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Natur des Nordens

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Seiland Wegloses Land

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Seiland ist die zweitgrößte Insel der
norwegischen Finnmark. Sie liegt
200 Kilometer südlich des Nordkaps,
besteht zu zwei Dritteln aus Nationalpark,
hat keine markierten Wege und wartet
mit oft wildem Wetter auf mutige Entdecker.

 

»IMMERHIN, EINE TOPOGRAPHISCHE
KARTE DER LANDESSERIE
GIBT ES UND ANSCHEINEND
AUCH EINIGE TRAILS,
DIE DIE INSEL IM NORDEN
UND SÜDEN DURCHZIEHEN.«

»Wie in Mordor sieht das hier aus«, sagt Susi beim
Anblick der schwarzen Steine, des Nebels und der phosphoreszierend grünen Moospolster im Bachbett vor ihr. Der Wind und der Regen verstärken den optischen Eindruck, hier hätte man tatsächlich einige Bilder der Herr-der-Ringe-Trilogie einfangen können.

»Eigentlich wie auf einer Wanderung vom Auenland nach Mordor. Ist doch gar nicht so lange her, dass ringsum noch alles saftig grün war.«

Auch die großen Füße der Hobbits wären in diesem Gelände ein Vorteil. Da würde man auch mit den schweren Rucksäcken kaum einsinken im weichen Boden.

Schritt für Schritt tiefer in den Weiten des Nationalparks

 

Seit dem Morgen sind Susi und ihre Freundin Anna unterwegs und dringen Schritt um Schritt tiefer in die Weiten des Seiland-Nationalparks vor. Der Park, der auf der gleichnamigen Insel weit im Norden Norwegens liegt, ist unbekanntes Land, selbst die meisten Norweger reagieren beim Klang des Namens mit einem Stirnrunzeln. Dabei kennen sie sich normalerweise gut aus in ihrem Land und in ihrer Natur. Doch Seiland – »nie gehört«. Grund genug – dachten sich die beiden Frauen bei der Planung ihrer Norwegenreise – sich aufzumachen, mit dem Flugzeug nach Alta, dem Bus nach Storekorsnes und mit der Fähre nach Altnesdal, um dann die Insel zu entdecken, von der im Dezember 2006 fast zwei Drittel zum Nationalpark ernannt wurden. 307 Quadratkilometer Land, dazu zehn weitere im Meer, um eine einzigartige Flora und Fauna zu schützen. So hatte Susi irgendwann irgendwo von Seiland gehört.

Die Richtung stimmt. Die Landschaft auch.
Doch ohne GPS ist man auf Seiland aufgeschmissen.

 

Die Informationen, die man zum Nationalpark findet, sind spärlich. Da hilft auch das Internet mit wenig mehr als ein, zwei allgemein gehaltenen Absätzen. Immerhin, eine topographische Karte der Landesserie gibt es, und anscheinend auch einige Trails, die die Insel im Norden und Süden durchziehen. Doch, dass das reines Wunschdenken ist und die Linien lediglich unbedeutende und üüberflüssige Farbe auf der Karte, verrät schon die Postbotin am Steg von Altnesdal. Gerade hat die Fähre Susi, Anna und zwei Einheimische mit ihrem Hund ausge- spuckt, steht sie strahlend vor ihnen:

»Ihr seht aus, als wolltet ihr in den Nationalpark«, leitet sie ihr Gespräch ein. »Das ist ja toll. Habt ihr denn eine gute Karte und einen Kompass dabei. Markierte Wege gibt’s da oben nämlich nicht.« Immerhin, sie verrät den beiden, dass hinter dem Schulgebäude ein Trampelpfad zu erkennen sein müsste. »Auf dem kommt ihr zumindest hoch zum Piggfjell. Von dort müsst ihr euch dann euren weiteren Weg selbst suchen. Viel Glück.«

»WOHIN MAN BLICKT SCHIMMERN WASSERFLÄCHEN IN UNTER­ SCHIEDLICHSTEN GRÖSSEN. DIE MEISTEN ÜBER KLEINE BÄCHE MITEINANDER VERBUNDEN.«

Am Nachmittag fühlen sich die beiden schon wie alte Hasen. Immer wieder haben sie die Karte herausgeholt, die Landschaft gelesen, den Kompass gezückt und manchmal auch einen Blick aufs GPS-Gerät geworfen. Die Richtung stimmt. Und die Landschaft. Es ist traumhaft schön, keiner der wenigen, aber dafür umso schwärmerischen Sätze über den Park hatte gelogen.
Ein paar hundert Höhenmeter über dem Meer bieten sich in kleinen Wolkenlücken wundersame Ausblicke über tiefgrüne Hänge bis hinunter zum grau leuchtenden Meer. Ein Kontrast, der immer wieder überrascht, denn eigentlich ist man gewohnt, nicht gleichzeitig im Gebirge und am Meer sein zu können. Hier ist das anders. Dazu beeindruckt eine sonderbar gewellte Landschaft, in deren Senken sich viel Wasser gesammelt hat – zu Tümpeln, kleinen und großen Seen.

Erst auf dem Weg zum zweiten Pass des Tages wird das Gelände rauer, erinnert im Zusammenspiel mit dem Wetter tatsächlich an das düstere Reich Mordor. Durch eine enge und bald auch dunkle Rinne wandern die beiden immer höher, hinein in die Wolken, vielleicht ist es auch Nebel, so satt und nass drückt er aufs Land. Am höchsten Punkt bläst ihnen kalter Nordwind ins Gesicht. Doch beim Blick zur anderen Seite ist das Wetter genauso nebensächlich wie die Kälte oder die durch den Nebel nassen Gesichter. Durch wandernde Lücken in der Wolkensuppe zeigt sich die Insel in schummrigem Licht grün und hügelig bis zum Horizont.

Der Seilandsjøkul, Norwegens nördlichster, und mit 940 Metern über dem Meeresspiegel, zugleich niedrigster Gletscher, zeigt im Norden sein plattes weißes Gesicht, und wohin man blickt schimmern Wasserflächen in unterschiedlichsten Größen. Hier Gletscherwasser, da Regenwasser – die meisten über kleine Bäche miteinander verbunden. Den besten Weg durch dieses Chaos zu finden, wird bestimmt ein Spaß«, bemerkt Anna mit in Falten gelegter Stirn. Es ist ihre erste echte Tour mit Übernachtungen im Zelt, doch sie weiß, dass sie sich mit der erfahrenen Susi an ihrer Seite sicher fühlen kann.

Für den ersten Tag haben die beiden genug: Hinter einem natürlichen Felswall bauen sie ihr Camp auf und liegen wenig später erschöpft im Schlafsack. Im Vorzelt zischt der Kocher, während der Wind am Zelt rüttelt und Regentropfen einen unregelmäßigen Rhythmus spielen. »Erinnerst du dich an die Worte der Postfrau?« fragt Anna nach einer Weile? »Sie meinte doch, dass eines sicher sei: Wir würden Glück mit dem Wetter haben und bestimmt nicht frieren. Dabei ist mir jetzt schon kalt.«

Rentiere_Seiland_Norwegen_Reportage_N1301
Rentiere – Entspannte Nachbarn in der Region Finnmark

 

Wetterkapriolen und wilde Tiere. Und es kommt noch besser. das Zelt abbauen, fallen erste Schneeflocken. Ungewöhnlich für Mitte August, wie ihnen später Einheimische erzählen, andererseits kann man sich kaum an einem wilderen Flecken Norwegens aufhalten – von der Landschaft, der Einsamkeit, aber auch vom Klima.
Das Nordkap liegt nur rund 200 Kilometer weiter nördlich, hier gibt es sehr lange Winter und sehr kurze Sommer. Die Insel gehört zur Region Finnmark, die mit 1,5 Menschen pro Quadratkilometer die bevölkerungsärmste Provinz des Landes stellt.

Die beiden Frauen haben die Karte studiert, einen Punkt in der Landschaft angepeilt und so das erste Zwischenziel des Tages festgelegt. Es ist ein grün schimmernder See, den der Seilandsjøkul über einen schäumenden Wasserfall speist. An seinem Südufer soll laut Karte – wenn die Striche der ein- gezeichneten Wege überhaupt irgendeinen Sinn haben sollen – die gangbarste Route verlaufen. Als sie ihre Rucksäcke aufsetzen, erinnern die leichten Druckstellen auf den Hüftknochen an den ersten Tag.

Beeindruckend schön war da schon die Landschaft gewesen, was mag heute folgen, wo es noch tiefer ins Innere der Insel geht? Sanft federn ihre Schritte auf dem weichen Fjell. Es ist fast komisch, wie gut sie vorankommen. In der ersten Stunde fällt es kaum auf, dass es keinen Weg gibt.

Das wird erst interessant, als wieder mal ein Wasserlauf die Route kreuzt und sie sich fragen, ob der kürzere Weg rechts oder links herum führen mag. Denn geht man falsch, kann es passieren, dass man ganz plötzlich vor dem nächsten Wasser steht oder sich inmitten einer feuchten Wiese befindet und bis über die Knöchel einsinkt.
Dann heißt es schnell den Rückzug antreten.

Anna und Susi werden beobachtet. Von mindestens 20 Augenpaaren. Die dazugehörigen Körper gehen in ihrem Fell in der Landschaft fast unter. Es sind Rentiere, eine Herde, die die beiden aus sicherer Entfernung mustert, mit tapsig-tänzelnden Schritten breitbeinig davonläuft, den Kopf hochgereckt, innehält, wieder betrachtet. Menschen, noch dazu so bunt gekleidet, haben sie sicher schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das würde auch ein anderes Phänomen erklären:
Dutzende von Rentiergeweihen, die verstreut in der Landschaft herumliegen. Zum Teil noch rötlich schimmernd und scheinbar frisch, an anderen Stellen grün angelaufen und bereits eingesunken und eingebunden in das Bodengeflecht, das in unterschiedlicher Zusammensetzung das Fjell überzieht: Mal großflächig und mit fetten Früchten behangen als Blaubeergestrüpp, mal als feine Schicht Flechten auf Steinplatten, mal als kniehohes Gras oder sattgrünes Moos.

Und zwischendurch immer wieder unterbrochen von kleinen Feldern Moltebeeren, jenen orangefarbenen typischen Früchten der Feuchtgebiete des Nordens. Völlig ungewöhnlich ist es nicht, in Lappland Rentiergeweihe zu finden, aber solche Momente sind trotzdem immer auch etwas Besonderes. Klar, Rentiere muss es in einem Gebiet geben, vor allem aber auch möglichst wenig Menschen, die die Geweihe einsammeln, die die Tiere jährlich bilden und wieder abstoßen. Ein weiteres untrügliches Zeichen dafür, wie einsam es auf Seiland ist.

Mittags ist es soweit: Anna und Susi stehen an einem Flusslauf, der zu breit ist, um mit einem Sprung ans andere Ufer zu gelangen. Dass das früher oder später passieren würde, war fast klar. Und eine Brücke gibt es natürlich auch nicht. Susi kennt das, sie hat schon einige Flüsse gefurtet, für Anna ist es das erste Mal. Als sie eine Weile nach der besten Stelle für eine Querung gesucht haben, entdecken sie doch noch eine Reihe von Steinen, die so günstig liegen, dass es erst Susi schafft, trockenen Fußes ans andere Ufer zu gelangen, und dann mit ihrer Hilfe, auch Anna. »Super, jetzt nicht alles ausziehen und barfuß ins kalte Wasser zu müssen«, freut sich Anna.
Bei dem Wind und vielleicht fünf Grad Celsius wäre das kein Spaß gewesen.

Zwei Stunden später erreichen sie nach einem beschwerlichen Auf und Ab über kleine grüne Hügel mit steilen und rutschigen Flanken einen zweiten Abfluss des großen Sees. Es ist der schäumende Fluss, den sie schon gestern Abend beim Blick über die Ebene ausgemacht hatten.

Der Anblick ist ernüchternd: Zehn bis zwanzig Meter liegen zwischen den Ufern und selbst dort, wo das Wasser nicht schäumend zu Tal schießt, ist es mehr als hüfttief. »Und jetzt?« fragen die beiden Frauen fast simultan. Da es klar ist, dass sie mindestens den letzten halben Tag in eine Sackgasse gestiefelt sind und da es gleichzeitig heftig zu regnen beginnt, bleiben sie an Ort und Stelle und bauen ihr Zelt auf. Im warmen Schlafsack und mit einem Tee in der Hand entwerfen sie einen neuen Plan. »Ich glaube, unsere Inseldurchquerung können wir vergessen«, sagt Susi später beim Blick auf die Karte.
»Es ist sehr unwahrscheinlich noch eine gangbare Furt zu finden, weil der Fluss mit jedem Kilometer mehr Wasser führen wird. Und selbst wenn: Bis wir ihn gefunden hätten, wäre bestimmt ein ganzer Tag vergangen und den können wir nicht mehr aufholen. Und würden wir im Norden die Fähre zurück zum Festland verpassen, wären wir wirklich aufgeschmissen.«

Norwegen_Reportage N1301
Seiland – Das weglose Land

 

Bis zum Morgen haben sie sich einen Plan B überlegt: Sie wollen den Süden der Insel weiter entdecken und in drei Tagen zurück nach Hackstabben wandern. Die Häuseransammlung wird ein paar Mal in der Woche vom Fährboot angelaufen. Problem dieser Route: Sie müssen den 831 Meter hohen Uvssotrassa überqueren. Einen Tag, unzählige kleinere Bachquerungen, Regenschauer und Regenbögen später, beginnt der Anstieg zum Gipfel. Positiv ist, dass am Hang viel weniger Wasser fließt und steht als im Tal.

Der Blick zurück zeigt es ganz deutlich, und so kommen die beiden gut voran und höher und höher hinaus. Auch die Rentiere kreuzen wieder ihren Weg, doch diesmal ist alles anders. Fast neugierig wirken sie, verharren beim Anblick der beiden Frauen, scheinen sie in ihren farbenfrohen Jacken wieder zu erkennen, kommen langsam näher. Der Blick für Anna und Susi wird immer besser: ins Tal hinter ihnen, zum Fjord im Osten und hinüber zum Gletscher, der sich bald auf gleicher Höhe zu befinden scheint, getrennt nur durch das weitläufige Tal. Wolkenfetzen, aus denen sich Regen ergießt, ziehen nördlich von ihnen vorbei, sogar ein, zwei Sonnenstrahlen sind ihnen vergönnt. Doch das ändert sich schlagartig: Plötzlich wird es stürmisch, es ziehen Wolken heran, die sie einhüllen und dann fängt es an zu schneien.

Besonders tückisch ist die Nässe auf den glatten Steinplatten, die nun überall herumliegen, als würde der gesamte Berg aus nichts anderem bestehen. Die Sicht wird immer schlechter, häufiger holen Anna und Susi das GPS-Gerät heraus, um herauszufinden, wo sie sich genau befinden, denn es gibt nur einen wirklich guten Übergang ins nächste Tal, und der führt direkt über den Gipfel. »Den finden wir bei dieser Sicht nie«, meint Anna und auch Susi ist nicht sonderlich optimistisch. Doch dann, als der Schneesturm gerade am heftigsten bläst, gelingt das eigentlich Unmögliche: Sie stolpern ganz zufällig über den Aumgewehten Gipfelmarker.

Am Abend wissen beide, was sie tagsüber geleistet haben. Die Muskeln schmerzen, der Hunger ist groß, ihnen ist kalt. Erschöpft liegen sie im Zelt in den Schlafsäcken. Der Abstieg hatte es in sich, über viel loses und rutschiges Geröll und mit mehreren Flussquerungen. Inzwischen regnet es auch wieder und nach einer Portion Trekkingfutter aus dem Alubeutel wiegt das gleichmäßige Geräusch, der aufs Zeltdach prasselnden Tropfen die beiden sanft in den Schlaf. Kurz bevor Anna gänzlich ins Reich der Träume hinübergleitet dreht sie sich zu Susi um: »Du, weißt du was? Ich freue mich total auf morgen.«

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