Weiter zum Inhalt

Diese Webseite verwendet Cookies. Bei der weiteren Nutzung gehen wir von deinem Einverständnis aus. Mehr Infos.

Natur des Nordens

Menü

Foto-Polar-Expedition: Traum und Wirklichkeit

Abonnieren und weiterlesen

Mit einem NORR-Abo erhältst du Zugang zum Premium-Bereich mit allen großen Geschichten in voller Länge. Ab 5 Euro.

Von Åre bis zum Dreiländereck mit dem Hundeschlitten – das war die Vorgabe von Nicklas Blom. 39 Tage später war er ein anderer Mensch.

Manchmal liegen Traum und Wirklichkeit näher beieinander, als man zu hoffen wagt. Im Winter 2011 lebte der Fotograf Nicklas Blom in einem einfachen Haus mit Holzofen außerhalb von Åre in der schwedischen Gebirgsregion Jämtland. Direkt nebenan lag der neugebaute Hof, auf dem sich die acht Schlittenhunde befanden, die er kurz zuvor erstanden hatte. Sobald genug Schnee lag, spannte er die Hunde vor seinen Schlitten und unternahm lange Touren in die Wälder und Berge, die Åre umgeben.

Auch wenn er es wahrscheinlich nicht zugegeben hätte, war er im Prinzip ein Anfänger. Als leidenschaftlicher Hundeliebhaber und erfahrener Outdoor-Experte, der bereits mit Skiern am Nordpol war, hatte er schon einige Male einen Schlitten gesteuert – aber er war noch nie zuvor alleine mit den Hunden in der Wildnis unterwegs gewesen. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, einen großen Traum Wirklichkeit werden zu lassen: Er wollte mit dem Hundeschlitten von Åre aus bis zum Dreiländereck Treriksröset im äußersten Norden des Landes fahren – fast 1 300 Kilometer durch wegelose Gebirgsregionen, Wälder, Naturreservate und Nationalparks.

Zwei Jahre später schickte Nicklas, der schon oft für NORR gearbeitet hat, eine kurze Mail an die Redaktion: »Ab morgen bin ich weg.« Da er seine Erfolgschancen nicht übermäßig hoch einschätzte, war er vorsichtig damit, sein Vorhaben an die große Glocke zu hängen. Und er wollte nicht zu denen gehören, die Pressemitteilungen verfassen, bevor sie überhaupt nur einen Fuß vor die Tür gesetzt haben.

In den folgenden 39 Tagen nahmen wir regen Anteil an seinem »Fortsetzungsroman«, der uns in Form von kurzen Berichten und Bildern erreichte, die er von seinem Handy aus schickte, wenn er Empfang und genug Strom für die Batterien hatte. Das war aber nur selten der Fall. Tagsüber fotografierte er Schneestürme, glitzernde Gletscher und kämpfende Hunde. Und während der langen Abende im Zelt schrieb er Tagebuch – über das, was er tagsüber erlebte und das Leben, das er hinter sich gelassen hatte. Nach seiner Rückkehr war er ein anderer Mensch geworden.

In den Startlöchern: 7. Februar

Das Jaulen meines Hundes Apache hält mich wach. Es ist 5.10 Uhr. Schon fast die ganze Nacht hindert er mich daran, in den Schlaf zu gleiten. Es schneit stark und ich höre den Schnee auf die Zeltwände fallen. Der Winter hat die Wälder in Jämtland fest im Griff. Ich bin auf einer Trainingsfahrt mit dem Schlitten – inklusive Übernachtung. Siebzig Kilometer durch die Kälte mit kräftigem Wind und Schneeverwehungen. Ich begebe mich und die Hunde bewusst in extreme Situationen, um mich so gut wie möglich vorzubereiten und letzte Hand an das Gepäck und alle wichtigen Abläufe zu legen. Mein Körper schreit nach Schlaf, aber das kann ich getrost vergessen. Stattdessen setze ich mich in Bewegung und krieche aus dem warmen Schlafsack. Blöder Apache, will ich ihn wirklich mitnehmen? In ungefähr einem Monat werde ich mich auf den Weg machen – auf die Soloexpedition meines Lebens. Ich bin ziemlich nervös und am liebsten würde ich die ganze Sache jetzt einfach wieder abblasen.

Vor etwa zwei Jahren stand ich in einer eiskalten Januarnacht unter dem Sternenhimmel auf dem zugefrorenen See unterhalb meines Hauses. Dort war ich mir sicher, dass ich eine längere Solotour mit den Schlittenhunden machen wollte. Es fühlte sich richtig an. Doch wie sollte ich meinen Traum Wirklichkeit werden lassen? Viele Menschen reden nur über das, was sie gerne machen wollen, anstatt es tatsächlich zu tun. Ich wollte gerne etwas tun. Wir leben in einer Zeit, wo uns der Drang nach Bestätigung oft den Weg verbaut. Es scheint heute wichtiger zu sein, möglichst viele Likes bei Facebook zu sammeln und Projekte kaputt zu bloggen, bevor man sie umsetzt – anstatt seinen Gefühlen zu folgen und einfach das zu tun, wofür das eigene Herz schlägt.

Als die Idee Gestalt annahm, hatte ich nur einen Hund, Nansen. Also begann das Unternehmen Solotour damit, mir möglichst viel über Schlittenhunde und die richtige Technik anzulesen. Ich wollte ohne Sponsoren auskommen, um bei der Wahl der Ausrüstung unabhängig sein zu können und mir keine zusätzlichen Verpflichtungen aufzubürden. Als ich dann einen Schweizer Hundeschlittenführer in Gafsele im südlichen Lappland kennenlernte, war ich an der richtigen Adresse. Er führte mich in die Welt der Schlittenhunde ein, und im Sommer 2011 bekam Nansen acht neue Freunde.

Ich habe mich zwei Jahre lang mental auf dieses Abenteuer vorbereitet. Der bevorstehende Start jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Meine Gefühle wechseln von einer Sekunde auf die andere: In einem Moment bin ich sicher, dass ich die Kontrolle über alles habe, um gleich darauf in Panik angesichts des näher rückenden Tages X auszubrechen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich bald in den Krieg ziehe. Ich fühle mich so lebendig wie lange nicht mehr. Ich folge zu hundert Prozent meinem Herzen. Ich und mein Herz sind eins in dieser Sache.

Meine Psyche spielt mir allerdings die ganze Zeit Streiche und scheint alle Kräfte daran zu setzen, dass ich von meinem Vorhaben Abstand nehme. Warum sollte ich mich den Gefahren und Risiken aussetzen, die mit einer 1 300 Kilometer langen Hundeschlitten-Expedition durch die Wildnis, und das auch noch mitten im Winter, einhergehen? Doch ich habe mich entschieden und meine Zielstrebigkeit ist stärker als die Überlebensmechanismen der Psyche. Ich werde mich auf dieses Abenteuer, die Expedition meines Lebens, einlassen. Im tiefsten Inneren fühle ich mich sicher. In vier Wochen geht es nach Norden, immer nur nach Norden.

GLÜCKSGEFÜHLE: 7. MÄRZ

Es ist der 7. März 2013. Mein erster Übernachtungsplatz befindet sich im Wald nördlich vom Sulsjön-See. Das Thermometer zeigt minus 22 Grad an. Je dunkler es wird, desto mehr fällt auch die Temperatur. Ich habe gemischte Gefühle. Das Glücksgefühl darüber, endlich unterwegs zu sein, ist fantastisch. Und die Erwartungen angesichts dessen, was mich erwartet sind groß und das Freiheitsgefühl total. Aber es ist richtig kalt. Ab jetzt bin ich mit dem skandinavischen Fjäll alleine.

KLIRRENDE KÄLTE: 12. MÄRZ

Ich werde von der Zeltplane geweckt, die mir ins Gesicht schlägt. Wind und Schneefall stehen sich in nichts nach. Draußen ist alles weiß. Ich sehe noch nicht mal die Hunde, als ich den Kopf aus dem Zelt stecke. Doch trotz des Wetters will ich versuchen weiterzufahren. Die Hunde sind  allerdings anderer Meinung, sie sind heute nicht sehr kooperativ. Mitten im Schneesturm passiert dann, was eigentlich nicht passieren darf. Gaske beißt Heras Leine durch, sie läuft im Kreis, bleibt stehen, schaut mich an und verschwindet dann im Sturm. Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, rufe ihren Namen, doch der Wind übert.nt mich. Ich spüre, wie die Verzweiflung von mir Besitz ergreift. Warum nur musste ich unbedingt bei diesem Scheißwetter losfahren? Was passiert jetzt mit Hera? Als sie loslief habe ich noch versucht, sie mit dem Schlitten einzuholen. Doch das hätte ich mir schenken können. Sie war viel zu schnell.

Stattdessen rufe und schreie ich gegen den Wind an und hoffe, dass sie mich hört. Wer bin ich, dass ich sie in solche Gefahr bringe? Mit dem Schlitten als Windschutz setze ich mich in den Schnee und fange an zu weinen. Scheiße, ich will sie nicht verlieren. Sie ist die älteste in der Hundeschar und ihr herrlicher Humor hat meine Stimmung schon ein ums andere Mal gehoben. Nach einer Stunde sehe ich plötzlich einen kleinen schwarzen Punkt im Sturm, der in der nächsten Sekunde schon wieder verschwunden ist.

War das ein Stein? Es ist Hera, die mir entgegenkommt und in meine Arme springt. Die Freude ist total. Sie ist zurückgekommen. Mir fehlen die Worte. Doch jetzt muss ich mich entscheiden – weiterfahren oder nicht. Der Wind wird stärker und die Sicht schlechter. Ich beschließe, dennoch weiterzufahren. Ist jetzt auch egal. Ich bin oberhalb der Baumgrenze und ringsherum ist das große Nichts. Doch der Rest des Tages besteht aus einem geradezu teuflischen Kampf. Im Urwald südöstlich von Munsvattnet baue ich das Zelt auf. Das Thermometer fällt ziemlich schnell.

Als ich endlich das Eis vom Display abgekratzt habe, sind es minus 33 Grad. Es ist eine sternenklare Nacht. Als ich den Hunden gute Nacht sage, merke ich, dass Apache und Wuolks frieren. Sie haben keinen so dicken Pelz wie die anderen. Ich baue ihnen einen Schlafplatz aus Tannenzweigen und decke sie mit Wolldecken zu. Es wird die kälteste Nacht meines Lebens, und obwohl es die Hölle ist, genieße ich es gleichzeitig. Alles ist so wunderschön, die frostige Luft ist ganz klar. Ich möchte nirgendwo anders sein.

OSTERSAMSTAG MIT WHISKY: 30. MÄRZ

Heute begegnen mir mehr Schneescooter als an allen anderen Tagen zusammen. Es ist Ostersamstag und viele, die in der Gegend rund um Tärnaby unterwegs sind, feuern mich an. Ein frei herumlaufender Golden Retriever kommt auf das Hundegespann zugelaufen, dreht dann aber in letzter Sekunde um und läuft zurück zu seinem Herrchen, der mit schreckverzerrtem Gesicht und der Angel in der Hand ein Stück weiter weg steht. 60 Kilometer später erreiche ich Hemavan, wo ich bereits von Cowboy Mad Mike erwartet werde, der mich ins Dorf geleitet.

Dort ist schon das Osterbuffet aufgetischt. Nach dem Essen macht Mike mit mir das Nachtleben unsicher. Nach ein paar Gläsern Whisky ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Mike steht auf, er und alle anderen Kneipenbesucher stoßen auf mich an. Mir wird warm ums Herz, doch ich sehne mich schon wieder nach der Wildnis.

AUF EINE ZIGARRE MIT BOB DYLAN: 5. APRIL

Ich bin voller Energie. Doch kurz bevor es losgeht, büchst Hilla aus. Sie läuft ein paar Mal um das Dorf Ammarnäs herum und provoziert alle anderen Hunde, bevor sie zurückkommt und wir endlich losfahren können. Jetzt geht es in die Berge. Fünfzig Kilometer in fünf Stunden liegen vor uns. Unterwegs überhole ich ein Paar aus Östersund, das auf Skiern unterwegs ist. Ich bin überhaupt nicht neidisch, als ich sehe, wie sie sich mühsam vorwärtsbewegen.

Etwas später mache ich eine Pause und unterhalte mich mit einem Mann, der auf Skiern den Kungsleden abfährt. Alleine. Ich frage mich, was er wohl so denkt, als ich kurz darauf meine kubanische Zigarre anzünde und dann ziemlich laut Bob Dylan höre – während er in seinen verschwitzten Tights weiterhetzt. Das kann nicht wirklich gesund sein.

POLARKREISBEZWINGER: 8. APRIL

Gegen Mittag überquere ich den Polarkreis. Ein großer Moment. Ich feiere mit einem Schluck Whisky und zünde mir eine Zigarre an. Als ich den letzten Pass des Tages erklommen habe und das Sarek-Massiv in der Abendsonne leuchten sehe, spüre ich, dass ich ein gutes Stück nordwärts gekommen bin. In Kvikkjokk hilft mir ein ausgemergelter alter Mann, mich im Dorf zurechtzufinden. Er schimpft lautstark über die Schneescooter und findet, dass sie aussehen wie Außerirdische aus einem Computerspiel. Ich bin geneigt, seinen Ausführungen zuzustimmen.

GROSSE GEFÜHLE: 11. APRIL

Wieder ein früher Start in den Tag. Hilla führt das Gespann an, nachdem sie ein paar Tage Pause hatte. Ihrem gereizten Fuß geht es besser und ihr Schwanz dreht sich wie ein kleiner Propeller. Als ich nach Aktse komme, sehe ich die verführerischen Gipfel des Tjahkkelij, Nammatj und Skierffe. Ich mache einen Abstecher ins Rapadalen. Im Sonnenuntergang baue ich das Zelt an einem Strandstreifen auf, mit bester Aussicht über die Deltalandschaft unterhalb des Nammatj. Am Abend werde ich von meinen Gefühlen überw.ltigt – Glück, Einsamkeit und Heimweh lösen sich ab. Ich bin nun einen Monat unterwegs, das macht sich auch in meiner Psyche bemerkbar.

UNHEIMLICHE STIMMUNG: 14. APRIL

Der Hüttenwart in Teusajaure weckt mich mit dem Wetterbericht. Es soll milder werden und regnen. Vor dem Kaffeekochen hacke ich eine Runde Holz und hole Wasser für zukünftige Gäste.

Der Tag beginnt mit einem Anstieg von 300 Höhenmetern. Das heißt, einmal den Körper bis zum Anschlag hochfahren. Danach bin ich wach und die Hunde wittern Morgenluft. Ich laufe vor, um die Videokamera einige hundert Meter weiter weg in Position zu bringen. Als ich mich umdrehe, sind die Hunde direkt hinter mir. Sie haben den Firnhaken außer Gefecht gesetzt und sind treu hinter Herrchen hergehechelt.

Wir fahren am Kebnekaise vorbei, auch an dem Abhang, wo vor zwei Jahren die Hercules-Transportmaschine abgestürzt ist. Alle Insassen kamen dabei ums Leben. Tragisch. In dem angrenzenden Tal herrscht eine unheimliche Stimmung. Die Sälka-Hütten, die zwischen den beiden Tälern Tjäktjavagge und Stuor Räitavagge liegen, haben eine Sauna. Ich bleibe über Nacht. Mir wird bewusst, dass ich bald tausend Kilometer zurückgelegt habe.

FINNISCHER TANGO: 18. APRIL

Ein etwas umständlicher Start in den Tag. Das Gespann ohne Verluste hinunter zum Torneträsk zu fahren, ist nicht ganz leicht. Wir fahren durch einen Scootertunnel unter der Bahnlinie hindurch, der voller Schmelzwasser steht. Der Schlitten schwimmt und der wasserscheue Halo kann es sich im Sitzen bequem machen. Er sieht zufrieden aus, wie er da so auf dem Schlitten sitzt – wie ein Seeräuberkapitän auf seinem kleinen Schiff, der seine Galeerensklaven unter Aufsicht hält, die das Gefährt durchs Wasser ziehen.

Auf dem Torneträsk kämpfe ich mit miserablen Verhältnissen. Nasser, schwerer Schnee und Wasser auf dem Eis wechseln sich ab. Nach fünfzig Kilometern sind wir klatschnass und suchen uns einen Platz für die Nacht im Birkenwald. Es gießt in Strömen und weht. Ich höre finnische Tangomusik und esse Rentierwurst. Das kleine Radio, das ich dabei habe, leistet mir abends im Zelt gute Gesellschaft. Eigentlich wollte ich den Wetterbericht hören, aber das Einzige, was ich reinbekomme, ist Tango. Sturm!

TIERE UND TRÄNEN: 20. APRIL

Die Landschaft rund um das Pältsa-Fjäll ist menschenleer.

Ich fahre an Rentierherden vorbei und an einem Vielfraß, der mich aus sicherem Abstand observiert. Eine große Gruppe Schneeammern begleitet mich eine Weile. Morgen werde ich am Dreiländereck ankommen! Ich genieße es, die echten und großen Gefühle zu spüren, die von mir Besitz ergreifen. Freude und Tränen. Nach über 900 Kilometern über die Tundra geht es hinunter zu den Pältsa-Hütten, die unterhalb des Fjälls mit gleichem Namen liegen.

AM DREILÄNDERECK: 21. APRIL

Das Gefühl, dass das Ziel beinahe zum Greifen nahe ist, ist überw.ltigend. Wir fahren durch eine hügelige Landschaft, und auf einem steilen Abhang, der in einen Fjällsee mündet, kippt der Schlitten um. Ich halte mich mit aller Kraft fest, und poltere über den geharschten Schnee. Loslassen ist keine Alternative. Wir werden schneller und schneller. Krampfhaft versuche ich, den Kontakt zum Schlitten nicht zu verlieren. Wir fliegen an drei finnischen Eisanglern vorbei, die nur einige Meter entfernt auf dem See sitzen.

 

Sie schauen etwas verwundert aus der Wäsche. Ich grabe meine Finnischkenntnisse aus. »Perkele!« (dt. Verdammt). Eine Lachsalve ist die Antwort. Am letzten langen Abhang gelingt es mir, auf einem Plateau anzuhalten und das Fernglas zu zücken. Ich kann das Dreiländereck sehen! Dort, wo Schweden, Norwegen und Finnland aufeinandertreffen, am Strand des Sees Koltajaure, steht ein großer Betonklumpen, der das nördlichste Dreiländereck der Welt markiert. Das Grenzmonument wurde 1926 gegossen. Obwohl es als solches nicht mein eigentliches Ziel ist, kann ich nicht bestreiten, dass es ein befreiendes Gefühl ist, den Betonklumpen zu umrunden. Zwei finnische Langläufer, die eine Tagestour von Kilpisjärvi gemacht haben, leisten mir Gesellschaft. Sie laden mich passenderweise auf einen White Russian ein.

MEERESDUFT: 22. APRIL

Heute geht es nach Westen und ins Signaldalen hinunter, das nur einige Kilometer von der norwegischen Atlantikküste, südöstlich von Tromsø, entfernt liegt. Oberhalb der Baumgrenze begegne ich fünf anderen Hundeschlitten-Gespannen. Danach geht es in achterbahnähnlichem Stil nach unten. An einem schneefreien Platz halten wir an und genießen die Aussicht über das Tal. Ich setze mich mitten in die Hundemeute, die um mich herumwuselt. Täusche ich mich oder rieche ich tatsächlich frische Meeresluft hier oben? Ein Seeadler schwebt über mir vorbei.

Ich kann die Tränen nicht länger zurückhalten. Wir haben es geschafft, aber ich will nicht, dass es vorbei ist. Die Hunde suchen meine Nähe. Das Gemeinschaftsgefühl und die Loyalität, die wir füreinander empfinden, kann man nicht in Worte fassen. Nur jemand, der 39 Tage und 1 300 Kilometer mit ihnen verbracht hat, kann das verstehen. Die Hunde haben eine Ehrlichkeit und Loyalität, die mir bei Menschen noch nie begegnet ist. Sie geben immer ihr Bestes und sind einem unendlich zärtlich zugeneigt.

Hier liege ich mitten in einem Haufen von Schlittenhunden und weine; ich habe mich nie glücklicher oder vollständiger gefühlt. Diese Expedition war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe.

Verwandte Inhalte

Die Redaktion empfiehlt