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Natur des Nordens

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Sagen aus dem Sattel: Reitabenteuer in Sörmland

Mit Pferd und Drahtesel über sanfte Hügel, durch duftende Wälder, entlang glitzernder Seen von Hof zu Hof. Ein Ausritt durch Sörmland im Wandel der Zeiten.

Das darf doch nicht wahr sein. »Wo ist der Weg hin?«, stöhnt Susan und lässt sich auf den gescheckten Hals ihres schnaubenden Pferdes sinken. An einer staubigen Kreuzung linsen wir irritiert auf die Karte. An welcher Stelle sich der Reitweg in eine andere Richtung geschlängelt haben muss als wir mit unseren Ponys, ist uns ein Rätsel.

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Eine knappe Stunde zuvor hatte uns Kattis Jägerup auf ihrem Hof Tolfta Gård den drei Islandpferden Björk, Teitur, Hrimur und dem Irish Cob Wallach Vacker vorgestellt, auf deren Rücken unser Abenteuer auf dem Ridleden (dt. Reitweg) Sörmland beginnen sollte. Wir hatten die Pferde gestriegelt, gesattelt und getrenst und uns schließlich dem Verlauf des Ridledens gewidmet, dem wir, heute zu Pferd, morgen per Rad, folgen wollen.

Bei Kattis drittem gut gemeinten Hinweis, an welcher Biegung wir Acht geben und nach einem kleinen Pfad Ausschau halten sollten, hatte ich allerdings den Blick auf den geheimnisvoll glitzernden See vor der Stalltür schweifen lassen, wo ich meinen Tagträumen nachhing. Das rächte sich genau in diesem Moment, da offensichtlich auch Melanie, Victoria und Susan der Wegbeschreibung nicht aufmerksamer gelauscht hatten.

Eingang zum Märchenpfad

Denkt man an die Landschaft Sörmland, die vor Stockholms südlichen Stadttoren beginnt, kommt einem zuerst vielleicht der 1 000 Kilometer lange Wanderweg Sörmlandsleden in den Sinn. Susan, Melanie, Victoria und ich, alle vier in jungen Jahren passionierte Pferdemädchen, wollen uns Sörmland an diesem Wochenende aber nicht erstiefeln, sondern es aus dem Sattel erleben. Dafür haben wir den knapp 400 Kilometer langen Ridleden Sörmland auserkoren, der sich zwischen den Ortschaften Katrineholm, Vingåker, Äsköping und Flen durch eine ländlich geprägte Region schlängelt. Auf Bauernhöfen entlang des Weges, die zum Verein des Ridledens gehören, werden Zweiräder und, an Menschen mit einem gewissen Grad an Reiterfahrung, auch Vierbeiner verliehen, mit denen die Route eigenständig erradelt und erritten werden kann. Die Höfe dienen auch als Orte der Zwischenrast oder des nächtlichen Unterschlupfes für Ross, Rad und Reiter. Einer dieser ist der Hjälmsäter Gård, unser 22 Kilometer vom Tolfta Gård entfernt liegendes, offenbar gerade vergeblich angepeiltes Nachtquartier.

Während wir nun die Karte inspizieren, stellen wir fest, dass wir einen etwas uneindeutig gekennzeichneten Pfad übersehen haben müssen. Unsere Pferde, die sich offensichtlich erhofft hatten, dass es nun wieder zurück in den heimatlichen Stall geht, lassen sich nur widerwilllig wenden. Melanies Pony weigert sich zunächst gänzlich, noch einen weiteren Schritt zu tätigen. Die ersten Meter schleichen unsere vierbeinigen Transportmittel spürbar missgelaunt vor sich hin.

Im Schritt geht es über knorrige Baumwurzeln hinweg und unter tief hängenden Kiefernzweigen hindurch immer weiter in den Wald, in dem es nach frischem Harz und feuchtem Moos duftet. Zu unserer Erleichterung entdecken wir an dem Stamm einer Fichte einen lilafarbenen Pfeil, die Markierung des Ridledens, der nun direkt auf einen See zusteuert. Neben einem wettergegerbten roten Bootsschuppen tut sich ein kleiner Strand auf und wir reiten hinunter zur Uferkante. Auf der Wasseroberfläche wiegen sich schwappend einige weiße Seerosen auf und nieder, die als Symbolblumen des Sörmlands gelten.

Prägende Vergangenheit

Sörmland, manchmal auch Södermanland genannt, bedeutet so viel wie »das Land der Menschen, die südlich vom Mälarensee leben«. Die Eismassen der letzten Kaltzeit, die auch Sörmland fest in ihren eisigen Klauen hatte, drückte massiv auf die Region. Als das Eis schließlich zu schmelzen begann, hatte es das Land bereits unter Meeresspiegelniveau gepresst. Nicht mehr von den gefrorenen Wassermassen erdrückt, hob sich die Landschaft im Laufe der Zeit stetig wieder in die Höhe. Die postglaziale Landhebung dauert bis in die Gegenwart an. Stellen, die mehr als 200 Meter über Normalnull liegen, gibt es hier aber bis heute nicht.

Durch diese eiszeitlich geprägte, mit kleinen Hügeln gespickte und von tiefen Senken durchschliffene Landschaft setzen wir unseren Ritt fort. Entlang eines Kamms klettern unsere Ponys hinauf auf eine bewaldete Anhöhe. Auch wenn der Pfad schmal und steinig ist, meistern sie das unwegsame Terrain galant. Dann und wann gelingt es Hrimur und Vacker, zum Ärgernis von Victoria und Susan, sich einen schmackhaften Zweig abzurupfen und den beiden dabei ruckartig die Zügel aus den Händen zu reißen.

Munter traben wir auf sandigen Wegen. Wir genießen die Sonne im Gesicht und den Duft von Heu, der uns hier überall umgibt. Ein imposanter Gutshof thront am Wegesrand, von denen es so einige in dieser Region zu bestaunen gibt. Mit seinen fruchtbaren Böden war Sörmland durch seine Nähe zu Stockholm und dem Mälaren als strategisches Transportgewässer schon früh von großer Bedeutung für Landwirtschaft und Handel.

Mähnen im Wind

Als uns der Weg erneut in den Wald führt, beschließen wir, an einer Lichtung eine Pause einzulegen. Die Pferde werden von ihren Trensen befreit und dürfen grasen, während wir uns Kaffee und Kanelbullar, die wir in den Satteltaschen mitführen, schmecken lassen. Dann und wann werfen die Vierbeiner einen sehnsüchtigen Blick auf die zuckrige Backware, die wir ihnen jedoch verwehren müssen.

Die tief stehende Sonne wirft ein magisches Licht zwischen die Kiefern und Fichten und färbt die Pferdemähnen golden, als wir unseren Weg durch den Zauberwald fortsetzen. Die Pferde, die sich mit sanften Schritten fortbewegen und doch stets ein wachsames Auge auf die Natur ringsherum haben, wiegen uns in einen fast meditativen Zustand. So, als befänden wir uns auf einer Reise in eine Welt, in der es nur den verschlungenen Pfad, unsere Ponys und uns gibt. Langsam aber bricht die Dämmerung herein und die Luft wird deutlich kühler. Tatsächlich sollten wir uns etwas sputen, um den Hof noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. »Festhalten!«, ruft Victoria und im gestreckten Galopp jagen wir nur wenig später über den Waldweg. Mähnen fliegen im Wind und Augen beginnen zu tränen, als wir einen Endspurt auf einem mit roten Holzhäuschen gesäumten Feldweg einlegen. Als wir die Pferde wieder in den Schritt bringen, schnauben sie ausgelassen; der finale Wettgalopp hat auch ihnen sichtlich zugesagt.

In der Ferne tut sich schließlich der rote Hjälmsäter Gård auf. Janne und Siv Eriksson, denen der Hof gehört, haben unser kleines Grüppchen schon von Weitem erspäht und nehmen uns winkend in Empfang.

Leicht wehmütig verabschieden wir uns von unseren Wegbegleitern, die uns so trittsicher über unsere erste Etappe des Ridledens getragen haben. Gesichter werden an Pferdenasen gelegt und weiche Felle gekrault, bevor wir Teitur, Hrimur, Björk und Vacker auf den Weiden ihrem wohlverdienten Feierabend überlassen. Janne zeigt uns den Hof mit dem großen Bauernhaus, dem Stall, dem Hühnerhäuschen und einer gemütlichen Holzhütte – unserem Nachtquartier. Im Garten steht ein Hot Pot und wir können nicht schnell genug aus den Reitklamotten schlüpfen und uns in die wohlig wärmende Holzwanne sinken lassen. Noch lange schauen wir in den Sternenhimmel. Dann und wann ertönt ein zufriedenes Schnauben von den Wiesen her, auf denen wir im Mondschein grasende Pferde erahnen.

Land im Wandel

Am nächsten Morgen werden wir von den Schreien eines munteren Hahns geweckt. Janne hat uns frische Eier gebracht. Noch etwas schlaftrunken bereiten wir uns ein Frühstück mit Joghurt und Brombeeren aus dem Garten. Später unternehmen wir einen Streifzug. Susan entdeckt ein paar flauschige Küken und nimmt eines vorsichtig auf die Hand. Auf einer Koppel machen sich zwei nordschwedische Kaltblüter über eine Portion Heu her, die Siv ihnen in den Paddock wirft. »Die beiden haben uns früher dabei geholfen, Baumstämme aus dem Wald zu transportieren. Heute ziehen sie nur noch ab und zu unsere Kutsche. Und im Winter machen wir mit unseren Enkeln Schlittenfahrten über die Felder«, erzählt Siv und deutet auf die ausladenden Weiten, die den Hof umgeben.

Hjälmsäter war seit Hunderten von Jahren ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb mit für das Sörmland typischer Forstwirtschaft, Getreideanbau und einer kleinen Viehzucht. Im Laufe der Zeit aber hat sich hier viel verändert. Siv und Jannes Kinder wollen den Hof nicht übernehmen. »Kleinere Betriebe wie der unsere haben es heute schwer zu überleben. Leichteres Geld ist in der Stadt verdient«, sagt Siv.

Schon seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts zog es immer mehr Menschen vom Land in die Stadt, aber seit den 1950er Jahren ist die Landflucht in Sörmland noch einmal drastisch gestiegen. Selbst wenn junge Menschen Interesse an der Übernahme alter Farmen haben, ist es häufig ein komplizierter Prozess, finanzielle Lösungen für den Generationenwechsel zu finden. Viele ehemalige Höfe, die ihren Betrieb eingestellt haben, stehen heute einfach leer. Einige werden von größeren aufgekauft oder gepachtet. Auch Janne und Siv mussten sich nach Alternativen umsehen und haben Hjälmsäter in einen Ferienhof umfunktioniert, auf dem sie Reiter und Radler beherbergen und Stallungen für Pferde anbieten.

»Aber die Erinnerungen an unsere Historie bleiben uns. Komm, ich zeig euch was«, lächelt Siv und führt uns zu einer kleinen Scheune, über der ein Schild mit der Aufschrift »Loppis« (dt. Flohmarkt) prangt. »Hier bewahren wir nostalgische Schätze auf, die sich über all die Generationen auf Hjälmsäter angesammelt haben. Wir stöbern durch hölzerne Zuggeschirre, entdecken einen klapprigen Webstuhl, Petroleumlampen und alte Kleidung und lauschen Sivs Sagen über die Geschehnisse, die sich einst auf Hjälmsäter zugetragen haben sollen. Einige Dinge sind verkäuflich, andere sollen als Museumsstücke an die Hofgeschichte erinnern.

Janne, die gerade dabei ist, die Enten zu füttern, lächelt: »Ihr merkt schon, wir Sörmländer haben eine tiefe Bindung zu unserer Heimat. Die Weite hier mit ihren Hügeln, Feldern, Wiesen und Wäldern macht mich jeden Tag glücklich, wenn ich aufwache.«

Nur schwer können wir uns losreißen von dieser Idylle, die mit einem Gefühl von Melancholie der sich wandelnden Zeiten überzogen ist. Janne und Siv schenken uns zum Abschied ein paar Äpfel aus ihrem Garten, die wir in unseren Fahrradkörben verstauen, bevor wir uns von ihnen verabschieden.

Trolle und Riesenpilze

Auf den Sätteln der auf dem Hjälmsäter Gård beheimateten Drahtesel geht es für uns heute entlang einer weiteren Schlinge des Ridledens über den Gustavsberg Gård, auf dem wir planen, eine Kaffeepause einzulegen, zurück zum Tolfta Gård. Direkt beim ersten Anstieg macht sich der Unterschied zwischen den fleißigen Ponys und den etwas in die Jahre gekommenen Damenrädern, die einem von sich aus keinen Gefallen tun, bemerkbar. Der unwegsame Pfad zieht sich unbarmherzig auf eine Anhöhe hinauf und wir sind gezwungen, abzusteigen und die wiederspenstigen Gefährte zu schieben. Auf der Kuppe werden wir mit einer letzten Aussicht auf den Hjälmsäter Gård und die sich in saftigem Grün an ihn schmiegenden Pferdekoppeln belohnt. Während wir versuchen abzuschätzen, wie weit es nach Gustavsberg wohl sein mag, ignorieren wir geflissentlich die sich drohend am Himmel zusammenbrauenden Gewitterwolken. Weiter führt uns der Ridleden durch einen dunklen Wald, in dem ein Schild vor Trollen warnt, die in dieser Gegend ihr Unwesen treiben sollen. Wenig später lassen wir uns fröhlich jauchzend einen steilen, von Fichten gesäumten Sandweg bergab rollen, als wir bemerken, dass Susan nicht mehr bei uns ist.

Auf dem knarzenden Zweirad strample ich zurück, um zu sehen, wo sie bleibt, aber Susan ist wie vom Erdboden verschluckt. Ich ertappe mich dabei, wie ich an das Schild mit der Trollwarnung denken muss. Doch da entdecke ich ihr Rad am Wegesrand und höre es im Gestrüpp rascheln. Eine über und über mit Pilzen beladene Susan kommt aus dem Unterholz gestolpert. »Die konnte ich nicht einfach stehen lassen«, sagt sie, alle Mühe, die Riesenschirmpilze in ihren Armen nicht zu Boden fallen zu lassen. »Daraus zaubere ich uns heute Abend etwas.«

Im selben Augenblick lässt uns ein grollender Donner zusammenfahren. Die Farben am Horizont haben von einem freundlichen Hellblau in ein unbarmherziges Dunkelgrau gewechselt.

In der Hoffnung, Gustavsberg noch vor dem Gewitter zu erreichen, treten wir emsig in die Pedale. Nach einigen Kilometern aber werden wir misstrauisch. Einen lilafarbenen Pfeil haben wir länger nicht mehr gesehen und der Weg driftet immer weiter in die falsche Richtung ab. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Den Verlauf des Ridledens ignorierend, rasen wir hektisch ein kleines Stück zurück und entscheiden uns für eine Asphaltstraße, die wir einige Minuten entlangstrampeln, bevor wir querfeldein durch knorriges Unterholz wetzen – in der Hoffnung, dass unser Orientierungsgefühl uns dieses Mal nicht im Stich lässt. Mittlerweile wechseln sich Blitze und Donner sekündlich ab. Als sich endlich die rettende Hofeinfahrt des Gustavsbergs Gård auftut, beginnt es, wie aus Eimern zu schütten.

Susanne Landström, der das Gehöft gehört, nimmt uns in Empfang und führt uns mit eiligen Schritten zu ihrer Gäststuga, in der wir verweilen dürfen, bis sich die Lage bessert. An der Fensterscheibe klebend, betrachten wir fasziniert den peitschenden Sturm, der große Äste durch die Luft schleudert und die zitternden Bäume zu entwurzeln droht.

Finale mit Donnerschlag

Nachdem sich das Unwetter auch in den nächsten Stunden nicht legen soll, bietet Susanne an, uns zurück zum Tolfta Gård zu fahren. Auch wenn wir noch hoffen, dass wir später doch weiterradeln können und die Entscheidung, auf dem Sofa sitzend und heißen Kakao schlürfend, hinauszögern, nehmen wir ihr Angebot schließlich dankend an. Durch die von Blitzen geisterhaft erhellte Landschaft schleichen wir über die Feldwege. Da liegt sie auf einmal wieder vor uns, die nun vom Regenfall schlammige Kreuzung, an der wir vor einem Tag ratlos mit unseren Pferden standen. Sörmland hat uns manches Mal verwundert, einiges gelehrt und immerfort verzaubert. Mit einem letzten krachenden Donner werden wir verabschiedet. Fast so, als wäre es für heute genug mit dem Ponyhof. Zeit, abzusatteln. Auch, um vielleicht bald einen neuen Ausflug auf den sich wandelnden Schlingen des Ridledens zu wagen.

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