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Natur des Nordens

Geheimnis der Gletscher

Briksdalsbreen ist einer von Norwegens populärsten Gletscherarmen. Wer nicht den Spuren aller folgt, sondern sich zum Blåfjellet aufmacht, erlebt eine menschenleere Tour mit magischen Gletscherblicken.

Der Campingwirt in Melkevoll Bretun, am Fuße des Briksdalsbreen-Gletschers hat einen Vorschlag. »Olderskaret, das ist meine Lieblingstour hier«, raunt er uns ins Ohr. »Sie ist aber ein bisschen steil«, fügt er hinzu und lacht verschmitzt. Ich war schon einmal hier. Vor dreißig Jahren als junges Mädchen mit meiner Familie, als Sogn und Fjordane noch nicht offiziell zur Provinz Vestland gehörten. Während die Region um den Gletscher damals noch weniger bekannt war, hat sich die sagenhafte Schönheit der Kommune Stryn, gerade in den vergangenen Jahren, über Soziale Medien wie ein Lauffeuer verbreitet. Bei Naturliebhabern auf der ganzen Welt hat sie eine unfassbare Popularität erlangt und ist bei vielen zu einem Ziel auf der Bucket List geworden, vielleicht direkt neben Bali, New York, Manchester oder Ladakh?

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Wir Norweger machen im Regelfall aufgrund der alljährlich einströmenden Menschenmassen gerne einen Bogen um das Gebiet. Dabei ist Olden immer noch das wunderschöne Tal im Herzen des Nordfjords am Jostedalsbreen Nationalpark. Ich hatte wohl schon als Kind das Gefühl, hier noch nicht ganz fertig zu sein. Noch nicht alles gesehen zu haben, in Stryn. Nun bin ich endlich zurück.

Der Pfad führt durch eine saftige Landschaft mit Farnwald und bunten Blumen.

Kutsche und Elektroautos

Damals, um einige Zentimeter kleiner und noch nicht so gut zu Fuß, hatte ich das Glück, mit einer Pferdekutsche zum Gletscher gezogen zu werden. Heute werden Elektroautos eingesetzt, für Menschen, die die Strecke nicht selbst bewältigen können. Das Privileg, zu jeder Zeit überallhin wandern zu können, macht mich
dankbar. Und genau das haben meine gute Freundin Line und ich in den kommenden zwei Tagen vor. Wir wollen, fernab der Touristenströme, die direkt zum Briksdalsbreen-Gletscher pilgern, über den Olderskaret-Trail zum vergleichsweise unbekannten Blåfjellet wandern, um von dort aus den Blick auf den berühmten Gletscherarm zu genießen.

Line ist von Jølster hergekommen. »Ich habe Rhabarber aus dem Garten mitgebracht«, sagt sie und befestigt den Stiel an den Gurten auf der rechten Seite ihres Rucksacks. Wir machen uns bereit zu gehen. Aber es kommt noch mehr in die Taschen. »Ich habe eben beim Bäcker Jon in Byrkjelo haltgemacht«, sagt sie und zeigt mir den zuckrigen Inhalt der Tüte. Ich entdecke »skillingsbolle« (dt. Zimtschnecken), die sich auf »skolebrød« (dt. norwegische Hefeteigfladen mit Vanillecreme und Kokosraspeln) auftürmen, groß wie Teller. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich kann unsere erste Picknickpause kaum erwarten. «Flaum i elva» (dt. Flaum im Fluss), heißt es auf dem Schild und durch diese geografische Besonderheit wandern wir nun hoch Richtung Blåfjellet. Vor 10 500 Jahren war das Gebiet hier mit Eis bedeckt. Gegen Ende der Kleinen Eiszeit gab es in Oldeskaret einen eisfreien Korridor. Der Briksdalsbreen-Gletscher und der Myklebust-Gletscher reichten nicht mehr zusammen und so wurde die Passage zwischen Olderdalen und Stardalen zu einer eisfreien Verbindungsroute mit einem Tagesmarsch dazwischen.

Wir Norweger machen im Regelfall aufgrund der alljährlich einströmenden Menschenmassen gerne einen Bogen um das Gebiet.

Es ist zu steil und zu eng, als dass wir sehen könnten, was uns als nächstes erwartet, während wir Schritt für Schritt den Weg nach oben klettern. Niemand kommt uns entgegen. Trotz des steilen Anstiegs, ist es keine karge Landschaft, die uns umgibt. Der Weg windet sich zwischen üppigem Farnwald und bunten Blumen, die es geschafft haben, sich hartnäckig in die Felswand zu krallen. Kraft steckt auch in den donnernden Wasserfällen, auf die wir immer wieder stoßen. Die Wassermassen treffen so stark auf den Steinen auf, dass es sich anhört, als würde sich ein riesiger Felsbrocken lösen. »Das wird nicht passieren. Es wird nicht passieren. Das passiert eigentlich nicht«, denke und hoffe ich gleichzeitig. An der Baumgrenze ist der Schnee immer noch weich, aber fest genug, um uns in unseren Wanderschuhen und mit Rucksäcken beladen, sicher zu tragen.

Der Schnee ist weich, aber immer noch stark genug um Line und Gunhild mit ihren schweren Rucksäcken zu tragen.

Den Gletschern ganz nah

»Sollten wir hier vielleicht lieber das Zelt aufschlagen?«, bemerkt Line, weil es immer steiler wird, je höher wir kommen. Ein perfekter Zeltplatz ist nicht auszumachen, aber mit unserer Zweimannbehausung brauchen wir zum Glück keine große Fläche. Es ist windig, doch der Wind pustet konstant, sodass wir unser Zelt taktisch geschützt platzieren können. Von hier aus haben wir einen guten Blick auf den Briksdalsbreen-Gletscher, einen Seitenarm des Jostedalsbreens, der sich in das schmale Briksdal ergießt. Der Briksdalsbreen ist einer der meistbesuchten Gletscherarme der Welt. Sein Anblick zieht jährlich 300 000 Besucher in den Bann. Auf unserer Tour durch das versteckte Seitental aber, haben wir bislang keine Menschenseele getroffen.

Die Landschaft ist von eizeitlichem Geschehen geprägt. Durch mächtige Schluchten geht es immer weiter hinauf auf das Fjell.

Es fühlt sich fast ungerecht an, dass wir eine solch überwältigende Landschaft an diesem hellen Sommertag ganz für uns allein haben dürfen. Um uns herum thronen die Gipfel des Kattanakken, Melkevollbreen, Middagsnibba, Hanekammen und Blåfjellet, großzügig umarmt vom mächtigen Jostedalsbreen, der gönnerhaft in seinem eisig-weißen Umhang über allen anderen thront. Es ist bewegend, den alten Briksdalsbreenm Gletscher nach dreißig Jahren auf diese Art wiederzusehen – und es stimmt nachdenklich. Er ist an den Rändern deutlich schmaler geworden. Warum fühlt es sich so an, als würde ich den Gletschern aus der Ferne näher sein, als wenn ich fast direkt neben ihnen stehe? So als würden sie mich in diesem Moment in meinem tiefen Inneren berühren und von hier aus all ihre Geheimnisse preisgeben.

Auf zum Blåfjellet

Es dauert noch eine Weile, bis es dunkel wird. Wir essen die Backwaren. »Gut, dass es windig ist, sonst wäre es zu perfekt«, sage ich und Line lacht. Die Zimtschnecken und Hefeteigfladen haben folgenden Effekt: Eben noch erschöpft von dem kräftezehrenden Aufstieg ist es nun doch verlockend, einen Abendspaziergang hin auf zum Blåfjellet zu wagen. Es liegt ungewöhnlich viel Schnee, der ver hindert, dass wir bis ins tiefste Herz des Olderskarets vordringen können. Irgendwo am Fuße soll es eine Steinhütte geben, aber wir können sie nicht entdecken. Vermutlich ist sie eingeschneit. Schneebrücken sind nicht gerade mein Favorit. Es hilft ein wenig, dass die, auf der wir uns gerade bewegen, etwa zehn Meter dick ist.

Folgt man keinem ausgetretenen Pfad, ist es rein intuitiv wo man seine Schritte setzt.

Die Augen schaffen es, das Gehirn zu überzeugen, und mit tiefem Respekt gehen wir über den Steg hinweg. Folgt man keinem ausgetretenen Pfad, ist es rein intuitiv, wo man seine Schritte setzt. Es macht Spaß zu sehen, dass es doch jemanden gegeben haben muss, der vorher hier seine Spuren hinterlassen hat. Was könnte es sein? Ein Rentier?

Hier weht es weniger und wir gewinnen Schritt für Schritt an Höhe. Von der Spitze des Blåfjellets aus haben wir einen fantastischen Blick auf dieselbe Landschaft, die wir schon eine Weile gesehen haben, nur noch ein bisschen mehr und aus einem etwas anderen Blickwinkel. »Ist das der Snønipa?«, fragt Line und zeigt auf einen Berggipfel. »Und das dort muss Jølster sein. Bin ich wirklich so dicht an meinem Zuhause?« Von hier oben erscheint alles zum Greifen nah.

Es fühlt sich was ungerecht, diese Landschaft ganz für sich alleine zu haben.

Unendliche Geschichte

Nach einiger Zeit machen wir uns auf den Rückweg zu unserem Zeltlager. Wir kochen unser Abendessen und verspeisen es, während wir feststellen, dass sich die Silhouette des Berges hinter uns immer mehr über uns ausbreitet. Sie warnt davor, dass die Sonne bald woanders scheinen wird. Die Natur ist brillant. Wenn man so erschöpft und müde ist wie wir, will man nur noch schlafen. Line und ich sind uns einig, dass der Rhabarber morgen genauso gut schmecken wird. Während die Erde sich weiter um ihre eigene Achse dreht, schlummern wir selig inmitten der Gletscherwelt.

Um 5.58 Uhr kräht ein Kuckuck auf seine skurrile Weise. Durch die Zeltöffnung scheint das Wetter heute ähnlich wie gestern. Wir erkennen den schimmernden Briksdalsbreen und noch etwas Weiteres: Stryn ist ein Punkt auf der Weltkarte, mit dem man nie fertig ist, erst recht, wenn man sich ihm immer wieder aus neuen Perspektiven nähert.

Der Gletscher Briksdalsbreen ist ein Seitenarm des Jostedalsbreen in Sogn und Fjordane. Von 1200 Metern über dem Meeresspiegel bahnt sich der Gletscher seinen Weg in das Briksdal. Vom Blåfjellet hat man einen einsamen und spektakulären Blick auf die Gletscherwelt.

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