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Natur des Nordens

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Stockholmer Schärengarten: Fejan – die Ruheinsel

NORR-Autor Mats Nyman hat einen Schatz Stockholmer Schärengarten entdeckt: das kleine Eiland Fejan, dessen Geschichte mit einer Cholera-Epidemie beginnt.

VOM FESTLAND AUS sind es nur ein paar Bootsminuten zur Insel Fejan im nördlichen Stockholmer Schärengarten. Gerade nah genug an der Hauptstadt, um hier eine kurze Pause vom Alltag einzulegen. Und gerade weit genug weg vom Stockholmer Trubel, damit es sich auch wie eine richtige Pause anfühlt. Schon von Weitem erspäht man große Canvas-Zelte, die zwischen schroffen Klippen thronen. In den offenen Kaminen der stattlichen Stoffbehausungen prasseln am Abend kleine Feuer. Auf diesem abgeschiedenen Eiland fällt es mir leicht, einfach nur dazusitzen und gar nichts zu tun. Mich einfach an der Stille zu erfreuen, die hier so allgegenwärtig ist.

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David Kvart betreibt das Fejan Outdoor im alten Gaswerk der Insel und vermietet die luxuriösen Glamping-Behausungen mit Blick auf die flachen Buchten. Alle Sommer seiner Kindheit hat David auf Fejan und den umliegenden Inseln in der Ostsee verbracht. »Das Einzigartige ist für mich, dass es sich um Stockholms nächstgelegene Wildnis handelt. Man kann in anderthalb Stunden von der Stadt hierhergelangen, ein Kajak ausleihen und braucht nur 600 Meter weit zu paddeln, um sich in den äußeren Schären wiederzufinden«, sagt David. Seit David 2016 Teilhaber des Kajakverleihs wurde und im selben Jahr die ersten Glamping-Zelte errichtete, hat sich die Anzahl der Besucher auf Fejan jeden Sommer verdoppelt. Von etwa 140 Menschen im ersten Jahr auf 600 im Sommer 2018. Alle Gäste haben eines gemeinsam: die Suche nach der vollkommenen Stille.

Singende Krankenstube

Dabei war die kleine Insel lange gänzlich unbewohnt. Erst 1856 zogen zwei Bauern, aus dem nahe gelegenen Tjockön nach Fejan und wurden zu den ersten beiden offiziellen Einwohnern des Eilands. Als knapp 35 Jahre später, im Jahr 1892, die Cholera-Epidemie in ganz Europa wütete, wollte die Regierung Schwedens die Infektion mit allen Mitteln vom schwedischen Festland fernhalten. Aufgrund seiner abgeschiedenen und strategisch günstigen Lage errichtete das Königreich eine Quarantänestation auf Fejan. Menschen, die an Bord von Schiffen aus Russland und Finnland an Cholera erkrankten oder mit Infizierten zusammen reisten, wurden hier zur Inselkur gebeten.

Ein in seine Einzelteile zerlegtes Haus, das eigentlich in den Kongo geschickt werden sollte, um dort als Missionsstation zu dienen, wurde stattdessen auf die Insel geschifft und zu einer Ärztevilla umfunktioniert. Direkt neben der Villa Kongo wurde ein Krankenhaus erbaut, um die Cholera-Patienten zu behandeln und ihnen Ruhe und Zeit zur Genesung zu geben. Auch der berühmte Männerchor der Universität von Uppsala, die Orphei Drängar, landeten 1894, auf ihrer Rückreise von einem Auftritt in St. Petersburg, unfreiwillig per Dampfschiff auf Fejan an. Ein Mitpassagier war auf der Überfahrt an Cholera verstorben. Während ihres dreiwöchigen Zwangsaufenthalts komponierten die Männer eine ganze Reihe Songs über die Infektion, die dank des vorgelagerten Fejan nie das Festland erreichte. Heute befinden sich eine Jugendherberge und ein Gasthaus in den Gebäuden, die als historische Sehenswürdigkeiten ausgezeichnet wurden.

Spontane Ruhepausen

Von Fejan aus erreicht man mit dem Kajak in drei Stunden die Insel Vattungarna, die von zwei langen Kanälen durchzogen ist. In dem natürlichen Pool zwischen den Felsen sitzt man ruhig und geschützt im Kajak und kann dem Meer lauschen, das an die Inselküste schwappt. Im Mai herrscht an den schroffen Klippen ein reges Vogelleben, das man in aller Ruhe betrachten kann, während man mit dem Kajak an Brut- und Badeplätzen vorbeigleitet. Auf den felsigen Inseln rund um Fejan, an denen der Wald bis zur Wasserkante wächst, lassen sich Rehe erspähen, die sich bis zu den Ufern wagen. Das Wasser ist klar und der Boden an vielen Stellen deutlich sichtbar. An den flachen Buchten kann man an Land springen und die Sonne auf den sanft abgerundeten Steinen genießen.

Im Januar 2019 hat ein Wintersturm auf Fejan ausgiebig sein Unwesen getrieben, viele Bäume entwurzelt und die Komposttoilette, die zuvor auf einer Plattform in den Baumwipfeln thronte, auseinandergenommen. Auch die Kajakbrücke konnte Wind und Wellen nicht standhalten. »Wir haben direkt am nächsten Tag mit den Aufräumarbeiten begonnen. Aber wenn man so nah wie wir an der Natur arbeitet, weiß man nie so richtig, wann man fertig ist. Oft muss man wetterbedingt innehalten. Und sich an den zwangsläufig auferlegten Ruhepausen erfreuen«, sagt David. Und dass diese Ruhe ihr größter Schatz ist, das weiß die kleine weise Insel dort draußen im Meer am allerbesten.

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