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Natur des Nordens

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Wilde Wege im Sarek Nationalpark

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Der Sarek ist das größte Wildnisgebiet Skandinaviens. Die größte Herausforderung für Wanderer liegt zwischen einsamen Fjälls, Gletschern, Stromschnellen und weitläufigen Tälern auf der Südseite des Rapadalens. Hier ist das Gelände urtümlich und nahezu wegelos. Peter Persson und Fredrik Österman sind auf Trampelpfaden direkt ins wilde Herz des Nationalparks gewandert.

Das Gefühl, in der Wildnis zu sein, kommt ganz unvermittelt. Nach dem ersten Nachtlager auf einer Sandbank im Süden des Laitauredeltas haben wir die Landschaft auf uns wirken lassen, die Herbstfarben und die klare Luft genossen und sind dem Flusslauf in nordwestlicher Richtung gefolgt. Nachdem wir einige kleinere Bäche durchwatet haben, durchquert Fredrik ein zwei Meter breites Flussbett. Dann sieht er den großen männlichen Bären. Der stromert einen Abhang hinunter und steuert einen fünfzig Meter entfernten Teich an. »Ein Bär!«, höre ich Fredrik schreien. Das Tier, inzwischen am Ziel, stellt sich hin und trinkt. Ich versuche meine Kamera aus dem Rucksack zu zerren, um ein Bild zu machen. Uns bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, ob der Bär auf uns zukommt oder in der Gegenrichtung unterwegs ist. Das Adrenalin rauscht durch den Körper. Es ist ein gewaltiges Erlebnis, das größte Raubtier Schwedens so nah vor sich zu sehen. Der Bär stellt sich vorsichtig auf die Hinterbeine, schnuppert in unsere Richtung, lässt den Oberkörper wieder sinken und zieht sich zwischen die Bäume hinter dem Teich zurück. Als ich endlich die Kamera in den Händen halte, hat die Vegetation ihn schon verschluckt.

Abenteuer Wildnis

Es ist Anfang September. Wir haben uns entschieden, die Tour so spät zu machen, um die beiden größten Störfaktoren im Fjäll auszuschalten: Mücken und Menschen. Jetzt stehen die Chancen, wilde Tiere zu sehen, besonders hoch. Das Rapadal erstreckt sich über fast fünfzig Kilometer. Der nördliche Teil des Wasserlaufs, der das Tal durchfließt, lockt im Sommer die Wanderer an. Aber auf der Südseite des Tals gibt es weder Markierungen noch Wanderwege. Nur Wild- und Trampelpfade. Wir sind mitten im Abenteuer Wildnis. Frei, aber auch ungeschützt. Einerseits sind wir zwei erfahrene Wanderer mit der denkbar besten Ausrüstung und einem guten Plan, andererseits liefern wir uns der Natur vollkommen aus. Ich bin allein auf dem Yukon und in den kanadischen Nordwest-Territorien gepaddelt, habe Tasmanien durchwandert, war auf Expedition in Spitzbergen und habe Finnlands größte Wildnis, die Region Lemmenjoki, mit dem Kajak erobert. Doch immer wieder zieht es mich in den Sarek zurück. Als Siebenjähriger setzte ich mir einen Rucksack auf, den ich auf dem Dachboden unseres Sommerhauses in Järvsö gefunden hatte, und wanderte allein mehrere Stunden im Wald herum. Ich konnte mich auf einen Stein oder unter eine Kiefer setzen, einfach nur die Pflanzen und die Bäume um mich herum betrachten und dabei die Stille genießen und die Tatsache, dass ich ganz allein war. Zu Hause fand ich im Bücherregal ein altes Buch von Edvin Nilsson über den Sarek. Oft blätterte ich darin und dachte: »Da will ich hin.« Als ich siebzehn war, unternahm ich meine erste Solo-Tour im Fjäll, sieben Tage auf dem Kungsleden von Saltoluokta nach Kvikkjokk. Auf halber Strecke, ungefähr auf der Höhe von Aktse, machte ich einen Abstecher ins Rapadal. Das war ein erster Test, eine kleine Kostprobe der Wildnis. Mit einer Mischung aus der Angst davor, sich in ein unbekanntes Gebiet zu begeben, und der Freude daran, eine – für mich – völlig neue, wilde Natur zu entdecken, weit entfernt von jeglicher Zivilisation, begann meine Geschichte mit dem Sarek. Es waren Orte wie das Rapadalen, von denen ich geträumt hatte, als ich in den Wäldern rund um Järvsö herumstreunte. Einige Jahre später gelang es mir, den ganzen Sarek zu durchwandern. Und seitdem bin ich fast jedes Jahr hier gewesen.

Neuland erobern

Aber noch nie war ich in diesem Teil des Nationalparks unterwegs. Nach der Begegnung mit dem Bären bahnen Fredrik und ich uns weiter unseren Weg durch das wildwüchsige Terrain.  Über uns ragen hochalpine Gebirgszüge mit großen Gletschern auf. Manchmal ist es sonnig, mit klarer, kalter Luft, dann wieder fällt ein wenig Regen, teilweise mit Schnee vermischt. Am Tag steigt die Temperatur auf ein paar Grad über null, nachts liegt sie unter dem Gefrierpunkt.  Morgens sind unsere Stiefel gefroren, und
auf den Wasserflaschen liegt eine dünne Eisschicht. Das Rapadal wird auch das Tal der Elche genannt, und wir sehen mehrere ausgewachsene Exemplare. Langsam bewegen wir uns auf Rovdjurstorget zu. An einem Frühjahrstag in den 60er Jahren fand man dort gleichzeitig Spuren aller vier Raubtierarten, die dort heimisch sind – Bär, Wolf, Vielfraß und Luchs – , daher auch Name, der auf Deutsch »Raubtierplatz« bedeutet. Neben dem Risiko, einem Bären zu begegnen, besteht die größte Herausforderung darin, sich in dem dichten Birkenwald, der kreuz und quer von Wasserläufen durchzogen ist, zu orientieren. Am vierten Tag sind wir diagonal über die nordwestliche Ecke des Bergmassivs Bielloriehppe gewandert, oberhalb der Birkenwälder des Rapadalen. Jetzt befinden wir uns in einem Dschungel aus grobem Weidengestrüpp, das uns bis über die Köpfe reicht. Es gibt kein Entkommen, das Gebüsch wächst weit die Hänge hinauf, und oben sind steile Abbrüche mit lockeren Steinen. Wir haben einen der schwierigsten Abschnitte unserer Wanderung auf der Südseite des Tals erreicht. Die Sicht beträgt nur wenige Meter, und unter dem Pflanzenwuchs verbergen sich kleine Schluchten und Bäche. Schließlich finden wir einen schmalen Wildpfad, der es etwas  leichter macht, sich durch das Gestrüpp zu arbeiten. Wir bewegen uns vorsichtig. Unterhalb von Bielloriehppe haben wir Bärenlosung gesehen, und keiner von uns möchte hier plötzlich in das Auge eines Bären blicken. Es dauert mehr als zweieinhalb Stunden, bis Fredrik und ich uns durch die zwei Kilometer breite Gestrüppzone gekämpft haben. Am Ende geht das Gebüsch in einen schönen, lichten Wald aus knorrigen Fjällbirken über. Zu unserer Rechten sehen wir jetzt das ganze Rapadelta, das ein Mosaik aus Wasserflächen und Sanddünen bildet. Hinter uns türmen sich die schwarzen, kantigen Felshänge von Bielloriehppe auf. Auf der anderen Seite erhebt sich das gewaltige Skårkimassiv und wacht über das Tal. Am Himmel gleiten ein paar Wolken vorüber. Es ist vollkommen still.

Respekt vor der Natur

Wir sind im Herzen des Sarek angekommen, wo mehrere große Täler und Flüsse aus allen Richtungen zusammentreffen. Wir schlagen unser Lager bei Sarvesjåhkå auf, in einem Gehölz in der Nähe des Rovdjurstorget. Später, als ich im dunklen Zelt liege, denke ich an die Begegnung mit dem Bären. Das war ein großartiges Erlebnis, und es erfüllt mich mit Demut und Respekt vor allen Lebewesen, die dort draußen leben und die wir, wenn überhaupt, nur sehr selten in der Einsamkeit der Wildnis zu Gesicht bekommen. Der Schlafsack wärmt den Körper. Ich lausche auf das leichte Flattern der Zeltplane im Wind. Nach einem langen Wandertag über Stock und Stein habe ich Schmerzen im Fuß und im Knie. Ich massiere die Muskeln und versuche, eine bequeme Schlafposition zu finden. Schließlich nehme ich zwei Schmerztabletten. Morgen müssen wir zwei große Furten durchqueren. Da heißt es ausgeruht sein. Bei der Tielmafurt suchen wir uns einen Weg durch die Strömung. Jeder Schritt muss gut bedacht sein. Der Untergrund besteht teilweise aus Treibsand. Fredrik und ich benutzen unsere Wanderstöcke, um uns voranzutasten. Das Wasser ist knietief. Ein falscher Schritt kann zur Folge haben, dass man in den Schlamm hinuntergezogen wird und ertrinkt. Es hat einige Tage nicht geregnet, und der Wasserstand ist niedrig. Ein idealer Zeitpunkt, um die Furt zu durchwaten. Der Fluss fließt durch das Tal Sarvesvagge hinunter in den Rapaälven und teilt sich kurz vorher in mehrere Strombetten auf. Ist man bei der Durchquerung zu weit oben, kann es passieren, dass die Strömung zu stark ist und man riskiert, ins kalte Wasser gerissen zu werden. Versucht man es zu weit unten, wo der Fluss sich in mehrere kleinere Wasserläufe verzweigt, glaubt man womöglich, ihn durchquert zu haben, befindet sich in Wirklichkeit aber noch auf einer Insel mitten im Delta. Nach anderthalb Stunden haben wir beide Furten durchquert und können unsere Wanderung durch das Tal fortsetzen. Wir gehen über Fjällheideflächen mit kurzem Grasbewuchs und einige Sandbänke, denen wir folgen können. Nach ein paar einfacheren Furten wandern wir durch lichten Birkenwald. Das fühlt sich beinahe an wie ein Spaziergang im Park. Wir entspannen uns. Wenig später finden wir eine kleine Hütte, in der wir unser Mittag essen.

Kampf gegen die Wassermassen

Nach mehreren Tagen in dichtem und feuchtem Weidengestrüpp sind wir beide, Fredrik und ich, müde und verfroren. Mein Knie schmerzt. Ich mache mir Sorgen wegen unserer nächsten Flussdurchquerung im Rapaälven – fünfzig Meter durch trübes Gletscherwasser. Man kann den Grund nicht sehen, aber wir wissen, dass es an manchen Stellen tief ist. Wieder arbeiten wir uns durch Weidengestrüpp, um das Ufer zu erreichen. Wir geraten ins Rutschen, stolpern ein ums andere Mal und kommen erschöpft an einer Stelle an, wo wir glauben, ohne allzu großes Risiko den Fluss durchwaten zu können. Fredrik geht als Erster los und prüft den Untergrund mit seinem Wanderstock. Er hat seine Stiefel ausgezogen und Neoprenschuhe übergestreift.  Ich bleibe am Ufer stehen und versuche, durch das Brausen des Wassers hindurch mit ihm Kontakt zu halten.  »Wie tief?«, rufe ich. »Bis auf Kniehöhe!«, antwortet Fredrik. Ungefähr alle zehn Meter verständigen wir uns erneut über die Tiefe, bis Fredrik drüben auf der anderen Seite ist und das Zeichen gibt, dass ich losgehen kann. Mein Knie tut weh. Das eiskalte Wasser verstärkt den Schmerz im Bein. Schritt für Schritt wage ich mich in die Strömung vor, darauf bedacht, nie den Kontakt mit dem Grund zu verlieren. Ich halte den Blick geradeaus gerichtet, so gut es geht, damit mir von den wirbelnden Wasserstrudeln nicht schwindlig zu wird. Schnee liegt in der Luft. Auf halber Strecke merke ich, dass ich fast kein Gefühl mehr in den Beinen habe. Ich beiße die Zähne zusammen. Versuche, an etwas anderes zu denken. Schließlich sinkt das Wasser, ich erreiche sicher das andere Ufer. Wir haben es geschafft und uns so eine ganze Tagesetappe erspart. Wir jubeln und fallen uns in die Arme. Da stehen wir mitten im Regen, mitten im Sarek, und sind so glücklich wie schon lange nicht mehr. Im Lauf einer halben Stunde ist die Stimmung von ganz unten nach ganz oben geklettert. Nun haben wir das Rapadal verlassen. Vor uns liegt die Pielalebene mit dem smaragdgrünen See Bierikjaure. Wir sind nicht einem einzigen Menschen begegnet und haben kaum eine Spur von anderen Wanderern gesehen. Ganz nach meinem Geschmack. Sich durch unberührte Natur zu bewegen ist wie eine Meditation. Man ist jeglicher Verpflichtung der Gesellschaft enthoben, die Aufmerksamkeit konzentriert sich ganz auf das Hier und Jetzt. Zum Abschluss wartet noch eine zweitägige Wanderung zum Sourvadammen. Nach der fast einwöchigen Tour über Felsblöcke, Weidenwurzeln und durch kalte Flüsse humpele ich etwas. Wir setzen uns auf einen Stein und schauen auf die massige Bergwand des Bierikbákte. Wir sind beide ziemlich mitgenommen. Aber die letzten Abschnitte unserer Sarek-Expedition sind leicht zu gehen, die Flussdurchquerungen einfacher und weniger zahlreich.

Das wildeste Stück des Sarek liegt hinter uns.

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