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Natur des Nordens

Rettet die Korallen

Wusstest du, dass es in Schweden Korallenriffe gibt? Es gibt nur einen Haken. Es geht ihnen nicht gut. NORR hat die Wissenschaftler getroffen, die versuchen, die letzten Korallen zu retten.

Bis kurz vor Schluss steht es in der Schwebe, ob wir die Bootsfahrt machen können.Die Forschungsinstrumente sind sehr sensibel. Es darf nicht zu windig sein. Auch die Unterwasserströmungen dürfen nicht zu stark sein. Aber wir haben Glück. Heute ist es fast windstill im Hafen von Tjärnö, südlich von Strömstad. Auf der Insel leben nur 100 Menschen. Unter der Wasseroberfläche geht es dafür umso geschäftiger zu. Kosterhavet ist Schwedens artenreichstes Meeresgebiet mit 6 000 Spezies, die sich hier angesiedelt haben. Auf Tjärnö gibt es eine Forschungsstation, die Teil der Universität Göteborg ist und unser 18 Meter langes Forschungsschiff, das nach dem Meeresgott Nereus benannt ist, donnert hinaus in den Morgennebel, um Korallenriffe aufzuspüren.

Die meisten Menschen verbinden Korallenriffe wohl mit paradiesischen Inseln, bunten Fischen und Meeresschildkröten. Tjärnö-Forscher aber sind auf Augenkorallen spezialisiert, auch »Lophelia pertusa« genannt, eine Kaltwasserkoralle, die in nordischen Gewässern lebt, aber auch in Florida, Mauretanien und Brasilien. In Schweden wurden die Spuren von wenig- stens sechs Korallenriffen entdeckt. Heute aber gibt es nur noch wenig Leben auf zwei von ihnen: Auf Säckenrevet vor Strömstad und den Väderöarna vor Fjällbacka. Insbesondere Säckenrevet befindet sich in einem äußerst schlechten Zustand.

Es ist verführerisch schön. Aus der Nähe erinnert es an Zweige oder Blumensträuße.

Das Forschungsteam hat die Aufgabe, die schwedischen Korallenriffe zu retten. Ann Larsson ist Forschungsleiterin im Meereslabor von Tjärnö. »Dort ist das Säckenrevet! Es macht kaum Sinn, es Riff zu nennen. Es steckt fast kein Leben mehr darin. Wie schlimm es genau ist, werden wir herausfinden«, sagt Ann und deutet auf das stahlgraue Wasser vor uns. Wir halten nicht. Stattdessen sausen wir vorbei. Die Forscher haben heute andere Pläne.

Richtig tiefes Leben

Man könnte leicht glauben, dass Korallen Pflanzen sind, aber tatsächlich sind es winzige, sehr empfindliche Tiere. Sie benötigen die richtigen Bedingungen, um zu gedeihen. Dies gilt sowohl für tropische Korallen als auch für Kaltwasserkorallen. In unserem Nachbarland Norwegen gibt es einige der grössten Kaltwasserriffe der Welt. Hier ist das Wasser salzig und kalt genug. Wir sind auf dem Weg dorthin. Eine Stunde nach Abfahrt nähert sich das Forschungsschiff der norwegischen Grenze, aber es ist nicht sicher, ob wir mit allen Corona- beschränkungen in norwegische Gewässer dürfen. Das Forschungsteam verfügt über eine Reihe von Sondergenehmigungen, aber als das Schiff das letzte Mal die norwegische Grenze überquerte, musste es zweieinhalb Stunden auf grünes Licht warten. Heute gleiten wir ohne das geringste Problem über die unsichtbare Linie.

Mit dem Forschungsschiff Nereus geht es hinaus aufs offene Meer bis in die Gewässer vor Norwegen.

Auf dem Tislerrevet im Ytre-Hvaler-Nationalpark vor der südnorwegischen Küste wimmelt es nur so vor Korallen. Das Riff ist 1,2 Kilometer lang und einige hundert Meter breit. Wir müssen nicht weit fahren, bis wir ankern. »Korallen leben oft in einer Tiefe zwischen 80 und 180 Metern, kommen aber auch noch in 3 000 Metern Meerestiefe vor«, sagt Susanna Strömberg, die erste Forschungsingenieurin an Bord. Eine übliche Grenze für Taucher liegt bei 30 Metern und die meisten Menschen tauchen selten tiefer als 20 Meter. Die Forscher nehmen daher einen ferngesteuerten Unterwasserroboter zu Hilfe, der verschiedene Aufgaben gleichzeitig ausführt und dabei alles filmt. Der gelbe Roboter wird mit einem lauten Gurgeln ins Meer gehievt, während der Film in Echtzeit auf einem Bildschirm an Deck läuft. Je tiefer der Roboter sinkt, desto dunkler wird es. Unten ist es eigentlich stockdunkel, aber er ist mit Scheinwerfern ausgestattet.

Unrealistische Fantasiewelt

In einer Tiefe von 106 Metern wirkt das Riff wie eine mystische Landschaft. Es ist voll mit weißen Korallentieren, die mit der Unterwasserströmung tanzen. Es ist verführerisch schön. Aus der Ferne ähnelt es einer Blumenkohlwiese. Aus der Nähe erinnert es an Zweige oder Blumensträuße. Es sieht unwirklich aus – wie einem fantasiereichen Kinderbuch entsprungen.

Der heutige Zeitplan ist straff. Verschiedene Instrumente sollen auf dem Meeresboden abgesenkt werden. Als erstes ein akustisches Amperemeter. Es sieht aus wie ein ausladendes Kamerastativ. Drei Monate lang sollen Strömungsgeschwindigkeit, aber auch Salzgehalt und Temperatur gemessen werden. Durch das Beobachten der gesunden norwegischen Riffe ist es möglich, Lehren zu ziehen, die auf schwedischer Seite angewendet werden können. »Wir wissen noch nicht alles. Deshalb führen wir Messungen durch und platzieren Instrumente sowohl auf norwegischer als auch schwedischer Seite. An einem der sechs schwedischen Riffe haben sich die Bedingungen möglicherweise aber so stark geändert, dass es aussichtslos ist, eine Wiederherstellung des Ursprungszustandes anzustreben«, sagt Ann. Die große Leinwand an Deck zeigt bald zwei leuchtend rote Hummer mitten im Kampf und eine bunte Anemone, die vorbeizieht. Das Instrument befindet sich in der Mitte des Riffs, ohne jedoch die Korallen zu beschädigen.

Eine unwirkliche Fantasiewelt: Wie Blumensträusse oder Blumenkohl muten die Augenkorallen auch im Aquarium an.

Liebe zum kalten Wasser

Heute gelten 75 Prozent der Korallenriffe der Welt als gefährdet. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. In der Vergangenheit mieden kommerzielle Fischer die Riffe, um ihre Netze nicht zu beschädigen. Als in den 1980er Jahren jedoch das Grundschleppnetz entwickelt wurde, kam es vor, dass die Boote ihre Netze direkt durch die Riffe zogen und diese zerstörten. Es war damals nicht bekannt, dass es Tausende von Jahren dauern könnte, bis sich ein Riff erholt hat. Diese Art von Schleppnetz wurde nie in Kosterhavet eingesetzt. Hier wurde in kleinerem Rahmen gefischt, aber dennoch wurden hier Schäden verursacht.

Die Tatsache, dass sich die norwegischen Riffe deutlich besser fühlen als die schwedischen, ist teilweise auf eine gute Versorgung mit wirklich salzigem und kaltem Wasser zurückzuführen. Auch wenn es in Norwegen heute kilometerlange intakte Korallenriffe gibt, sind diese auf Dauer gefährdet. Steigende Temperaturen sind derzeit ein großes Problem für alle Korallenriffe. Tropische Korallen sind vom Ausbleichen und Absterben bedroht. Die Augenkoralle ist ebenfalls betroffen, da sie am besten in kaltem Wasser zwischen vier und zehn Grad gedeiht. Eine weitere Herausforderung ist die Versauerung der Meere, die deren pH-Wert senkt und es Korallen erschwert, ihre kalkhaltigen Skelette zu bilden.

Diejenigen, die tropische Korallen kennen, können beim Anblick von Kaltwasserkorallen ein wenig erschrecken. Tropische Riffe sind als farbenfroh bekannt. Erst wenn sie verblassen und sterben, werden sie weiß wie Schnee. Augenkorallen sind von Natur aus blass, auch wenn sie ihre Farben in ein leichtes Orange oder Rosa ändern können. »Ich habe einen Artikel über ausgebleichte tropische Korallenriffe gelesen, die mit Bildern von Augenkorallen illustriert wurden. Viele dachten wahrschein- lich: ›Oje, wie blass!‹ Aber unsere heimischen Riffe sollten genauso hell aussehen«, sagt Ann.

Ziel des Forschungsprojekts im Tjärnö-Labor ist es, die schwedischen Korallenriffe wiederzubeleben. Gegenwärtig gibt es keine natürlichen Riffstrukturen, auf denen sich Korallen niederlassen können. Langfristig sollen künstliche Korallenriffe gebaut werden. Susanna hält einen 3D-gedruckten Prototyp mit vielen kleinen Hohlräumen hoch. Einige Löcher sind etwas größer, andere kleiner. Das Riff soll in Beton nachgegossen werden. Die Forscher werden auch andere Materialien testen, um herauszufinden, was den Korallen am besten gefallen könnte.

Korallen sind nicht nur schön, sie sind auch als Regenwald unserer Ozeane bekannt.

Korallenriffe sind nicht nur schön, sie sind auch als Regenwald unserer Ozeane bekannt. Fast ein Viertel der Meeresarten ist direkt von Korallenriffen abhängig. Kleine Fische verstecken sich gerne in den Riffen und bieten Nahrung für größere Fische, was ihren Bestand erhöhen kann. Es gibt auch viele Arten, die in Symbiose mit den Korallen leben. Wenn das Korallenriff stirbt, hat dies Konsequenzen.

Fischen mit Führerschein

Die Fischer in der Region Kosterhavet sind sich der positiven Auswirkungen der Korallenriffe bewusst. Sie wissen zum Beispiel, dass Fischbestände davon profitieren können, wenn die Riffe bleiben dürfen. Viele berichten regelmäßig über Korallenfunde, um zu ihrer Erhaltung beizutragen. Vor etwas mehr als zehn Jahren wurden spezielle Schutzzonen ausgewiesen, in denen der Einsatz von Schleppnetzen verboten ist, um die biologische Vielfalt zu schützen. In den folgenden Jahren wurden in einigen dieser Gebiete dennoch Schleppnetze gefunden.

Ein 3D-gedruckter Prototyp mit vielen kleinen Löchern ist das Vorbild für künstliche Riffe, die zukünftig in Beton nachgegossen werden sollen.

»Die Fischer schlugen dann eine Pflicht zur Satellitenüberwachung vor, die die Position ihrer Boote ständig mitteilt. Sie wollten auch Sonderregelungen für das Fischen im Natio- nalpark einführen, für die fortan eine Geneh- migung erforderlich sein sollte, die man nur mit einer Art Führerschein erhalten kann. Jeder, der mit einem Schleppnetz nach Garnelen fischen will, muss jetzt zuerst einen Kurs absolvieren«, sagt Anita Tullrot, Managerin für das Korallen- projekt. Anderswo in Schweden Korallenriffe zu errichten, macht keinen Sinn. Nur Kosterhavet weist die richtigen Bedingungen auf, weil hier Wasser aus dem norwegischen Kanal einströmt. »Der Kosterfjord ist bis zu 250 Meter tief. Das macht die Fauna so reich. Besonders der hohe Gehalt an Salz führt dazu, dass viele Arten in den Tiefen gedeihen«, sagt Ann. In fünf Jahren sollte alles fertig sein. Es ist ein Kampf gegen die Uhr. Die Augenkorallen wachsen langsam, höchstens 25 Millimeter pro Jahr.

Besonders der hohe Gehalt an Salz führt dazu, dass viele Arten in den Tiefen gedeihen.

Heute bleibt den Forschern gerade noch Zeit, ein paar weitere Instrumente zu platzieren, aber nicht alle. Die Unterwasserströmung nimmt zu. Der Roboter kann seine Arbeit nicht mehr erledigen. Eigentlich möchte das Team noch mehr Aufgaben auf der heutigen To-Do-Liste abhaken, aber das muss warten. Nach sieben Stunden auf See kehren wir zur Forschungsstation auf Tjärnö zurück. Die Besatzung hilft, alle Geräte an Land zu heben. Ann und Susanna begeben sich ins Labor. Hier sieht es aus wie am norwegischen Riff, nur in Nahaufnahme. Korallen sitzen in verschiedenen Aquarien und tanzen sanft im wirbelnden Wasser. Wenn wir uns derartig nahekommen, wird es noch deutlicher, wie schön Korallen sind. Es gibt sowohl weibliche als auch männliche Kolonien. Alle haben kleine transparente Tentakel. »Sie sind vibrationsempfindlich. Wenn wir die Türen zu stark zuschlagen, ziehen sie sich zusammen und verstecken sich«, sagt Ann.

Die Forscher haben Korallen vom norwegischen Tisler-Riff ausgeliehen. Ziel ist es, sie jeden Winter zu vermehren. Bisher hat dieses Projekt die Erwartungen übertroffen. Andere Teams auf der Welt verfolgen die Arbeit des schwedischen Teams mit Spannung. Ein paar Türen weiter liegt das im Sommer für die Öffentlichkeit zugängliche Aquarium von Tjärnö, das auch Korallen hat. Weil sie so tief leben, sind sie normal in der Natur nicht zu sehen, aber hier kann man sie betrachten. »Wir hoffen natürlich, dass wir die schwedi- schen Korallenriffe aufbauen können, um die Artenvielfalt wieder zu steigern. Es geht ihnen schlecht – aber es ist noch nicht zu spät«, sagt Susanna.

Der Kosterhavet Nationalpark, der sich von Strömstad im Norden bis Grebbestad im Süden erstereckt, bietet mit seinem Kaltwasserriff Lebensraum für Hunderte von Tierarten.

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