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Natur des Nordens

Mission Moschus

Vor genau fünfzig Jahren kehrte der Moschusochse nach Schweden zurück und siedelte sich im Fjäll Härjedalens an. Das Myskoxcentrum in Tännäs will dafür sorgen, dass die sensiblen Tiere das bekommen, was sie zum Überleben so dringend brauchen: Ruhe und Respekt.

Wilde Moschusochse im Dovrefjell Nationalpark, Norwegen

Die Moschusochsen sind Überlebenskünstler. Während Mammute oder Wollnashörner, mit denen sie einst durch die Kältesteppen Europas zogen, seit vielen tausend Jahren ausgestorben sind, gibt es ihre Spezies bis heute. Ein paar tausend Exemplare findet man fast ausschließlich auf Grönland und im hohen Norden Kanadas. In diese einsamsten, kältesten und unwirtlichsten Regionen der Erde haben sie sich aus Furcht vor Menschen und anderen Prädatoren zurückgezogen. Ihre Fähigkeit, selbst extremen arktischen Bedingungen standzuhalten, vor allem aber auch ihre große Vorsichtigkeit und Skepsis hat die Art gerettet.

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Dass Ida Näslund fast täglich die zotteligen Urtiere zu Gesicht bekommt – und zwar nicht am nördlichsten Ende der Welt, sondern im Fjäll der schwedischen Region Härjedalen – ist eine eigene Geschichte. Die 29-Jährige ist Guide im Myskoxcentrum nahe des kleinen Örtchens Tännäs. Neun Moschusochsen leben hier auf einem 15 Hektar großen Areal. Idas Arbeit besteht darin, Besuchern die Tiere so sicher und wenig störend wie möglich nahezubringen. Es gibt dafür eine eigens errichtete Holzrampe, von der aus weite Teile eines Schaugeheges einsehbar sind, während zwei weitere weitläufige Gehege komplett von Menschen abgeschirmt werden.

Im Myskoxcentrum kümmert sich Ida um das Wohl der Tiere und Gäste.

»Alles geschieht zum Wohl und zu den Bedingungen der Tiere«, erklärt Ida. »Unser Ziel ist es, dass sie hier im Myskoxcentrum so wild wie möglich leben können und die Ruhe bekommen, die sie brauchen. Mehr Ruhe als möglicherweise ihre Artgenossen nebenan im freien Fjäll.«

Die Rückkehr des Urtiers

Denn auch in Schweden gibt es seit 50 Jahren wieder eine kleine Population wilder Moschusochsen. Es sind Nachkommen einer Herde aus Grönland, die in den 20er Jahren in Trøndelag im norwegischen Dovrefjell neu angesiedelt wurde und von der sich fünf Individuen 1971 in das norwegisch-schwedische Grenzgebiet nahe des Sees Rogen absetzten. Fünfzehn Jahre später zählte man dort schon dreißig Tiere.

Die Moschusochsen waren in Härjedalen gleich doppelt willkommen: Zum einen hoffte man, dass sie zur Wiederherstellung einer Fjäll-Fauna beitragen könnten, die nach dem Verschwinden der großen Paarhufer verloren gegangen war und in der möglicherweise auch andere seltene Arten bessere Lebensbedingungen finden würden. Zum anderen entwickelte sich das imposante Tier zu einem willkommenen Markenzeichen und Tourismusfaktor der Region.

Als die Bestandszahlen in den folgenden Jahren rapide sanken, versuchte man, die Fortpflanzung künstlich zu unterstützen. So wurde etwa die Kuh Sofie von einem Grönland-Bullen aus einem Tierpark befruchtet, um der Herde frische Gene zuzuführen. Allerdings scheint die Inzuchtproblematik im Fall dieser Art zweitrangig zu sein: »Es gibt große Säugetiere, die eine große genetische Variation aufweisen, obwohl sie über Jahrtausende in kleinen isolierten Herden gelebt haben«, sagt Carl-Gustav Thulin, Direktor des Zentrums für Wild- und Fischforschung an der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften, der die Genetik von Moschusochsen erforscht hat. Stattdessen sieht man heute die Störung durch den Menschen als größte Gefahr an. Moschusochsen sind auf ihre Fettreserven angewiesen, um den Winter zu überleben.

Der wachsende Fjäll-Tourismus, vor allem die Verbreitung von Schneescootern, hat dazu geführt, dass die Tiere ihre Winterresidenz vorzeitig verlassen und umherwandern. Solange noch viel Schnee liegt und keine Weideflächen zugänglich sind, müssen sie dafür ihre letzten Reserven aufbrauchen. In der Folge werden keine Kälber zur Welt gebracht, weil die Kühe alle Kraft für ihr eigenes Überleben brauchen.

Ein Schutzzentrum im Fjäll

Vor diesem Hintergrund wurde 2010 das Myskoxcentrum gegründet. Ziel ist es, den wilden Moschusochsenstamm in Härjedalen zu erhalten und zu erforschen, während man gleichzeitig den Besuchern ermöglicht, das faszinierende Tier in seinem natürlichen Umfeld zu erleben und mehr über seine Lebensweise zu erfahren. Mit Hilfe von EU-Geldern wurden die Gehege errichtet, ansonsten finanziert sich der ideelle Verein fast ausschließlich durch Spenden und Einnahmen durch Führungen. Das dazugehörige Museum wird vom lokalen Naturschutzverein betrieben. Staatliche Hilfe ist nicht in Aussicht, solange der Moschusochse nicht als schwedische Art und Teil der nationalen Fauna definiert wird.

Ganz eigene Wesen

»Im Schaugehege lebt zurzeit Helga mit ihrem Nachwuchs Helax und Ronja«, sagt Ida Näslund. »Beide wurden eigentlich zu spät im Jahr geboren und hätten in der freien Natur keine Chance gehabt zu überleben. Hier können sie sich in Ruhe entwickeln und werden dann mit dem Rest der Herde zusammengeführt, wenn sie groß und stark genug sind.« Durchschnittlich zwei Kälber kommen jedes Jahr im Myskoxcentrum zur Welt, die meisten kommen durch und bleiben entweder bei der Herde oder werden an schwedische und norwegische Tierparks vermittelt, um dort den Genpool aufzufrischen. Bislang hat es nur eine Auswilderung in Härjedalen gegeben. 2013 wurde das junge Weibchen Idun mit einer Sondergenehmigung der schwedischen Umweltbehörde im Rogen-Naturreservat freigelassen, wo sie sich der wilden Herde anschloss und auch vermehrte.

Ida arbeitet seit gut fünf Jahren im Myskoxcentrum. Sie kommt ursprünglich aus Enköping westlich von Stockholm, wo sie auf einem Hof – und damit stets in der Nähe zu Tieren – aufgewachsen ist. Zu ihren Moschusochsen hat sie allerdings eine ganz besondere Beziehung aufgebaut: »Ich fühle mit ihnen, auch wenn sie wirklich ganz eigene Wesen sind«, erzählt sie. »Wir streicheln sie nicht, halten immer Abstand, haben nie direkten Kontakt und vermeiden störende Bewegungen, Geräusche oder Gerüche. Auch wenn sie träge und langsam wirken, haben sie doch die volle Kontrolle über uns Menschen. Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis sie sich daran gewöhnt haben, dass ich in der Nähe bin und ihr Futter nachfülle.« Wenn Ida ihre Gruppen führt, schenkt sie den Tieren ebenso viel Aufmerksamkeit wie den Besuchern. Bei geringsten Anzeichen von Irritation geht sie mit der Gruppe weiter. Aus Respekt vor den Tieren und den Gästen.

Beitrag zum Wissensstand

Neben ihrer Arbeit mit den Besuchern übernimmt Ida, so wie sie es nennt, »klassische Hofaufgaben wie Füttern, Ausmisten oder das Instandhalten der Gehege« und packt auch sonst praktisch mit an, wenn etwa neue Wege gebaut werden oder ein Teich für die Tiere angelegt wird. Darüber hinaus trägt sie zur Forschungsarbeit bei: Das Myskoxcentrum dokumentiert kontinuierlich die Entwicklung und das Verhalten des Ovibos Moschatus, der übrigens weniger mit dem Rind als vielmehr mit dem Schaf verwandt ist – eine Art buschiger Steinbock der Arktis. Gerade nimmt man als Kontrollgruppe an einer Studie über die grönländische Population teil und leistet damit auch einen Beitrag zum internationalen Wissensstand über die Moschusochsen.

Nicht zuletzt kümmert sich Ida auch um die Öffentlichkeitsarbeit – egal ob sie die Fragen eines deutschen Reporters zu ihrer Arbeit beantwortet oder den lokalen Radiosender Namen für die neuen Kälber suchen lässt (Helix und Ronja waren 2021 die Hörerfavoriten).

Positiv bleiben

Wie sieht Ida die Zukunft der Moschusochsen? Glaubt sie, dass irgendwann einmal wieder große Herden der Tiere durch die skandinavischen Weiten ziehen werden? »Ich versuche einfach, positiv zu sein und meine Arbeit so gut wie möglich zu machen«, meint Ida. Dass es langfristig gelingt, das Urtier vor dem Menschen und seinen Folgen zu schützen, scheint eine größere Aufgabe zu sein.

Der Moschusochse

DER MOSCHUSOCHSE gehört als ziegenartiger Paarhufer zur gleichen Familie wie Mufflons oder Steinböcke. Er wird 200–250 cm lang, 130–165 cm hoch und 250–500 kg schwer und kommt natürlich in Grönland, Nordkanada und Alaska vor. Kleinere Herden wurden im letzten Jahrhundert in Norwegen und Nordsibirien angesiedelt. Der lateinische Name »Ovibos« bedeutet »Schafsochse«, die Inuit nennen ihn »Umimmaq«, übersetzt: »Tier mit Fell wie ein Bart«.

IN SKANDINAVIEN besteht die Population wild lebender Moschusochsen heute aus rund 250 Tieren im norwegischen Dovrefjell und rund zehn Tieren im schwedischen Härjedalen.

DAS MYSKOXCENTRUM in Tännäs besteht aus drei Gehegen, in denen Moschusochsen unter geschützten Bedingungen leben und erforscht wer- den. Bei geführten Touren kann man die Tiere im natürlichen Umfeld erleben.

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