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Natur des Nordens

Traum in Weiß

Mit einer Skitour von Hütte zu Hütte in den schwedischen Bergen erfüllen wir uns einen lang gehegten Wunsch. Doch die launische Fjällwelt verschont auch Neulinge nicht und hält so manche Überraschung parat.

Aus den Lautsprechern unseres Nachtzugabteils verkündet eine fröhliche Stimme: »Nächster Halt Enafors.« Victoria und ich, eben noch wohlig hinter Stockholm eingeschlummert, schrecken in die Höhe. Den Weckruf vor einer halben Stunde haben wir wohl verträumt. In Enafors aber müssen wir aussteigen, um den Bus nach Storulvån zu nehmen. Von dort wollen wir ins Jämtlandsfjäll, um auf eine Skitour von Hütte zu Hütte zu starten. So, wie es seit Langem unser Traum ist. Hektisch springen wir von den Pritschen und schmeißen unsere Utensilien in die Rucksäcke. Gerade rechtzeitig können wir die Skier schnappen, bevor der Zug in der zu Åre gehörenden Gemeinde in die Bremsen geht.

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Die Hütte des Schwedischen Touristenvereins (STF) Storulvån liegt am Ende der einzigen Straße dieser Gegend. Hinter der Herberge eröffnet sich die Bergwelt Jämtlands. Im Sommer kommen viele hierher, um das populäre Jämtlandstriangeln (dt. Jämtlandsdreieck) zu wandern, das über die Hütten Sylarna und Blåhammaren zurück nach Storulvån führt. Im Winter ist diese Route auf Tourenskiern beliebt. Vor zwei Jahren hatte ich gelernt, mich auf Langlaufskiern einigermaßen in der Loipe zu halten. Victoria ist bislang nur auf Pisten in den Alpen Ski gefahren. Keine von uns war jemals mehrere Tage mit voll gepacktem Rucksack und auf breiten Tourenskiern, die für das Begehen von unwegsamem Terrain gemacht sind, unterwegs. Das soll sich heute ändern: Wir wollen einer Tangente des Jämtlandstriangeln nach Sylarna folgen und vorbei am Helagsmassiv bis hinunter nach Ljungdalen schlittern.

Die Sache mit der Balance

Fast ehrfürchtig wagen wir von Storulvån die ersten Schritte hinein in die endlos verschneite Weite des Jämtlandsfjälls, durch das uns fortan rote Holzkreuze den Weg weisen sollen. Nur die glitzernden Berge wissen, was uns hier in den kommenden drei Tagen erwarten wird. Weit kommen wir nicht. Direkt auf der ersten steileren Abfahrt verlieren wir die Balance auf den ungewohnt klobigen Tourenskiern und fallen mit der gesamten geschulterten Last lang zu Boden. Hilflos wie Maikäfer liegen wir mit den großen Rucksäcken im Schnee und müssen unfreiwillig lachen. Wenn wir die 16 Kilometer zur nächsten Herberge noch vor Einbruch der Dunkelheit zurücklegen wollen, dürfen uns solche Stürze nicht zu hoch frequent passieren. Ein vierköpfiger Männertrupp zieht derweil in prächtigem Gleichtakt an uns vorbei.

»Herrliches Wetter, oder?«, rufen sie uns zu. Nach einiger Zeit haben aber auch wir das Gleichgewicht wieder gefunden. Das majestätische Bergmassiv ist der beste Animateur. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir wollen nur vorwärts, tiefer hinein in die unbekannte Fjällwelt. Waren wir eben noch bei strahlendem Sonnenschein gestartet, zieht der Himmel sich nun immer weiter zu. Blau wird zu Grau. Kleine Flocken wirbeln durch die Luft, die allmählich zu unangenehmen spitzen Stecknadeln werden. Wir beginnen zu frösteln und merken, dass wir nach der Euphorie der ersten Stunde neue Energie benötigen. Auf der nächsten Kuppe machen wir halt, um uns einen Snack zu Leibe zu führen. »Was wäre, wenn ich hier einen Zahn verlieren würde?«, schießt es mir schockartig in den Kopf, als meine Kauleisten schmerzhaft auf den zu meinem Erstaunen bereits hart gefrorenen Schokoriegel treffen, der sich anfühlt wie das Granit der Berge, die uns hier umgeben. Wenige Meter vor uns können wir die Silhouetten der vier Freunde ausmachen, die anscheinend ebenfalls beschlossen hatten inne zu halten. »Typisch Fjäll, das Wetter ändert sich mit einem Wimpernschlag«, ruft einer zu uns rüber, bevor sie in einer Schneewolke verschwinden.

Vor der Hütte stecken jede Menge Skier wie ein bunter Gartenzaun im Schnee.

So schnell, wie es gekommen ist, lässt das Schneegestöber wieder nach. Zur Mittagsrast haben wir die Schutzhütte Spåjmestugan auserkoren, die sieben Kilometer hinter Storulvån auf einer Anhöhe thront. Vor der Hütte stecken jede Menge Skier wie ein bunter Gartenzaun im Schnee und ihr Inneres ist zum Bersten mit Schutz suchenden Skifahrern gefüllt. Dem pausenlos pfeifenden Wind zu entkommen, ist eine Wohltat. Victoria und ich können einen Sitzplatz im Eingangsbereich ergattern und packen gierig unsere Sandwiches aus, die zu unserem Entsetzen ebenfalls mit leichtem Frost überzogen sind. Auch ein kleines Plumpsklo gibt es hier, dessen Dienste Victoria nach dem Essen bemüht. »Die Brille war komplett zugeschneit, ich konnte das Loch nicht erkennen und musste es erst freischaufeln«, berichtet sie amüsiert. Dennoch sind wir mehr als froh, uns für die Notdurft nicht inmitten des windumtosten ungeschüzten Fjälls entblößen zu müssen. Die Weiterfahrt entpuppt sich als zäher Anstieg. Dank des geriffelten Profils unserer Skier haben wir guten Halt. Aber wir kommen nur langsam voran. »Der geht zu Fuß und überholt uns gleich«, schnauft Victoria, als sie sich umblickt. Tatsächlich nähert sich ein emsiger Wanderer auf Schneeschuhen und zieht an uns vorbei. Auf der anschließenden Abfahrt können wir ihn zu unserer Zufriedenheit jedoch wieder mühelos einholen.

So schnell, wie es gekommen ist, lässt das Schneegestöber auch wieder nach.

Die letzten Stunden zehren an den Nerven. Der Körper ist die monotone Bewegung nicht gewohnt und beginnt, sich zu beklagen. Die Arme schmerzen, der Hintern zwickt und die Beine sind schwer wie Blei. Zwei Kilometer vor dem Etappenziel befindet sich die Schutzhütte Gamla Sylen. Für Victoria und mich ist der kleine Raum der Retter in der Not. Wir entledigen uns der Rucksäcke und machen uns auf den schmalen Holzbänken lang. Wir schmausen Nüsse und albern herum. Kleinste Dinge bringen uns zum Lachen, als würden wir langsam verrückt. Doch als es sich draußen wieder zuzieht, kommen wir zur Besinnung und begeben uns auf den Endspurt zur Herberge, die dem Sylarnamassiv zu Füßen liegt, das aus dem Nordsylen, Lillsylen, Storsola und dem Größten im Bunde, dem 1 762 Meter hohen Storsylen besteht. Das Massiv ist populär unter Freeridern, die hier Puderschneeabfahrten genießen.

Dramatisches Fjäll

Das geschäftige Treiben von Leuten, die ihre Kleidung trocknen, in Badelatschen umherschlurfen oder Karten spielen ist gleichermaßen surreal, wie im Restaurant der Herberge zu sitzen und Fischeintopf zu speisen. Hätte uns jemand weismachen wollen, dass wir uns nun wieder in Stockholm befänden, wären wir wohl weniger verwundert gewesen. Doch wir sind mitten hier draußen, im weglosen Land. »Das Spezielle an Sylarna ist, dass es so spitz und dramatisch ist. Anders, als man es vom Fjäll gewohnt ist«, erzählt Tove Skogslund, die hier arbeitet. Ob es viele Neulinge wie uns hier gibt, wollen wir wissen. »Es kommen immer mal wieder Leute, die nie zuvor Tourenski gefahren sind, aber als Einsteiger sollte man Zeit mitbringen, um bei Erschöpfung oder schlechtem Wetter länger pausieren zu können«, rät sie.

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom Himmel und rückt das Sylarnamassiv in ein fast heiliges Licht. An der Herberge trennen sich die Wege derer, die dem Jämtlandstriangeln weiter nach Blåhammaren folgen, von denen, die weiter in Richtung Helags wollen – wie wir. Mit 21 Kilometern liegt heute die längste Etappe vor uns. Gemächlich geht es hinauf auf ein Bergplateau. Die Umgebung wird immer abstrakter. Der gestrige Wind hat den Schnee an einigen Stellen davon gepustet und blanken Granit freigelegt. Wir müssen die kahlen Flecken umgehen, um die Skier nicht zu beschädigen. Auf der anderen Seite geht es abwärts. Zögerlich ob des massiven Gefälles gleiten wir über die Kuppe hinaus. Doch nun gibt es kein Halten mehr. Wir düsen jauchzend hinab. Unten angekommen gerate ich ins Straucheln und lande mit einem Salto im Schnee, wo ich erst einmal feststecke. Victoria kommt herangeschlittert, kann sich aber selbst kaum halten, allerdings vor Lachen über meine ungewollte Performance.

Die Raststuga Mieskentjakke, die wir wenig später erreichen, liegt hübsch mit Aussicht auf das Helagsmassivet. Zum Mittag essen wir heiße Blaubeersuppe, die wir uns in unsere Thermoskannen gefüllt haben. Wir treffen auf die Göteborger Staffan Persson, Olof Ahlström und Per Lundkvist, die mit ihren Pulkas ebenfalls auf dem Weg nach Helags sind. Sie kombinieren jedes Jahr eine Tour von Hütte zu Hütte mit dem Freeriden in umliegenden Gipfeln und beratschlagen ausgiebig, ob sie die Skier für den Aufstieg bereits jetzt mit Steigfellen versehen sollen. Wir sind froh, derartige Entscheidungen aufgrund unseres Anfängermaterials gar nicht erst treffen zu müssen.

Verschneite Zauberwelt

Als wir weiterfahren, sehen wir am Fuße des Bergmassivs eine Rentierherde, die langsam vorwärts zieht. Für einen Moment bleiben wir andächtig stehen. Ihr Anblick rührt etwas tief in uns. Wir sind zwei winzige Punkte zwischen diesen mächtigen Gipfeln. Mit jedem Schritt gleiten wir tiefer in eine weiße Traumwelt. Der Geist ist ganz ruhig. Kein Gedanke schafft es, sich zu verankern. Alles, was zählt, ist, den eigenen Weg immer weiter zu gehen.

Der Himmel färbt sich rosa, als wir am späten Nachmittag in der Ferne eine Ansammlung von Häusern ausmachen. Die Hütten des STF Helags liegen vor dem gleichnamigen Bergmassiv. Helags kommt aus dem altnor- dischen und bedeutet »Heiliger Ort«. Mit 1 797 Metern ist Helags Schwedens höchstes Fjäll südlich des Polarkreises und auch der südlichste Gletscher des Landes. Ein Nischengletscher, der mit einer Länge von 600 Metern auf der östlichen Seite in einer Senke liegt. Sein üppigster Teil besteht aus einer 50 Meter dicken Eisschicht, die sich aufgrund des Klimawandels in den vergangenen 65 Jahren jedoch bereits um ein Drittel zurückgezogen hat.

Die Helags-Hütten, von denen die älteste bereits 1897 erbaut wurde, sind fast gänzlich zugeschneit. Riesige Eiszapfen, die aussehen wie Speere, baumeln vom Dachfirst. Der Anblick hat etwas Furchteinflößendes und zeugt von dem erbarmungslosen Wetter, das hier draußen herrschen kann. Man kann sich vorstellen, welche Erleichterung in all jenen aufkam, die sich durch einen Schneesturm hierher vorgekämpft hatten. Aber was ist mit denen, die es nicht schafften? Im Jahr 1978 ereignete sich ganz in der Nähe ein schreckliches Unglück, bei dem acht Menschen ums Leben kamen. Die Gruppe war von der Lunndörrstuga auf dem Weg zur 14 Kilometer entfernten Anarisstuga, als sie von starken Fallwinden und Temperaturen von minus 20 Grad überrascht wurden. Sie suchten Schutz in einem Biwak, aber die Hilfe, die der einzige Überlebende holen konnte, kam zu spät. Seine Freunde waren erfroren. Die schwedische Regierung bildete daraufhin den »Fjällsäkerhetsrådet« (dt. Bergsicherheitsrat), baute die Ressourcen der Bergrettung massiv aus und sorgte dafür, dass eine Vielzahl von Schutzhütten mit Nottelefonen errichtet wurden, um die größtmögliche Sicherheit im Fjäll zu gewährleisten.

Unten angekommen gerate ich ins Straucheln und lande mit einem Salto im Schnee.

Seit 1980 gibt der schwedische Wetterdienst (SMHI) Prognosen und Warnungen speziell für Fjällregionen heraus. »In all den Jahren, die ich beim STF arbeite, musste hier niemand gerettet werden. Aber man sollte Respekt vor dem Fjäll haben«, sagt Elin Olafsson, Chefin der STF Helags Fjällstation. In den Hütten hängen tagesaktuelle Wetterberichte und Lawinen- warnungen aus. »Gut ist es auch, jemanden zu Hause täglich darüber zu informieren, ob man an seinem Ziel angekommen ist. So kann dieser im Zweifel die Bergrettung rufen«, rät Elin.

Wir essen Elch-Köttbullar und Kartoffelbrei. Danach geben ein paar von Elins Kollegen aus dem STF-Team ein selbst gedichtetes Lied über das Jämtlandsfjäll zum Besten. Die Stimmung ist heimelig. Kerzen flackern und Victoria und ich spielen noch eine Partie Scrabble, bevor wir in die warmen Betten kriechen. Mitten in der Nacht wache ich mehrmals auf, weil der Wind wie besessen an der Herberge rüttelt. Am nächsten Morgen hat er eine Stärke von 13 Metern pro Sekunde erreicht. »Wollt ihr echt da raus?«, fragt uns eine Gruppe älterer Herren, als wir uns bereit machen für unsere letzte Tour hinunter ins 12 Kilometer entfernte Kläppen, wo uns Eva Gyllensvaan von der STF- Herberge in Ljungdalen mit dem Auto einsammeln will.

Tosendes Finale

Die Lippen sind schon nach kurzer Zeit gefroren, während wir uns von Kreuz zu Kreuz gegen den eisigen Wind vorkämpfen. Die Sicht wird immer schlechter. Jetzt wäre ein Seil hilfreich. So hätte eine von uns am jeweils letzten Wegweiser verweilen können, während sich die andere zum nächsten hätte voran tasten können. Mittlerweile sind unsere Handschuhe von der Feuchtigkeit steinhart. Unter größter Anstrengung probieren wir, unseren Windsack, eine Art ballonartiges Zelt, das bestenfalls in einer Schneekuhle am Boden fixiert wird, aufzustellen. So können wir zumindest für ein paar Minuten Ruhe finden, unseren Proviant auspacken und uns für die Weiterfahrt stärken.

Nachdem wir den Sack, der sich im Sturm tanzend wie ein störrisches Fohlen gebährdet, mühselig wieder in seiner Tüte verstaut haben, wagen wir uns auf die letzten Kilometer nach Kläppen. Wir haben die Baumgrenze erreicht und kleine knorrige Fjällbirken geben zumindest etwas Schutz. Doch die letzte Abfahrt ist gänzlich vereist. Lenken oder bremsen ist so gut wie unmöglich und wir müssen uns zum Stoppen immer wieder notgedrungen zu Boden fallen lassen.

Wir wollen nur noch vorwärts, tiefer hinein in die unbekannte Fjälllwelt.

»Das war wirklich ein denkbar unschöner Tag für die Talfahrt«, sagt Eva, die uns später Wraps und Kaffee in ihrer Herberge in Ljungdalen kredenzt. In der Sauna mit Blick auf den Fluss betrachten wir die blauen Flecken, die wir wie Trophäen aus dem Gefecht mit dem launenhaften Fjäll davon tragen. Wir müssen schmunzeln, nicht zuletzt darüber, welches Wechselbad der Gefühle eine derartige Tour auf Skiern doch mit sich bringt. So, wie sich der beißende Wind und die wirbelnden Schneeflocken mit einem Augenzwinkern in Sonnenschein und stahlblauen Himmel verwandeln können.

Zurück in Stockholm werden wir durch ein hektisches Klopfen an der Abteiltür geweckt. Der Zug war eine Stunde zuvor in den Hauptbahnhof eingefahren und seine im Fjäll abgekämpften Gäste durften noch eine weitere Stunde auf dem Abstellgleis schlummern. Diese aber haben wir offensichtlich überschritten. Für einen kurzen Moment ist uns fast so, als hätten wir die Geschehnisse der vergangenen Tage nur geträumt. Aber unser weißer Traum ist real geworden, dort draußen im endlosen Jämtlandsfjäll. Das warme Glimmen auf unseren Gesichtern, das von der mächtigen verschneiten Bergwelt erzählt, wird von nun an immer ein Teil unseres wahren Lebens sein.

An- und Abreise
Mit dem Zug von Stockholm nach Enafors und weiter mit dem Bus nach Storulvån. Von Ljungdalen mit dem Bus nach Östersund und weiter mit dem Zug nach Stockholm. snalltaget.se, sj.se

Storulvån bis Kläppen

Von der STF-Hütte Storulvån geht es über Sylarna (16 km) nach Helags (21 km) bis nach Kläppen (12 km). Im STF- Ljungdalen kann man gut übernachten. Alle STF-Hütten sind mit Dusche, Sauna, Restaurants bzw. Küchen ausgestattet. Übernachtungen vorzubuchen, ist ratsam, im Notfall werden aber immer Gäste aufgenommen. svenskaturistforeningen.se

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