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Natur des Nordens

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Hafenrundfahrt: Unterwegs auf dem dänischen Radweg N8

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Verschlafene Fischerstädtchen und knisternde Feuer an weiten Küsten. Auf dem süddänischen Radweg N8 radeln Michael Fiukowski und seine Freundin Sarah von einem Ankerplatz zum nächsten. Ihre Momente am Meer haben sie für NORR zu Papier gebracht.

Denken Sarah und ich an all unsere Erlebnisse im Norden zurück, dann kommen uns Bilder von Rentierherden in Finnisch Lappland, Paddelexkursionen auf norwegischen Fjorden oder einsame Wanderpfade zwischen isländischen Gletschern in den Sinn. Dabei fängt Skandinavien doch schon wenige Kilometer hinter Flensburg an. Und wer sagt, dass nicht auch die nordischen Abenteuer genau hier beginnen können? In diesem Frühling verlassen wir unsere Heimatstadt Berlin mit dem Zug und Fahrrädern, um ab Flensburg aus eigener Muskelkraft die Grenze zu überschreiten und uns auf eine Erkundungstour durch Dänemarks Häfen aufzumachen.

Stürmischer Start

Mittwoch, 20. Juni

Eine steife Brise bläst uns vor den Toren des Flensburger Bahnhofs beharrlich in den Rücken, als würde sie uns Schwung für die 500 Kilometer lange Tour von Sønderjylland nach Fünen geben wollen, die in den kommenden Tagen vor uns liegt. Auf dem Ochsenweg, einer ehemaligen Handelsroute zwischen Norddeutschland und Dänemark, die den Bauern als Treibweg für ihr Vieh diente, werden Sarah und ich dank der Böen in unser Nachbarland geschoben, ohne dabei ernsthaft in die Pedale treten zu müssen. Meter für Meter werden wir, vorbei an ausgedehnten Wiesen und Feldern, weiter Richtung Norden gepustet.

Am späten Nachmittag erreichen wir unsere erste Unterkunft in Aabenraa und befreien unsere Drahtesel von dem schweren Gepäck. Um einige Kilo leichter rollen wir an den Hafen hinunter, um dort einen abendlichen Snack zu ergattern. Durch die verwinkelten Gassen der Stadt schlendernd bemerken wir kaum, dass der Wind erneut kräftig aufgefrischt hat – dieses Mal zu unserem Nachteil. Gegen hartnäckigen Sturm kämpfen wir uns um Mitternacht den Anstieg hinauf zurück zu unserem Hostel und fallen gänzlich erschöpft in unsere Betten.

Völlerei und Unwetter

Donnerstag, 21. Juni

Kurz nach Aufbruch zur heutigen Etappe entdecken wir ein gemütliches »Pandekagehus« (dt. Pfannkuchenhaus) und beschließen spontan, eine Tasse heiße Schokolade mit Sahne zu trinken. Der Spezialität des Hauses, Pfannkuchen mit frischem Salat, Rindfleisch und deliziösem Dressing, können Sarah und ich ebenfalls nicht widerstehen und sind anschließend derartig träge, dass es verlockend erscheint, die Radtour für heute direkt zu beenden. Um unser Etappenziel zu erreichen, müssen wir allerdings noch knappe 20 Kilometer weiterstrampeln.

Der Himmel hat sich mittlerweile feindselig verdunkelt, als möchte er uns die voreilige Völlerei heimzahlen. Plötzlich regnet es so stark, dass wir kaum unsere Augen offen halten können und nahezu blind der Strecke folgen. Die Schutzbleche am Fahrrad können die enormen Wassermassen nicht daran hindern, unsere Schuhe zu durchnässen. Die Stimmung ist am Tiefpunkt angelangt, als wir uns durch den Hafen von Haderslev kämpfen. Vom Regen durchtränkt retten wir uns schließlich in eine kleine Holzhütte, die direkt am Wasser steht. Während unsere Kleidung am Ofen langsam zu trocknen beginnt, lauschen wir dem Sturm, der an unserem kleinen Küstenh.uschen rüttelt, und beobachten die Regentropfen, die sich ihren Weg entlang der Fensterscheibe bahnen. Die Angespanntheit weicht einem behaglichen Gefühl, dem tobenden Unwetter zumindest für heute Nacht entkommen zu sein.

Zeit der Feuer

Samstag, 23. Juni

Schon an den Tagen zuvor sind uns die großen Holzhaufen aufgefallen, die an den Küsten zusammengetragen wurden. Heute brennt es an vielen Stränden in Dänemark lichterloh. Der 23. Juni wird als Tag der Sommersonnenwende gefeiert. Zum »Sankt Hans Aften« versammelt sich jedes Jahr die gesamte Dorfgemeinschaft, um zu singen, zu trinken und dem Spektakel beizuwohnen. Als das Feuer entzündet wird, sind wir dabei, wie eine Stoffpuppe in Form einer Hexe sekundenschnell im Flammenmeer versinkt. Man sagt, dass die Hexen an diesem Abend mitsamt ihrer Besen zum Blocksberg, dem Brocken im Harz, geschickt werden. Nach einer Stunde ist der ganze Spuk vorbei und die Leute fliehen – vielleicht nicht nur aufgrund des Wetters – zeitig zurück in ihre Häuser.

Dem Meer ganz nah

Sonntag, 24. Juni

Die schmale Straße folgt der Küste. Auf dem Wasser scheucht der Wind die Segelboote vor sich her, mit denen wir um die Wette radeln. Durch knorrige Wälder eröffnen sich spektakuläre Blicke auf das schimmernde Meer. Auf Fünen, Dänemarks drittgrößter Insel, strahlt die Sonne unermüdlich vom Himmel. Aufgewärmt von ihren Strahlen fällt es Sarah und mir um einiges leichter, in die Pedale zu treten. Auch diverse Insekten sind heute aktiver. An Sarahs gelben Packtaschen finden sie besonders großen Gefallen und färben diese zeitweise gänzlich schwarz. Wir radeln den kompletten Süden der dänischen Insel entlang und passieren wunderschöne Hafenstädte. In Faaborg, wo die Möwen über den zauberhaften Fachwerkhäusern kreischen, machen wir an einem der vielen Fischrestaurants halt. In Konnerup besuchen wir die berühmte Schokoladenmanufaktur. In Fjællebroen rollen wir hinunter zu den Ankerplätzen und lauschen den Wellen, die sanft an Land rollen. Endlich überkommt uns das Gefühl, voll und ganz auf dieser Tour angekommen zu sein. Am Lagerfeuer, das wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit entzünden, philosophieren wir über das Leben und das Glück, das genau dieser Moment am Meer für uns bedeutet.

Stille Farben und endloser Himmel

Dienstag, 26. Juni

Auf sandigem Waldboden geht es weiter auf die Insel Tåsinge. In regelmäßigen Abständen gibt es hier, wie auch an vielen anderen Stellen auf dem N8, Reparaturstationen, die mit dem nötigsten Werkzeug für den Fall einer Fahrradpanne ausgestattet sind. Frühzeitig machen wir uns heute auf den Weg zu einem Shelter, das abgeschieden direkt an der Ostsee liegt und in dem wir die Nacht verbringen möchten. Nachdem wir uns häuslich in dem Holzverschlag eingerichtet haben, satteln wir noch einmal die Räder mit unseren Packtaschen. Zum nächsten Ort sind es 15 Kilometer, die wir wohl oder übel bewältigen müssen, um uns mit genügend Verpflegung einzudecken. Später legen wir uns ins Gras und trinken gekühltes Bier. Der Sonnenuntergang taucht den Himmel in ein sattes Farbenmeer. Langsam steigt der Mond über den Klippen empor. Das Lagerfeuer, das wir direkt am Strand entfacht haben, knistert beruhigend und duftet nach Wildnis und Abenteuer. Aus unseren Schlafsäcken schauen wir in das endlose Himmelszelt, an dem langsam die Sterne aufgehen und zu uns hinunterfunkeln.

Endspurt mit Festival

Mittwoch, 27. Juni

Die Wolken hängen tief, als wir uns auf die letzten 70 Kilometer und damit die längste Distanz unserer Tour auf dem Ostseeküsten-Radweg begeben. Vorbei an Kirchen und kleinen Hofläden, durch idyllische Dörfer und entlang blühender Felder führt uns der Weg in Fünens Hauptstadt Odense. Erschöpft, aber glücklich trudeln wir im Hafen der Inselhauptstadt ein und finden uns inmitten eines Musikfestivals wieder. Obwohl der Kontrast zu den vergangenen Tagen, oft fernab der Zivilisation, kaum größer hätte sein können, fühlen wir uns wohl inmitten der fröhlich feiernden Menschenmassen. Wir schlendern durch Storms Pakus, Odenses großen Streetfood-Markt mit seinen vielen landestypischen Spezialitäten, und besuchen ein urbanes Schwimmbad, das sich inmitten von modern designten Wohnblöcken versteckt. Am Abend wandeln wir durch Odenses Altstadt mit ihren engen Gassen, in denen Cafés, Bars und Restaurants liegen, und lassen unsere Reise Revue passieren. In den vielen kleinen Häfen haben wir Ankerplätze gefunden, sind zur Ruhe und uns selbst noch ein Stückchen nähergekommen. Nun ist es an der Zeit, ein letztes Mal die Segel zu hissen – und mit dem Zug in unserem eigenen Heimathafen anzulegen.

 

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