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Lauf in den Herbst

Der Jotunheimen-Nationalpark liegt nur vier Autostunden von Norwegens Hauptstadt Oslo entfernt. Im Herbst hat man den Park und seine atemberaubende Bergwelt dennoch fast für sich allein. Ideal für eine knackige Trailrunning-Tour, noch bevor der Winter kommt.

Durch die Wände der Olavsbu-Hütte, durch die Daunen meiner Schlafsack-Kapuze und durch meine Mütze dringt ein ungemütliches Geräusch an mein Ohr. Als ich merke, dass es nicht der Wecker ist, der da klingelt, sondern der Sturm, der an unserer Holzhütte rüttelt, drehe ich mich noch einmal um und versuche, wieder einzuschlafen. Doch Katrin, die in dem Bett über mir liegt, holt mich zurück aus dem Reich der Träume: »Lars, schau doch wenigstens mal nach dem Wetter. Ist es wirklich so schlimm wie es sich anhört? Und vielleicht kannst du bei der Gelegenheit gleich einen Pott Tee kochen. Ist ziemlich kühl hier.« Der Blick durch das beschlagene Fenster aufs Thermometer zeigt, dass es noch schlimmer ist als befürchtet. Keine guten Nachrichten für Katrin: vier Grad Celsius, Sturm und heftiger Regen. Wir lassen uns Zeit, versuchen, unseren Start hinauszuzögern, aber irgendwann müssen wir los. Im Laufschritt wollen wir den Jotunheimen-Nationalpark durchqueren. In vier Tagen, vom Sognefjell bis Gjendesheim. Einen Pausentag haben wir nicht eingeplant.

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Immerhin haben wir schon die Hälfte der Tour geschafft: Vor zwei Tagen sind wir an der Straße im Sognefjell gestartet. Rund 1000 Meter über dem Meer regnete es waagerecht, ein satter Sturm peitschte die Tropfen über kahle Bergkuppen, über Steine und Moos und Altschneeflecken vom letzten Winter. Kein Auto kam vorbei, keine Menschen weit und breit. Ein Wetter, um sich in einer gemütlichen Hütte zu verkriechen, ganz nah an einem knisternden Holzofen. »Und jetzt loslaufen?«, fragte ich Katrin. »Müssen wir wirklich?« Wenig später verlor sich die Straße schon in unserem Rücken in der Weite des Fjells und ringsum gab es keine weiteren Zeichen der Zivilisation. Katrin hatte mir einfach einen Schubs gegeben und war losgelaufen. Und da es so ganz allein noch trostloser gewesen wäre, rannte ich ihr nach. Auf anfangs noch breiten Pfaden liefen wir durch eine wilde Landschaft, ganz so, wie wir es uns vorgestellt hatten, nur ohne den ebenfalls erträumten Sonnenschein: in leichtem Auf und Ab, und mit kleinen Kurven, in die man sich ein bisschen hineinlegen konnte.

80 Kilometer durch den Jotunheimen-Nationalpark in vier Tagen. Ein ehrgeiziges Projekt, das gut geplant sein will.

Nur wir zwei und ringsum nichts und niemand. So wie Gestern und vorgestern. Die Saison ist Ende September vorbei und es ist ein unglaubliches Gefühl, allein durch diese grandiose Natur zu wandeln.

Das Ziel des ersten Tages war die Hütte von Skogadalsbøen. Nur ein kleiner Pass, auf dem sich mannshohe Felskugeln in wunderbaren Formationen vom trüben Himmel abhoben, trennte uns von einem langen Gefälle hinab in ein Tal, in dem der Herbst die Farben des Fjells zur Explosion gebracht hatte. Birken leuchteten in sattem Gelb, Blaubeersträuche in hellem Rot, dazu Moose und Flechten, Sträucher und Büsche von Braun bis Orange.

Von Hütte zu Hütte

Wir fegen die Hütte aus, drehen den Gashahn ab und schließen das Vorhängeschloss an der Eingangstür von Olavsbu. Jedes Mitglied des DNT, dem norwegischen Wanderverein, bekommt einen Schlüssel, der in dieses Schloss und unzählige andere passt, die an den Türen ähnlicher Selbstversorgerhütten in den Wildnisgebieten im ganzen Land hängen. Hütten, die es ermöglichen, Touren zu machen wie unsere. Mit minimalem Gepäck durch 100 Kilometer Einsamkeit rennen oder wandern, ohne dabei einen riesigen Rucksack schleppen zu müssen. Immer gibt es Lebensmittel und Gaskocher, warme Decken, einen Kamin und Feuerholz. Es kann zwar passieren, dass man spät in der Saison, wenn Nudeln und Tomaten-sauce im Vorratsregal zur Neige gegangen sind, einen Elcheintopf aus der Dose essen muss, der noch bis 2016 haltbar ist, und geschmacklich wie optisch wenig an Elch erinnert, aber für ein paar Tage macht das nichts. Und das Allerbeste: Die Selbstbedienung zahlt man noch in der Hütte per Kreditkarte. Einfach ein Formular ausfüllen, in eine kleine Box einwerfen und fertig. Da wiegen nicht mal Geldscheine und Münzen im Gepäck.

Die Fjellhütten des DNT, dem norwegischen Äquivalent zum Alpenverein, sind Selbstversorgerhütten. Gaskocher, Lebensmittel und warme Decken gehören zur Standardausrüstung. Bezahlt wird mit Kreditkarte.

Es ist der dritte Tag unseres Laufs von West nach Ost durch die majestätische Bergwelt Jotun-heimens. Der Park ist der König aller norwe-gischen Nationalparks, wir befinden uns inmitten hunderter spektakulärer Berggipfel, von denen 250 höher als 1900 Meter aufragen. 29 von ihnen sind gleichzeitig die höchsten Gipfel des Landes.

Und auch für seine unzähligen Gletscher ist der Jotunheimen-Nationalpark berühmt – das Pro-blem ist bloß: Wir sehen nichts. Dicke Wolken verhüllen seit unserem Start die grandiose Natur fast komplett. Auf uns niedergehender Regen und Hagel machen es unmöglich, für mehr als kurze Momente aufzublicken. Und auch diese Blicke gelten lediglich der Orientierung oder um zu sehen, ob der andere noch da ist. Von der Hütte laufen wir südwestlich auf einem Trail, der sich an einen kleinen See schmiegt. Der kräftige Wind drückt uns vorwärts, bläst uns mehrfach fast von den Beinen. Wandernde Windhosen heben Wasser vom See in die Lüfte, es ist eine unwirkliche Szenerie, in der wir uns befinden. Nur wir zwei und ringsum nichts und niemand. So wie gestern und vorgestern. Die Saison ist vorbei, Ende September sind die Wanderer nach Hause zurückgekehrt, die bewirtschafteten Fjellhütten verlassen, die meisten Sommerbrücken abgebaut. Für Katrin und mich ist es die perfekte Zeit zur Erkundung der norwegischen Nationalparkses ist ein unglaubliches Gefühl, völlig allein durch diese grandiose Natur zu wandeln. Dabei würde man den Park auch ein paar Wochen früher nicht als »voll« bezeichnen.

Mit schweren Wanderstiefeln und noch schwereren Rucksäcken, vollgestopft mit Zelt, Schlafsack, Kocher und Lebensmitteln haben wir schon häufiger Touren im norwegischen Fjell unternommen. Auch schon im Jotunheimen zu einer ganz ähnlichen Zeit. Damals hatte am Russvatnet, einem See im Osten des Parks, ein Sturm zwei Tage lang am Zelt gerüttelt und geschüttelt und wir hatten es vorgezogen, eine Wanderpause einzulegen. Die Schneegrenze war jeden Tag ein wenig näher gekommen und Petrus prüfte unser Durchhaltevermögen auf Herz und Nieren. Doch kein einziges Mal verloren wir die Freude und am Ende wurden wir gar mit einem Nordlicht belohnt, das sich im See spiegelte. Doch auf allen bisherigen Touren, ob im Jotunheimen oder Trollheimen, auf den Lofoten oder im Dovrefjell: Immer hatten wir schwer zu tragen. Mit Trailrunning-Schuhen und einem 10-Liter-Laufrucksack sind wir zum ersten Mal mehrere Tage am Stück unterwegs. Aber ganz sicher nicht zum letzten Mal. Denkt man an die Alpen, wo man aufgrund eines ähnlich gut ausgebauten Hüttensystems vergleichbare Touren machen könnte, stellt man einen wichtigen Unterschied fest: In Jotunheimen ist es noch richtig wild. Das wird uns drei Stunden später wieder bewusst.

Wir laufen das herbstlich farbenfrohe Veslådalen in Richtung Gjende See hinunter. Wir sind nass, uns ist kalt, unsere Schuhe haben trotz Gamaschen eindeutig zu viel Wasser gefasst. Plötzlich stehen wir vor einer Brücke über dem Fluss Veslåe. Beziehungsweise vor dem, was bis vor kurzem noch eine funktionierende Brücke war – eine der besagten Sommerbrücken. Während ich mir noch über-lege, ob ich meine ohnehin nassen Schuhe und Socken überhaupt ausziehen soll, um die Veslåe zu queren, schafft Katrin Tatsachen. Sie kann es nicht erwarten, die nur noch drei Kilometer entfernte Hütte am Gjende-See zu erreichen. Als ich endlich meinen einen nackten Fuß ins eisige Wasser tauche, hat sie das andere Ufer schon fast erreicht.

Auf dem Abenteuerspielplatz

Unser letzter Tag wird noch eine Spur wilder. 28 Kilometer liegen bis zum Ziel, der Straße in Gjendesheim, vor uns. Vom Gjendevatn steigen wir 500 Höhenmeter hinauf ins Svartdalen. Hier zu laufen wäre unnötig kräfteraubend, aber mit dem kleinen Gepäck sind wir im schnellen Schritt trotzdem flotter unterwegs als jeder Wanderer. Für einen kurzen Moment zerreißt die Wol-kendecke und das Jotunheimen überwältigt uns wie ein gut platzierter Faustschlag: Schnee hat die Höhenlagen überzuckert, das Land unterhalb ist bunt, noch bunter oder schon grau. Ein großer Abenteuerspielplatz nur für uns alleine.

Der Winter lauert im nächsten Tal oder übernächsten, so scheint es. Als müsste die Natur das tatsächlich auch beweisen, schließt sich die Wolkendecke wieder, Wind kommt auf, nimmt schnell an Kraft zu, und plötzlich wirbeln dicke Schneeflocken übers Fjell. Der übliche Anblick von Pfützen und Schlamm zu unseren Füßen weicht gefrorener Erde und Eis und keine Stunde später und nur ein paar Höhenmeter höher liegen schon 25 Zentimeter Neuschnee. Der Trail ist verschwunden, wir stolpern durch Felsen und Geröll, über gefrorenes Sumpfland und springen über kleine Bäche. Größere überwinden wir vorsichtig, indem wir von Stein zu Stein hüpfen. Den richtigen Pfad, vor dem auf der Karte ohnehin als »schlecht markiert« gewarnt worden war, verlieren wir bald. Es dauert zwei, vielleicht drei Stunden, bis wir den richtigen Trail wiederfinden. Eine feine weiße Linie im unruhigeren Weiß der Umgebung schlängelt sich grazil durch das Tal. Plötzlich können wir wieder laufen: der Dusche entgegen, zu einem guten Essen und weichem Bett. Oder zur nächsten Abzweigung und nächsten Hütte. Wäre irgendwie auch nicht schlecht.

Ein Dach über dem Kopf und ein warmes Feuer im Ofen sind die Belohnung fürs Durchhalten.

Jotunheimen

Der Jotunheimen-Nationalpark ist das alpinste Gebiet Norwegens und wird vor allem bei aus-ländischen Besuchern immer beliebter. 2010 wurden 50 verschie-dene Nationalitäten in dem meist besuchten Nationalpark des Landes gezählt. Die größte Gruppe kommt aus Deutschland. Doch im Herbst ist der Park nahezu menschenleer. Durch die vielen Trails und gut positionierten Übernachtungshütten des DNT gibt es auch für Läufer eine Vielzahl an ein- oder mehrtägigen Tourenmöglichkeiten.

Trailrunning: Die hier beschriebene Route führt von der Sognefjell Turisthytte über Skoga-dalsbøen, Olavsbu und Gjendebu nach Gjendesheim. Länge: 80 Kilometer. Dauer: Vier Tage. Beste Zeit: Juli bis September. Kartenmaterial: Turkart: Jotunheimen Aust + Vest, 1:50.000, Verlag Ugland IT.

Anreise: Der Hauptort des Parks, Gjendesheim, ist am einfachsten mit dem Auto zu erreichen. Von Oslo aus fahren auch Fernbusse nach Jotunheimen. Als Basislager empfiehlt sich das Fjellhotel Hindsæter nördlich von Gjendesheim.

Verpflegung: Theoretisch kann sämtliche Verpflegung in den DNT-Hütten vor Ort gekauft werden. Allerdings lohnt es sich – je nach persönlichen Vorlieben – fürs Frühstück und Pausen auch Energieriegel, Salami, o.ä. einzupacken.

Übernachtung: Übernachtet wird in Hütten des norwegischen Wandervereins (DNT). Sie sind im Sommer durchgehend geöffnet und teilweise bewirtschaftet, im Herbst sind nur die Räume für Selbstversorger zugänglich.

Mehr Infos: visitjotunheimen.de

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