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Die Weisheit der Berge – auf Trekking-Tour im Jotunheimen

Mit einer Trekkingtour im Jotunheimen erfüllt sich unser Autor Kristoffer H. Kippernes einen Traum – und steht gleichzeitig vor einem kleinen Dilemma: Er ist gänzlich unerfahren und hat panische Höhenangst.

Soweit ich mich erinnern kann, war vereinbart, dass wir uns am Montag um 12 Uhr an der Berghütte Leirvassbu im Nationalpark Jotunheimen treffen. Oder war es ungefähr 12 Uhr? Oder allerspätestens 12 Uhr? So hatten wir es abgemacht, weil weder Mathias noch ich hier im Gebirge Handyempfang haben würden. Jetzt stehe ich da. Es ist 12.15 Uhr und ich fange an, mich zu wundern. War es wirklich heute? Habe ich mir den falschen Tag notiert? Oder stimmt die Zeit nicht? Mathias ist jedenfalls nicht da, also gehe ich in die Hütte hinein. Aber auch da: kein Mathias.

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Die Uhr läuft weiter und ich frage mich, was ich tun soll. Rund um die Hütte gibt es minimalen Mobilempfang, aber es bringt nichts, ihn anzurufen, solange er unterwegs ist. Also warte ich. Und warte. Bis ich endlich die Konturen von Mathias und seiner Freundin weit unten auf einer Schotterpiste erspähe. Ich bin noch nie in den Bergen gewandert. Mathias hat mich deshalb dazu eingeladen, mit ihm und Ingrid gemeinsam loszuziehen. Die beiden haben schon ein paar Mal längere Wandertouren unternommen, was meine Hemmschwelle, mich auf derartig unbekanntes Terrain zu wagen, etwas herabsetzt. Geplant ist eine Rundtour mit dem Zelt im Jotunheimen-Nationalpark, zwischen den Hüt- ten des norwegischen Wandervereins (DNT): von Leirvassbu nach Gjendebu, weiter nach Olavsbu und zurück nach Leirvassbu.

Was werden die Berge mir abverlangen? Beim Packen meiner Sachen war ich sehr nervös. Bislang habe ich keine eine Ahnung. Ich weiß weder, wie müde ich vom stundenlangen Gehen mit einem schweren Rucksack sein werde, noch, wie viel Essen ich während dieser Tour benötige. Geschweige denn, wie ich es auf schwindeligen Höhen aushalten soll, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden.

Gestiefelt mit Kater

»Sind das die einzigen Schuhe, die du dabei hast?«, fragt Mathias vorsichtig, und ich gehe davon aus, dass ich damit bereits den ersten einschneidenden Fehler dieser Tour gemacht habe. Doch es zeigt sich, dass Mathias und Ingrid diesen schon im Vorfeld begangen haben: Sie waren auf dem Vinjerock-Festival und sind mit gewaltigem Kater von Olavsbu nach Leirvassbu gestiefelt, um mich zu treffen. Die beiden sind müde und hungrig. Mathias verkündet, dass sie körperlich nicht dazu imstande sein werden, eine so lange Tour zu machen. Wir beschließen, uns trotzdem erst mal auf den Weg Richtung Gjendebu zu machen. Immerhin habe ich meinen Mitwandernden ein Abendessen versprochen.

Selten habe ich Leute erlebt, die sich so aufrichtig über ein Mahl freuen, als ich mein Touren-Special vor unserem Zelt am Langvatnet anrichte: Ökologische Wurst, in der Pfanne gebraten, und Tortellini, garniert mit Kirschtomaten. Mathias spendiert ein paar gute Oliven. Im Schutz unseres Vorzeltes essen wir uns bei Nieselregen satt und glücklich. Niemand hat an ein Kartenspiel gedacht. So besteht unsere Unterhaltung aus Mathias Skizzen-iPad, mit dem wir Cartoons voneinander zeichnen.

Weitblick vom Maulwurfshügel

Als ich am nächsten Morgen das Zelttuch öffne, ist es noch grau, aber Regen und Wind haben nachgelassen. Obwohl eine dichte Wolkendecke über uns liegt, ist es überraschend warm. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit meh- reren Runden Kaffee packen wir Zelte und Aus- rüstung ein und stapfen weiter. Am Ende des Sees Langvatnet werfen wir einen Blick auf die Karte. Ein bisschen Aussicht hätte gutgetan, doch Wolken und Nebelschwaden ziehen mit großer Geschwindigkeit zwischen den hoch aufragenden Bergwänden hindurch.

Im Schutze unseres Vorzeltes essen wir uns bei Nieselregen satt und glücklich.

Der Berg Storådalshøe nördlich der DNT- Hütte von Gjendebu erinnert an einen Maul- wurfshügel, aber taugt für einen kleinen Abstecher. Am Fluss Semelåe stellen wir unsere Rucksäcke ab, bevor wir uns auf
den Weg nach oben machen. Der Gipfel des Storådalshøe ist weder spitz noch dramatisch, doch wir können von hier sowohl bis zum furchteinflößend zackigen Gebirgsrücken Besseggen als auch hinunter in das wunderschöne Memurudalen blicken.

Im Jotunheimen gibt es keine Bäume, das wusste ich. Leider war ich nicht schlau genug, einen Stock, geschweige denn Stäbe mitzubringen, nach denen ich jetzt ein Bedürfnis verspüre. Deshalb freue ich mich, als ich eine alte Skipistenmarkierung finde. Sie wird fortan mir gehören. Mit ihrer Hilfe wandert es sich sofort beschwingter. Am Wasserfall Hellerfossen schlagen wir später unser Nachtlager auf.

Luftige Steinwüste

Ich habe Höhenangst und schäme mich nicht, das auch zuzugeben. Es bedarf sehr wenig, um mich in steilem Gelände aus der Fassung zu bringen. Daher betrachte ich die Karte mit einer gewissen Skepsis. Mathias und Ingrid wollen einen Gipfel erklimmen. Von den Herbergseltern in Leirvassbu wurde uns empfohlen, den 2 114 hohen Hinnotefjellet zu besteigen. Optisch sieht er etwas freundlicher aus als seine Alternative: der 2 236 Meter hohe Semmeltind. Steine von Tennisball- bis zu Lastwagengröße sind das, was wir in den nächsten drei Stunden zu sehen bekommen. In dieser luftigen Steinwüste versagen meine motorischen Fähigkeiten komplett. Während Mathias mühelos von Felsen zu Felsen springt und Ingrid fröhlich summend hinterherwandert, bilde ich das wankende Schlusslicht. Meine Skipistenmarkierung ist hier oben höchstens ein Schmuckstück. Zwischen den großen Felsbrocken krieche ich teilweise auf allen Vieren umher, um ja nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Oben auf dem Hinnotefjellet-Plateau auf losem Kies zu laufen, ist daher fast eine Erleichterung.

Der Kontrollblick auf die Karte darf nicht fehlen, um die Nerven eines aufgeregten Fjell-Neulings zu glätten.

Damit wir nicht falsch navigieren, hat Mathias bis zum Ziel beharrlich auf die Karte geachtet. Nun heißt es nur noch, sich vorsichtig hinzusetzen und keine großen Tricks zu wagen. Die Fallhöhe wäre immens. Unter uns, auf dem Memurubreen-Gletscher hat sich eine Rentierherde niedergelassen. Obwohl ich Angst habe, bekomme ich einen nahezu unwirklichen Eindruck vom Jotunheimen, wo wir nun auf 2 114 Metern über dem Meeresspiegel bei 22 Grad ohne Windstoß unser Lunchpaket öffnen. Ein bisschen wütend bin ich über mich selbst, dass ich gefühlt mein ganzes Erwachsenenleben gebraucht habe, um zu einem der schönsten Nationalparks des Landes zu gelangen. Und wie skeptisch ich doch gegenüber meinen eigenen Fähigkeiten in der Natur war. Doch die Berge, die seit jeher hier sind, strahlen eine beruhigende Weisheit aus, fast so als würden sie mir zuflüstern: »Es ist genau so okay, wie es ist!«

Meine Wahrnehmung der Realität kehrt erst vollends zurück, als wir uns nach dem Abstieg im eiskalten Flusswasser ein Bad gönnen. Unsere Pläne für die gesamte Rundtour haben wir über Bord geworfen. Doch wenn ich eine Lehre aus meinem ersten Besuch im Jotunheimen ziehe, dann diese: Überwinde dich und geh einfach los, alles andere wird sich finden.

Jotunheimen

Die Rundwandertour von Leirvassbu über Gjendebu nach Olavsbu und wieder zurück nach Leirvassbu beträgt ca. 42 Kilometer. Die gesamte Strecke ist sehr anspruchsvoll, von daher sollten drei Tage eingeplant werden. Auch kürzere Tou- ren zu einzelnen Hütten oder Gipfelbesteigungen sind möglich, ohne die gesamte Route zu absolvieren. Der nächstgelegene Bahnhof ist Otta. Von dort fahren Busse verschiedene Orte im Jotunheimen an. visitjotunheimen.de, innlandstrafikk.no, vy.no

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