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Natur des Nordens

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Hardangarvidda: Eine Fjell-Tour mit Flirt-Faktor

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Emma Mattsson hatte genug von Dating-Apps. Stattdessen fuhr sie nach Norwegen, um bei einer Skitour auf dem auf dem Hardangarvidda-Plateau ihre große Liebe zu finden – und zwar mithilfe einer grünen Mütze. Auf rutschigen Brettern machte sie ihre ersten Versuche beim Fjell-Dating.

Ich fühle überhaupt gar nichts, noch nicht einmal eine kleine Erhöhung der Pulsfrequenz. Die Dating-App blinkt sinnentleert auf dem Telefon vor meiner Nase. Alle möglichen Männer flimmern auf dem Bildschirm vorbei. Dunkelhaarige, blonde oder solche, die überhaupt kein Haar mehr haben. Typen mit großem Bizeps und Freaks, die kopfüber an steilen Felskanten hängen. Auch als ein Mann mit üppigem Bart auftaucht, der sich in einer Schar goldbrauner Welpen präsentiert, melden sich keine Gefühle. Es funktioniert einfach nicht. Irgendetwas fehlt.

An einem kalten, schneelosen Wintertag höre ich durch Zufall, dass es in Norwegen etwas gibt, das »Tinder på fjellet« heißt (dt. Tinder im Fjell). Und das funktioniert so: Singles setzen sich eine grüne Mütze auf und begeben sich auf Tour, wie man in Norwegen sagt, wenn man in der Natur unterwegs ist. Es dauert nicht lange, bis die Fotografin Linda Romppala, die auch Single ist, und ich eine Entscheidung treffen: Einen Versuch ist es wert! Wir machen uns auf nach Norwegen, um die Liebe mithilfe einer grünen Mütze zu finden.

Das Ganze nahm als Aprilscherz seinen Anfang. 2014 saßen die Verantwortlichen des norwegischen Tourismusverbands DNT zusammen und suchten nach einer passenden Idee für den Aprilscherz des Jahres, mit dem die Organisation regelmäßig ihre Mitglieder überrascht. Im Jahr zuvor gab es ein Wachsverbot für Skifahrer, aber für dieses Jahr wollte man sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Die Ideen waren zahlreich. Eine der Mitarbeiterinnen, Julie Maske, schlug vor, dass man ein Farbsystem für Mützen einführen könnte, das über den Zivilstand Auskunft gibt. Eine grüne Mütze bedeutet, dass man Single ist. Eine rote signalisiert, dass man in festen Händen ist. Auf diese Weise würde man von Anfang an Bescheid wissen.

Die Kollegen waren Feuer und Flamme und am 1. April 2014 wurde ein entsprechender Artikel auf der DNT-Seite veröffentlicht, der auch über soziale Netzwerke verbreitet wurde. Dort entwickelte die ganze Sache plötzlich eine eigene Dynamik. Der Beitrag wurde 48 000 Mal geliked und geteilt – der Erfolg war nicht mehr aufzuhalten. Die grüne Mütze war plötzlich überall Gesprächsstoff und Julie und ihre Kol-legen trauten ihren Augen kaum, als sie kurze Zeit später überall in den norwegischen Bergen Menschen mit grüner Kopf bedeckung sahen.

Die Mütze muss mit

Auf dem Fjell an der Grenze zu Norwegens größtem Nationalpark, der Hardangervidda, hat es in der vergangenen Nacht geschneit. In der Hütte von Haukeliseter erwärmt ein Kaminfeuer den großen Speisesaal. Hierher hat es uns für ein Skiwochenende in einer atemberaubenden Umgebung verschlagen – in der Hoffnung auf vielversprechende Bekanntschaften mit grünen Mützen. »Ja, das kenne ich«, lacht der gut aussehende Typ, den wir gerade beim Frühstück getroffen haben. Wir haben uns neugierig erkundigt, ob er über grüne Mützen Bescheid wüsste, was er bejaht hat, aber selbst hat er diese Art des Datings noch nicht getestet.

Junge Eltern lächeln uns wohlwollend zu, als wir unsere Mützen aufsetzen. Für einen kurzen Moment fühlt es sich an, als ob ich ein offenes Buch bin. Die Wörter »Single« und »verzweifelt« scheinen mir auf die Stirn geschrieben zu sein. Die grüne Mütze kratzt und juckt, als wir mit unseren Skiern unterm Arm die Hütte verlassen. Draußen empfängt uns ein gleißendes Weiß und die Luft, die unsere Lungen füllt, ist leicht. Die Gipfel liegen hinter Nebelschleiern verborgen und der Neuschnee wirbelt über die Ebene. Meine viel zu großen Langlaufstiefel sind bis zum Anschlag zugeschnürt.

Als ich auf meine Skier hinunterblicke, schaue ich direkt in die Augen von Fridtjof Nansen, dem norwegischen Abenteurer, der mich mit intensivem Blick betrachtet. Etwas weiter weg, auf einem See, fliegen Snowkiter elegant über das Eis. In ihren bunten Klamotten freuen sie sich sicher sehr über den beißenden Wind, der mir ins Gesicht weht. Unsere Ski gleiten langsam und ruhig dahin. Wir folgen den nackten und vom Frost in eisernem Griff gehaltenen Weidezweigen, die unsere Route markieren. »Schau mal einer an, zwei Frauen mit grüner Mütze, die ganz allein unterwegs sind«, freut sich ein alter Herr, dem wir unterwegs begegnen und der uns freundlich zuwinkt.

Totale Verwirrung

An diesem wunderschönen Wintervormittag sind wir nicht gerade allein auf dem Fjell, doch grüne Mützen sehen wir nicht – außer unseren eigenen. Eine Gruppe mit vollgepackten Pulkaschlitten überholt uns keuchend von hinten. Ein Teilnehmer schafft es nicht ganz, das Tempo zu halten und bleibt in unserer Nähe. Er ist komplett rot angezogen. Wir fangen an, uns zu unterhalten und erzählen, warum wir grüne Mützen auf haben. Plötzlich hat er es sehr eilig, seine Freunde einzuholen. Die Stunden vergehen und wir spulen Kilometer für Kilometer ab. Wir haben das Gefühl, dass Mützen in sämtlichen Farben an uns vorbeifahren – nur keine grünen.

Plötzlich sehen wir in weiter Ferne eine Kopfbedeckung mit der richtigen Farbe. Doch dann sehen wir, dass die Mütze zu einer Frau gehört, aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Grün ist grün! Hinter ihr schließt ein Mann mit einer roten Mütze auf und die Verwirrung ist total. Es zeigt sich, dass weder die Frau noch der Mann vom Mützen-Dating gehört haben. Das frisch verlobte Paar düst weiter, wünscht uns aber noch viel Glück. Probe aufs ExempelZwei, die sich dank der richtigen Mützenfarbe kennengelernt haben, sind Stine Brorstad und Tore Solvang.

An einem warmen Spätsommerabend kreuzten sich ihre Wege auf einem Fjell nahe Bergen. Tore war mit seinen Freunden an einem nahen See angeln und gerade in die Berghütte zurückgekehrt. Als er in der Küche das Abendessen vorbereitet, sieht er eine schöne Frau mit langen blonden Haaren draußen am Fenster vorbeigehen. Sie trägt eine grüne Mütze und Tore weiß genau, was das bedeutet. Stine war zeitgleich mit ihren Freundinnen auf der Hütte. Die Mütze hatte sie von einem Freund bekommen, der sie überredet hatte, es doch mal mit Fjell-Dating zu probieren. An dem erwähnten Abend begegneten sich die beiden Gruppen auf der Hütte und am Tag darauf, als die lange Wanderung zurück ins Tal anstand, ergab es sich, dass Tore und Stine nebeneinander gingen und sich angeregt unterhielten. Und das tun sie noch immer.

»Vielleicht hätten wir uns auch so ineinander verliebt, aber die Mütze hat mir geholfen, den ersten Schritt zu wagen. Sie war der Eisbrecher«, erzählt Tore. Nachdem die beiden ein Paar wurden, gab Stine ihre Mütze schnell an eine andere Single-Freundin weiter. Zurück in der Hütte in Haukeliseter sind wir von schreienden Kindern und müden Eltern umgeben. Es scheint, als ob wir für unser Vorhaben einfach den falschen Zeitpunkt gewählt haben. Im letzten Sommer wurden in einer Hütte im Jotunheimen-Nationalpark an einem einzigen Tag 400 grüne Mützen verkauft. Während der beliebten Fjellfestivals standen die Jugendlichen Schlange, um eine der begehrens-werten Mützen zu ergattern. Irgendetwas muss also dran sein an der grünen Farbe.

Kraft der Natur

Als wir die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben hatten, taucht er plötzlich auf. Mit samtweichen braunen Augen und etwa 15 Jahre jünger als wir gleitet er über die Türschwelle des Speisesaals. »Habt ihr auch grüne Mützen auf ?«, bricht es aus ihm heraus. Sofort sind wir auf einer Wellenlänge – als ob wir dem gleichen Geheimclub angehören würden. Wir umarmen uns und Morten Klein Pettersen, der seine Mütze erst seit ein paar Tagen hat, erzählt, dass er sie seitdem Tag und Nacht trägt. »Die Mütze ist super, wenn man Mädels auschecken will«, sagt er lachend. Er ist sich sicher, dass ihn das neue Kleidungsstück nicht nur warm halten, sondern auch zu spannenden Begegnungen verhelfen wird.

Morten studiert Natur, Kultur und Erlebnispädagogik an einer Hochschule in der Region Telemark. Er spricht lange und eindringlich von der Mystik der Natur und welchen Einfluss sie auf uns hat. Nach seiner Überzeugung sind wir uns alle dieser besonderen Kraft bewusst, aber den meisten fehlen die Worte, um dieses Gefühl zu beschreiben. »In der Natur verschwinden viele Oberflächlichkeiten und unnötige Eindrücke, die uns in urbanen Milieus umgeben. Die Ruhe hilft uns dabei, die Attraktivität anderer Menschen besser wahrzunehmen. In der Natur sind wir nackt«, fügt er hinzu.

Er beschreibt den spontanen Blickkontakt mit Menschen, die er unterwegs trifft, und dass es eigentlich immer Gesprächsstoff gibt, wenn er unbekannten Leuten begegnet. Das ist für ihn der größte Unterschied zum Leben in der Stadt, wo sich der Durchschnittsnorweger eher zurückhaltend und schüchtern gibt: »Die soziale Komponente ist bei Aktivitäten im Freien sehr viel stärker ausgeprägt«, sagt er zum Abschluss. Als es Abend wird, färbt sich der Himmel über dem zugefrorenen See vor der Fjellhütte rosa und der Schnee leuchtet eisblau. Ein weiches Licht legt sich über die kleine Bucht. In der Hütte wird das Abendessen vorbereitet und in der Sauna mit Panoramablick erholen sich müde Muskeln von den Strapazen des Tages.

Während die letzten Sonnenstrahlen sich durch die Schneeflocken kämpfen, die durch die Luft wirbeln, werde ich innerlich ganz ruhig. Ich will noch einmal die klare Bergluft einatmen und schnalle mir die Skier an. Mein Ziel ist die nahe Anhöhe, wo man einen guten Überblick über die Umgebung bekommt. Die lange Tagesskitour im Gegenwind macht sich in meinen Armen bemerkbar, doch irgendetwas zieht mich auf meinen rutschigen Skiern den steilen Hang hinauf.

Spontane Glücksgefühle

Oben angekommen, sehe ich eine hügelige Landschaft vor mir, die unendlich scheint. Ein euphorisches Gefühl ergreift von mir Besitz – ich könnte die ganze Welt umarmen, jeden kleinen schneebedeckten Stein und jeden Baumstumpf. Sogar der kalte Wind wirkt plötzlich sanft – was auch daran liegen kann, dass ich gut in mehrere Schichten Wolle eingepackt bin. Ich stehe ganz allein mitten in den norwegischen Bergen. Zeit und Raum spielen für mich in diesem Moment keine Rolle mehr. Ich erwache etwas unsanft aus meiner Verzauberung, als plötzlich ein orangefarbenes Segel in meinem Blickfeld auftaucht. Die Snowkiter haben sich ebenfalls noch mal heraus getraut und rasen mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei.

Einer von ihnen, mit einem großen roten Bart und einer Lücke zwischen den Vor-derzähnen, winkt mir freudig zu. Er hat hohe und markante Wangenknochen und als ich auf das Porträt von Herrn Nansen zu meinen Füßen schaue, sehe ich eine gewisse Ähnlichkeit zum norwegischen Polarforscher. Der Mann dreht eine Runde um den Hügel, auf dem ich mich befinde. Seine Augen funkeln und unter seinem Helm kann ich eine neongrüne Mütze erahnen. Ganz im Bann der Natur komme ich mir plötzlich sehr klein vor, wie ich da so stehe, aber die in mir erwachten Gefühle sind dafür umso größer: Ich spüre so etwas wie akute Verliebtheitsgefühe für den gut aussehenden Snowkiter und will ihm am liebsten um den Hals fallen, auf die Knie gehen und um seine Hand anhal-ten. Hier auf dem Fjell – für immer, denke ich, während er vor meinen Augen im Sonnenuntergang verschwindet.

Das Wochenende findet seinen Abschluss in einem Hot Pot. Das Feuer, das das Wasser er-wärmt, knistert und die Funken tanzen vor dem nachtschwarzen Himmel. Ich stelle fest, dass mir der Aufenthalt in der Natur auch ohne die romantische Berghochzeit mit Herrn Nansen gut getan hat. Meine Gefühle sind wieder zum Leben erwacht – auf eine Art und Weise, die eine App auf meinem Telefon nie und nimmer in mir hätte hervorrufen können. Die grüne Mütze hat mich dabei schön warm gehalten.

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