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Natur des Nordens

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Hailuoto: die Insel der Inspiration

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Hailuoto zieht schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler aus ganz Finnland an. Heute wird die Insel von einer neuen Generation an Kreativen bewohnt. Künstlerinnen und Künstler berichten, was an der Insel und ihrer Natur so inspirierend ist.

Zum ersten Mal kam Marjatta Hanhijoki Anfang der 1970er Jahre als Kunststudentin nach Hailuoto. Als sie an einem lauen Sommerabend im Schein der Abendsonne über Marjaniemi – den westlichsten Strand der größten Insel im Bottnischen Meerbusen – blickte, war für sie alles perfekt: die Insel, ihre Natur, die Sandstrände, der Dialekt der Inselbewohner. Marjatta und ein paar Freunde von der Kunsthochschule hatten sich selbst einen Sommerjob organisiert: Sie wollten in Eigeninitiative ein Kunstcamp veranstalten und die Insel Hailuotoschien ihnen der passende Ort hierfür zu sein.

Die alte Schule in Ojakylä wurde zum Künstlerhauptquartier. Der perfekte Ort, um neun Sommer lang in Ruhe Bildhauerei, Malerei und Grafik zu lernen und zu lehren. Die Philosophie dazu hatten sie von ihrem gemeinsamen Dozenten abgeschaut, dem berühmten Glasdesigner Kaj Franck: Im Camp lehrte jeder alles und alle lernten voneinander, auch wenn sich jeder im eigenen Schaffen spezialisierte. Umweltschutz und Antimaterialismus spielten immer eine Rolle für Franck, in der Kunst, im Design, im Leben. Er impfte seinen Studenten ein, dass das Ziel nicht immer gleich ein neues Produkt sein muss, dass man Material auch recyceln kann und soll und dass man als Designer Teil des stetig wachsenden Abfallproblems ist. Francks Inspiration war die Natur – die Landschaft und die Felsen, das Moos und die Pflanzen. Ihm war es wichtig, dass der Mensch und die Natur koexistieren. »Wir hatten kein Geld, also führten wir auf Hailuoto ein asketisches Leben. Wir kochten und aßen zusammen draußen in der Natur«, erinnert sich Marjatta. Das Kunstcamp auf Hailuoto sprach sich schnell herum und schon bald gab es mehr Interessenten als Plätze. Aus vielen Teilnehmenden wurden später berühmte Künstlerinnen und Künstler – wie auch aus Marjatta Hanhijoki und ihrem damaligen Ehemann Markku Keränen. Auch heute noch arbeiten die beiden jeden Sommer auf Hailuoto.

Zur Künstlerinsel war Hailuoto aber tatsächlich schon viel früher geworden, denn Kunst-, Literatur- und Kulturschaffende hatten die Insel schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts für sich entdeckt. Dennoch waren es die Kunstcamps, mit denen die Legende um Hailuoto als Insel der Künste geboren wurde. Genährt wurde sie weiter durch die magisch-realistische Hailuoto-Trilogie von Matti Hälli (1913–1988) aus Oulu, der die Natur der Insel und das Leben der Inselbewohner schon zu Zeiten, in denen noch keine Fähre zwischen Hailuoto und dem Festland verkehrte, in seinen Geschichten einfing. Das nordfinnische Kulturblatt Kaltio nannte seine Bücher »Hailuoto-Köder für das Kunstvolk«, weil sie immer wieder neue Künstlerinnen und Künstler auf die Insel lockten. Die Blütezeit der Kunstkurse ist heute schon längst vorüber. Matti Hällis Status als Kultschriftsteller ist vergessen, auch wenn seine  fabelhaften Bücher nach Meinung vieler mehr Aufmerksamkeit verdienen würden. Auf der Insel lebt dafür heute eine neue, lebendige Generation an Musikern, Schriftstellern und Künstlern. Was die Kreativen hier vereint, ist ihre ungekünstelte Internationalität: Wer der Ruhe und Natur auf Hailuoto entfliehen möchte oder muss, gelangt von hier in wenigen Stunden über den Flughafen Oulu nach Berlin, New York oder Peking. Also ab in den Bus und auf die Fähre, um herauszufinden, was Hailuoto so besonders macht und warum ganze Generationen an Kunstschaffenden hier Inspiration suchen. Was ist es, das die Natur der Kunst zu geben hat?

ERKENNTNIS 1:

Karg macht kreativ

»Hailuoto ist so platt wie ein Pfannkuchen. Auch die Sandstrände. Bis zum Festland sind es acht Kilometer, am Horizont ist aber nur ein kleiner Strich davon zu sehen. Die Insel ist umgeben von Meer. Viel Meer.« So beschreibt Marjatta die Insel, auf der sie nun seit 40 Jahren jeden Sommer lebt und malt, während sie den Winter im Künstlerhaus Lallukka in Helsinki verbringt. »Ich finde, dass das Licht auf Hailuoto einfach anders ist«, erklärt sie. »Bei Sonnenschein wird das Licht im Meer ganz anders gebrochen als im Wald. Ich beobachte den Wetterwechsel und das Meer und bin jedes Mal aufs Neue vom Farbenreichtum fasziniert.« Wenn Marjatta mehrere Wochen lang an einem Gemälde arbeitet, muss sie darauf achten, immer zur selben Tageszeit fortzufahren, da das Licht zu verschiedenen Uhrzeiten anders erscheint. Auch die Gebäude auf der Insel sind für Marjatta wichtig. Sie bilden eine harmonische Einheit. »Ich mag die Kargheit der Insel und den daraus geborenen Einfallsreichtum«, schwärmt sie. Auch wenn es noch so klischeehaft klingen mag: Auf Hailuoto ticken die Uhren anders. Langsamer, mit dem Schritt der Natur. »Komm so, dass ich morgens noch angeln gehen kann« – diese Antwort erhält Marjatta immer, wenn sie einem gewissen Künstlerfreund ihren Besuch ankündigt. Und zu Mittag gibt es dann Hering.

Die Dünen am Strand im Westen der Insel sind Ende Herbst wüst. Auf dem Holzsteg weht immer noch ein überraschend warmer Wind. Wie schon von Marjatta Hanhijoki beschrieben, ist es hier flach. Die Insel hat sich vor etwa 2 000 Jahren aus dem Meer erhoben und hebt sich immer noch weiter. Die Küste ist daher lebendig, verändert sich. Hailuoto ist mit einer Fläche von etwa 230 Quadratkilometern die größte Insel im Bottnischen Meerbusen. Hier gibt es sowohl unberührte Natur als auch alte traditionelle Kulturlandschaften. Im alten Fischerdorf reiht sich eine rote Fischerhütte an die nächste. Andere Inselorte sind von traditioneller nordischer Bauernarchitektur geprägt. In einem Haus des Fischerdorfs werden lokale Handarbeiten verkauft, zum Beispiel wunderschöne aus finnischer Schafwolle gestrickte Pullover mit geknöpftem Schultersaum, die unter dem Namen »Luotolaispaita« bekannt sind. Die Strickkunst wird auf Hailuoto von Generation zu Generation weitergegeben. Schon seit dem 12. Jahrhundert ist die Insel dauerhaft bewohnt. Der Leuchtturm wurde im  Jahr 1872 errichtet – damals, als hier noch viel Lotsenverkehr herrschte. Heute scheint die Zeit fast stillzustehen. Hinter dem Sandstrand beginnt ein niedriger und dicht mit Flechten bewachsener Kiefernwald. Zum Schutz der Natur auf Hailuoto wurden verschiedene Umweltschutzprogramme verabschiedet, deren Gegenstand nicht nur Vögel und Strandgebiete sind, sondern auch die einzigartigen Hügellandschaften. Es sind wohl genau diese Formationen und die flachen Strände der Insel, die das nordische Licht hier so besonders erscheinen lassen.

ERKENNTNIS 2:

Konzentration auf das Wesentliche

Hailuoto ist nicht nur als Künstlerrefugium, sondern auch für ihr Vogelvorkommen bekannt. Vogelbeobachter aus ganz Finnland kennen die Insel vor allem als Nistgebiet. Die Gezeiten bieten vornehmlich Strandvögeln ein offenes und geeignetes Lebensumfeld. Auf Hailuoto wurden bereits über 300 verschiedene Vogelarten gesichtet, darunter Stein- und Seeadler, Mäusebussarde, Schwäne, Wanderfalken, Blässhühner, aber auch seltenere Vogelarten wie Rohrdommeln. Zur Zeit des Vogelzugs fallen die Vogelkundler, die genau wissen, welche der zahlreichen Vogeltürme auf der Insel für die Beobachtung welcher Vögel geeignet sind, über Hailuoto ein: Während von dem einen Turm aus Wasservögel besonders gut beobachtet werden können, hat man von anderen den Frühjahrszug der Raubvögel gut im Blick und wiederum andere eignen sich für die Beobachtung von Schilfvögeln und des Herbstzugs. Als ich auf die Insel komme, sind die Vogelzüge bereits vorüber. Die Sommergäste sind schon abgereist ebenso wie die Vogelfreunde. Die Ruhe ist zurück. »Im Sommer ist hier viel zu viel los, da hat man schon gar keine Lust mehr, für die Fähre anzustehen«, klagte eine Ortsansässige im Bus auf meiner Herfahrt. Und wenn sich Finnen über das Anstehen beschweren, dann mag das etwas heißen. Jetzt im Herbst bei gähnender Leere auf der Insel ist es schwer vorstellbar, wie hier jemals zu viele Menschen auf einem Fleck sein können.

Mit dem Fotografen Aki Roukala habe ich für diesen Artikel einen echten Hailouto-Experten dabei. Er scheint, jeden auf der Insel zu kennen und hat versprochen, mir Menschen auf Hailuoto vorzustellen, die mir erklären können, was die Insel für Kulturschaffende so anziehend macht. Dabei ist Aki selbst eine Schlüsselfigur der Insel. Er hat auf Hailuoto unter anderem das Bättre Folk-Festival ins Leben gerufen, das jeden Sommer im Fischerdorf Marjaniemi direkt am Meer veranstaltet wird. Ihm hat die Insel auch das Kulturhaus »Kulttuuritalo Päiväkoti« zu verdanken – ein gemütliches Blockhaus, das Künstlern und Schriftstellern als Residenz und auch anderen Kreativen und Freiberuflern als stille Coworking-Oase dient. Im Kulturhaus befindet sich außerdem der »kleinste Studioraum der Welt« für Singer  Songwriter. Hier nimmt gerade der finnische Indie-Star Mirel Wagner seine neue CD auf. »Früher wohnten hier traditionelle bildende Künstler, heute sind es in erster Linie digitale Nomaden«, erklärt Aki aus Helsinki. Im Gegensatz zur Stadt mit ihrem Reiz- und Angebotsüberschuss, wo ständig Konkurrenz herrsche, könne man sich hier besser auf das Wesentliche konzentrieren. Man arbeitet weniger, aber dafür besser und effizienter. »In der Langsamkeit der Insel geschieht etwas Wundersames.«

Zu den weiteren auf Hailuoto wohnenden Künstlerinnen und Künstlern gehören unter anderem der finnische Electronica-Musiker Sasu Ripatti, der weltweit unter dem Künstlernamen Vladislav Delay bekannt ist, und die auf der Insel geborene bildende Künstlerin Anni Rapinoja, die in ihrer Arbeit aus der Natur schöpft. Hailuoto zählt ungefähr 1 000 dauerhafte Einwohner, von denen viele bereits seit Generationen auf der Insel leben. Aki Roukala weiß, dass die Künstler auf die lange Geschichte der Insel stolz sind und die anderen Einwohner auf die lebendige Kultur. Das Zusammenleben funktioniert gut und alle respektieren einander.

ERKENNTNIS 3:

Die Natur lehrt, aus sich selbst zu schöpfen

Wer hier wohnt, muss geduldig und tolerant sein. Das schlägt sich auch in der Kunst der Insel nieder. Vor Kurzem wurde auf einem der hiesigen Felder etwa das Werk 4’33 des amerikanischen Avantgarde-Komponisten John Cage aufgeführt. Neben Harmonium- und Blockflötenpassagen enthält es gut viereinhalb Minuten Stille – und wenn man ganz genau hinhört, die Stimmen der umgebenden Natur. »Das Konzert lief unter dem Titel Avantgarde als Alltagsvergnügen«, erzählt die Krimiautorin Kati Hiekkapelto. Auch sie schwärmt von der gestaltenden Kraft von Hailuoto. Ihre Familie stammt ursprünglich von der Insel, sie selbst zog als Erwachsene dorthin. Heute nennt sie den Ort ihr wahres Zuhause. »Obwohl man meinen könnte, dass Inselbewohner eher verschlossene Menschen sind, sind die Dörfer hier viel toleranter und offener als ihre Pendants auf dem Festland. Hier findet viel Austausch statt«, berichtet Kati. »Hier gibt es keine Kluft wie bei Harry Potter zwischen den Muggels und den Zauberern, und auch keine Künstlerallüren.«

Für die Autorin steht Hailuoto für Freiheit – im Gegensatz zur Stadt, wo die Kunst vielerlei Einflüssen unterliege und man schnell verleitet werde, sich den Ideen oder gar Vorgaben anderer anzuschließen oder zu beugen. Hier sei man dagegen frei und jeder könne das tun, was er möchte. Abgegrenzte Rollen gebe es nicht. »Die Ideen werden in einem selbst geboren und nicht von anderen vorgegeben. Wem hier langweilig wird, der sucht sich etwas. Es gibt immer etwas Interessantes, Neues zu entdecken«, so Kati. Aki nickt. »In Helsinki war ich Fotograf, hier bin ich einfach nur ich.« Alle Künstler hier schwärmen davon, dass Hailuoto eine Insel und von Wasser umgeben ist. Auch wenn der Sturm manchmal zu stark ist. Keiner von ihnen ist scharf auf die Brücke, deren Bau zwischen dem Festland und der Insel geplant ist – auch wenn die Fähre wegen der Eisschollen im Winter manchmal nicht verkehren. Dumme Ideen gelangen hier nicht so schnell hin«, so Marjatta Hanhijoki. Für sie hat die Insel alles, was es braucht. Von der alten Fischerhütte, in der sie wohnt, unternimmt sie morgens lange Spaziergänge am Strand. Und die Nachbarsfamilie hat einen ganzen Kinderschwarm, von denen immer mal eines für sie beim Malen Modell steht. »Hailuoto ist mit Sicherheit nicht der einzig traumhafte Ort der Erde. Ich bin mir sicher, dass es für jeden einen Herzensort gibt. Aber ich habe ihn hier auf einer Insel im Bottnischen Meerbusen gefunden.«

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