die Fjällstation zu klein. 1918 wird der nächste Bau vollendet, in dem der Architekt John Åkerlund für alles verantwortlich zeichnet, vom Grundriss bis zu den Wanduhren. Es ist dasselbe Gebäude, mit denselben Wanduhren, Kaminen und Sprossenstühlen, das die Besucher von Saltoluokta heute noch vorfinden. Zweifellos ist Saltoluokta der am besten erhaltene Baukomplex im schwedischen Fjäll. Von der Natur in diesem Gebiet lässt sich das leider nicht behaupten. Inzwischen würde niemand mehr auf die Idee kommen, Stora Sjöfallet als »Schwedens Niagara« zu bezeichnen.

WEISSE KOHLE

Es waren nicht nur abenteuerlich gestimmte Naturliebhaber, die auf Stora Sjöfallet aufmerksam wurden. Auch Ingenieure, Geschäftsleute und Politiker erkannten in den 1909 gründete der schwedische Staat das Unternehmen, das dann den Namen “Vattenfall” erhielt.enormen Wassermassen einen Wert – allerdings von ganz anderer Art. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts war in Südschweden das erste Wasserkraftwerk des Landes gebaut worden. Jetzt begriff man, dass die ergiebigsten Ressourcen an »weißer Kohle« sich im Norden befanden. Schweden sah seine Chance, auf ökonomischem Gebiet mit anderen Nationen Schritt zu halten, die große Vorräte an Steinkohle besaßen. 1909 gründete der schwedische Staat das Unternehmen, das dann den Namen »Vattenfall« erhielt. Im Jahr darauf ließ man in Porjus, der ersten größeren Ortschaft stromabwärts von Stora Sjöfallet, ein Kraftwerk errichten. Für dieses Kraftwerk wurde die Eisenbahnstrecke südlich von Gällivare gebaut – nicht etwa, um rund hundert Fjälltouristen eine Freude zu machen.

Die Repräsentanten von Vattenfall nahmen schon bald die Wasserfälle direkt ins Visier: Wenn man sie regulieren und oben ein Staubecken anlegen könnte, ließe sich das Kraftwerk sehr viel gleichmäßiger mit Wasser versorgen. Während des Ersten Weltkriegs, als Industrie und Eisenbahn den Mangel an importierter Steinkohle zu spüren bekamen, wurde der Ausbau der Wasserkraft in Schweden immer dringlicher befürwortet. 1918 beschloss der Reichstag einstimmig, einen Dammbau bei Suorvas oberhalb von Stora Sjöfallet zu genehmigen. Das Problem, dass es sich hier um einen der ersten schwedischen Nationalparks handelte, in dem Baumaßnahmen nicht erlaubt waren, löste man auf drastische Weise: Die betroffenen Flächen wurden ganz einfach aus dem Nationalpark herausgenommen. Nicht einmal der schwedische Tourismusverband protestierte – im Gegenteil hofften manche der Verbandsmitglieder, dass die moderne Ingenieurskunst sich für die Gegend als zusätzliche Attraktion erweisen würde. Und niemand erhob Einspruch gegen die nachteiligen Auswirkungen des Projekts auf das Leben der Sami. Sie würden ihre Lagerplätze am Wasser verlieren, ihre Fischgründe würden sich verschlechtern, und die Weideflächen für die Rentiere würden schrumpfen. Die Sami meinten, dass sie einen juristischen Anspruch auf das Gelände hätten. Diese Frage wurde 1921 vor dem Wassergericht in Norrbygden verhandelt, und die Sami verloren. Vattenfall wurde aufgefordert, Geld in einen Unterstützungsfond für die Sami einzuzahlen, aber das Unternehmen weigerte sich. Zwei Jahre später war der acht Meter hohe Staudamm bei Suorvas fertiggestellt.

VERSCHWUNDENE TÄLER

Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass mit der Wasserkraft ganz andere Summen umgesetzt wurden als mit dem Fjälltourismus. Der Bau der Fjällstation Saltoluokta hatte 6462 Kronen gekostet. Beim Staubecken von Suorva – zu dem kein Weg und Als die vierte Etappe 1972 abgeschlossen war, hatte Stora Sjöfallet nur noch etwa ein Prozent seiner Wassermassen, verglichen mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts.keine Straße führte – beliefen sich die Kosten auf 13,1 Millionen Kronen. Zu diesem Zeitpunkt gab es Stora Sjöfallet noch, auch wenn die Wassermassen nicht mehr so imposant waren. Aber das Suorva-Becken wurde dann in drei Phasen weiter ausgebaut, so dass der Staudamm schrittweise erhöht wurde. 1937 wurde die zweite Regulierung eingeleitet, 1942 die dritte. Vor der vierten Baumaßnahme legte man eine Straße durch den Nationalpark bis nach Ritsem, wo ein weiteres Kraftwerk gebaut wurde. Als die vierte Etappe 1972 abgeschlossen war, hatte Stora Sjöfallet nur noch etwa ein Prozent seiner Wassermassen, verglichen mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Die größte Veränderung der Landschaft bestand jedoch nicht darin, dass »Schwedens Niagara« verschwand. Als Astrid Cleve von Euler und ihr Begleiter ihre Kajaks am Wasserfall vorbeitragen ließen, erblickten sie eine Perlenkette von kleinen Fjaälseen, Teichen und Bächen zwischen üppig begrünten Hängen. Hier gab es keine Siedlungen, nur einfache Sami-Lager. Im Jahrbuch des schwedischen Tourismusverbands von 1975 findet man einen 37 Seiten langen, wutentbrannten Artikel unter der Überschrift »Zum Andenken an Stora Sjöfallet«, den der Verfasser Tore Abrahamsson mit den Worten beschließt: »Stora Sjöfallet wird als größtes und am besten dokumentiertes Beispiel für das Scheitern des Naturschutzes in unserem Land in die Geschichte eingehen.«

HUNDERT JAHRE JUNG GEBLIEBEN

Wie gestaltet sich ein Aufenthalt in der Fjällstation Saltoluokta heute? Die Mehrheit der Gäste (mich eingeschlossen) hat nicht mehr erlebt, wie Stora Sjöfallet vor den Regulierungen aussah. Deshalb erscheint uns die Umgebung vermutlich unberührter, als sie in Wirklichkeit ist. Aus der Sauna haben wir bei Sonnenuntergang einen weiten Blick über den Akkajaure. Einige von uns staunen, wie schön es hier ist. Jemand sagt, das Schwedens Entwicklung zu einer erfolgreichen Exportnation ohne die Wasserkraft unmöglich gewesen wäre. Alle sind sich einig, dass den Sami (wie so oft) übel mitgespielt wurde. Seit Tore Abrahamssons Streitschrift von 1975 haben sich zwei Dinge verändert. Mit dem Wissen um die Klimaveränderung ist die Frage nach den Vor- und Nachteilen verschiedener Energiequellen noch komplexer geworden. Und angesichts der Schattenseiten des modernen Massentourismus sind viele Besucher wohl froh, dass nicht »Tausende und Abertausende hier zusammenströmen, um an heißen Sommertagen Erquickung zu suchen«.

Die kurze Bootsfahrt über den See Langas vermittelt das Gefühl, sich in weglosem Gelände zu befinden. Das Hauptgebäude von 1918 ist so authentisch, wie es nur sein kann – ergänzt um drahtloses Internet und ökologisches Frühstück. Viele Gäste kommen jedes Jahr wieder. Der Jokkmokker Schriftsteller Hans Anderson hat es so ausgedrückt: »Die gleichen Leute, aber neue Gesichter.« Direkt an der Hausecke führt der Wanderweg Kungsleden vorbei. Geht man südwärts und steigt durch den Fjällbirkenwald auf, erreicht man bald die Baumgrenze. Biegt man beim ersten Felsen nach rechts ab und geht noch ein paar Kilometer weiter, ist man im Nationalpark Stora Sjöfallet. Und dort sieht es noch genauso aus wie vor gut hundert Jahren, als Astrid Cleve von Euler hier war. Diese Welt liegt heute unter Wasser, hat sich in einen einzigen, riesigen See verwandelt, genauer gesagt, in ein Staubecken: Akkajaure. Je nach Regulierung der Wasserzufuhr variiert seine Größe bis zu 100 Quadratkilometern und seine Tiefe bis zu 30 Metern. Das bedeutet nicht nur, dass große Gebiete ein für allemal überschwemmt sind, sondern auch, dass zeitweise noch größere Flächen unter Wasser stehen, wenn der See sich ausbreitet, um dann wieder zu schrumpfen. Die Sami-Lager können nicht mehr am Ufer liegen, weil es kein Ufer gibt. Die Weidegründe für Rentiere sind noch kleiner geworden. Am Ende der vierten Ausbauphase konnten Forscher feststellen, dass 148 Seen und Teiche verschwunden, 17 Pflanzenarten ausgerottet, 367 sogenannte Gefäßpflanzen bedroht und rund hunderttausend Vögel vertrieben worden waren.

 

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