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Natur des Nordens

Fast ohne Flocken

Schneefreie Winter verlängern die Wandersaison. Im Tyresta-Nationalpark vor den Toren Stockholms finden wir heraus, wie sich ein wärmeres Klima auf unsere Wälder auswirkt.

Alte trocknete Bäume erheben sich von den schroffen Felsen, zwischen denen sich der Weg entlangschlängelt. Das Gefühl von Wildnis im Tyresta-Nationalpark ist großartig, obwohl er nur ein paar Kilometer außerhalb Stockholms liegt. Die Landschaft ist schön wie ein Gemälde in graugrünen Schattierungen. Wo wir hintreten, ist meist nackter Boden. In der Nähe ist ein hämmerndes Geräusch zu hören. Vielleicht ein Schwarzspecht mit seinem roten Hut, der hier im Park sehr häufig vorkommt. Tyresta wird auch das Reich der Spechte und Eulen genannt.

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Auf den gut markierten Wegen ist ein Spaziergang im Park einfach. Unsere Wanderung beginnt am 29. Februar, was sich besonders anfühlt. Ein Tag, der nur alle vier Jahre vorkommt. Ideal für einen Ausflug in den Wald. Die Luft ist frisch und etwas kühl, mit grauen Wolken über uns. »Fragt sich, ob es regnen wird, so wie angekündigt. Ich hoffe nicht«, sagt Odd, der seinen Sohn Vidar und seinen Freund Kalle mit auf die Tour gebracht hat. Wir wandern mit unseren schweren Rucksäcken voran. Einige von uns werden heute zum ersten Mal im Winter draußen nächtigen.

Bartflechten hängen von den Ästen und schmücken die Bäume ringsherum wie Girlanden. Wir möchten wissen, wie die Flechten und unsere Wälder von Umweltschäden und dem wärmeren Klima betroffen sind. Vor der Tour haben wir mit dem Forscher Jörg Brunet von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften gesprochen. »Die Tatsache, dass es viele Flechten gibt, zeigt, dass die Luftqualität gut ist. Nur die Bartflechte ist auch abhängig von einem alten Baumbestand, was sie insbesondere in Tyresta gedeihen lässt«, sagt er.

BEDROHUNG FÜR BLAUBEEREN

Im Nationalpark darf der Wald seinen Urwaldcharakter mit Bäumen ganz unterschiedlichen Alters behalten. Viele gefährdete Pilz-, Moos- und Flechtenarten brauchen Zugang zu Totholz, von dem es im Park viel gibt. Diese große Biodiversität kann der Wald von Tyresta bieten, weil er unberührt geblieben ist, ohne lange Perioden der Abholzung. Auch gab es Brände in dieser Gegend, was bedeutet, dass die Natur hier mit Laubbäumen, die sich immer als Pioni-erart ansiedeln, von vorne beginnen musste, bevor der Nadelwald übernimmt.

Beim Wandern in Tyresta freuen wir uns über den alten Baumbestand und all die Bartflechten. Der Wald bedeutet uns allen viel. Die Bäume geben Geborgenheit, Erholung und Entspannung. Vidar, der in der Nähe von Fulufjället und Njupeskär in Dalarna mit regenwaldähnlichen Baumgebieten und dem Gipfel des Djuraberget vor der Haustür aufgewachsen ist, hat auch einen Lieblingsplatz in Stockholm. »Ich mag den Lill-Jansskogen, durch den ich jeden Tag auf meinem Schulweg gehe«, sagt er. Wälder in der Nähe der Stadt, wie der Lill-Jansskogen im Norden von Stockholm, sind besonders wichtig für die Erholung. Viele Grünflächen in Städten verschwinden aber durch die Verdichtung im Wohnungsbau.

Auch die Wälder des Landes verändern sich durch den Klimawandel, wie eine Studie von Schwedens Universität für Landwirtschaft zeigt. Dazu gehören Blaubeer- und Preiselbeersträucher, die es schwer haben zu überleben. Jörg Brunet erklärt, dass Beerenreisig viel Licht braucht und aufgrund des dichteren Waldes vor allem im südlichen und zentralen Teil des Landes schrumpft. Die Bodenbedeckung mit Blaubeer- und Preiselbeerpflanzen hat sich in den vergangenen 50 Jahren in Südschweden fast halbiert. Der Schwund dieser bodennahen Sträucher beeinträchtigt die Überlebensfähigkeit der Waldvögel, die Schutz suchen und im Beerenreisig Futter finden.

Wenn die Winter immer kürzer und wärmer werden, wird sich auch die Vegetation verändern. Südliche Arten, die im feuchten Klima nicht überleben können, werden weiter in den Norden ziehen müssen. Preisel- und Blau- beerpflanzen werden es schwer haben zu überleben

Die Bodenbedeckung mit Blaubeerreisig hat sich in den letzten 50 Jahren halbiert.

Wenn die Zahl der Waldvögel abnimmt, wird es schwieriger für Greifvögel, Füchse und andere Tiere, Beute zu finden. »Dass der Wald intensiver wächst, liegt daran, dass das Klima längere Zeit wärmer
ist und sich so die Wachstumsperioden des Waldes verlängern. Auch die moderne Forstwirtschaft mit Fichtenplantagen führt zu dichterem Wald, der hellere Kiefern- und Mischwälder ersetzt«, sagt Jörg. Davon profitieren schattentolerante Farne und Seidenmoose. Blütenkräuter und Gräserarten nehmen hingegen ab, da sie mehr Licht benötigen.

Nicht nur das wärmere Klima verändert den Wald, die Stickstoffemissionen durch Verkehr und Industrie düngen das Waldland auf eine Art, die einige Pflanzen zum Wachsen und andere zum Absterben bringt. Arten, die von mehr Stickstoff profitieren, sind zum Beispiel Brennnessel und Himbeere, während andere die an niedrigere Stickstoffwerte angepasst sind, sich drastisch reduzieren. In nährstoffarmen Wäldern gedeihen neben Heidelbeeren und Preiselbeeren auch Moosglöckchen, Birngrün, Rosmarin, Krähenbeere und Fingerhut.

Gesellschaft am Windschutz

Es beginnt zu dämmern. Das letzte Stück zum Windschutz führt über Holzplanken, die durch ein Moor gelegt wurden. In der Ferne ist ein Lagerfeuer zu sehen. Wir hatten angenommen, dass niemand außer uns hier sein würde, doch das Feuer sorgt für eine einladende Atmosphäre. »Wollt ihr Kaffee?«, fragt Pinglan, die sich hier am Windschutz bereits eingerichtet hat. Wir haben Bedenken, dass sie sich vielleicht in ihrer Ruhe gestört fühlt, doch sie freut sich über Gesellschaft am Lagerfeuer.

»Es ist ein Glück, dass ihr so nett seid und nur zu fünft. Im Sommer ist es hier schnell überfüllt, da es einer der wenigen Orte im Reservat ist, an dem man Feuer machen und übernachten darf«, sagt sie. Der Windschutz ist gut gelegen, mit Blick auf den See. Wir trinken gemeinsam Kaffee. Als es dunkel ist, legen wir mehr Holz nach, das etwas nass ist, aber in der heißen Glut schnell zu trocknen beginnt. »Feuchtes Holz hält länger«, sagt Odd und pustet ein wenig Luft in die Glut.

Wir haben einen Bohneneintopf dabei, den wir über dem Feuer erwärmen und eine Kiste Rotwein, den wir trinken, während wir über unsere Lieblingsplätze in Schweden reden. Kalle mag Grövelsjön. Es kann aber auch gerne ein Spaziergang in der Nähe von Stockholm sein, der mit einem Stopp an einer Bar endet. Natur ist hier in Stockholm direkt ums Eck und es ist schön, einfach loszuziehen.

Am Windschutz beginnt die Feuchtigkeit aus dem See näher an uns heranzukriechen und wir füttern die Flammen mit weiteren Scheiten. Lange sitzen wir da und beobachten die Funken, die wie Glühwürmchen in den Himmel prasseln. Pinglan wird die Nacht im Windschutz verbringen und kriecht in ihren neuen flauschigen Daunenschlafsack. Wir haben unsere Zelte vor Einbruch der Dunkelheit aufgeschlagen und begeben uns ebenfalls zu unserem Nachtlager.

Schneearme Zukunft

»Die Nacht war mit ein paar Schichten mehr Kleidung am Morgen ganz gut«,«, sagt Pinglan, die uns erzählt, dass sie sich mental schon darauf eingestellt hatte zu erfrieren. Nach dem starken Regen der Nacht ist der Schlamm am Windschutz hochgespritzt und wir patschen herum, die Schuhe voll von Matsch. Der Geruch im Wald ist jetzt nach dem Regen anders. »Das war die Nacht, als ich im Winter im Wald zu Bett ging und im Frühling wieder aufgewacht bin«, sagt Pinglan.

Ein Ausbleiben von Schnee führt zu einer ausgedehnten Periode des Wachstums.

Wir fragen uns, wie die Winter in diesem Land wohl in Zukunft sein werden. Wird es in Mittelschweden überhaupt noch möglich sein, Ski zu fahren? Auf diese Frage gibt Forscher Jörg Brunet folgende Antwort: »Bis hoch zum Dalälven wird es wahrscheinlich nicht mehr viel Schnee geben. Nördlich aber wird der Schneefall vorerst weiterhin ziemlich stabil sein. Allerdings wird es aufgrund von häufigen Schwankungen zwischen warmem und kaltem Wetter zu härteren, verkrusteten Schneedecken kommen«.

Unter der Schneedecke gehen die Vegetationsveränderungen etwas langsamer vor sich. Der Schnee beugt auch Erfrierungen vor, die häufiger auftreten, wenn keine Schneeschicht zum Schutz gegen den Frost vorhanden ist. Das Ausbleiben von Schnee führt zu einer ausgedehnten Periode des Wachstums, die in Süd- und Mittelschweden bereits sichtbar ist. »In Tyresta, wo es jetzt nur noch selten schneit, könnten sich südliche Arten ansiedeln. Auf den mageren Kiefernarealen wird anfangs nicht so viel passieren, aber auf etwas kalkreicherem und nährstoffreicherem Waldland könnten südliche Arten wie Perlgras, Waldmeister, Nelkenwurz und Mauerlattich gewöhnlicher werden«, sagt Jörg.

Eine Amsel landet vor unseren Füßen und sucht mit ihrem gelben Schnabel auf dem Boden nach Nahrung. Ist sie eine frühe Frühlingsbotin oder hat der Vogel hier überwintert? Wir sprechen darüber, dass die Zugvögel scheinbar immer früher kommen, aber es ist schwierig, sich daran zu erinnern, wann sie normalerweise eintreffen. Vielleicht passieren diese Veränderungen heimlich und nur der Aufmerksame wird Unterschiede bemerken. Auch hier kann Jörg Klarheit bringen: »Bei kurzen Wintern und wärmerem Klima kommen die Zugvögel früher. Es wird auch mehr Probleme mit Schädlingen wie Rindenbohrern geben, die gut bei Wärme gedeihen. Das hat man auch in Nordamerika gesehen«, sagt er.

Harte Zeiten für südliche Fichten

Wenn es durch längere Sommer insgesamt wärmer ist, können sich Insekten stärker vermehren. Kommt es auch zu einer Dürre, ist das verheerend für den Wald. Milde Winter kommen kleinen Schädlingen zugute, die sich ihren Weg immer weiter nach Norden suchen. Jörg sieht das größte Problem in Süd- und Mittelschweden. Der Weihnachtsbaum mag trockene und kalte Winter, was bedeutet, dass er wahrscheinlich weiter im Norden noch gedeihen wird, während es im Süden mit den zunehmend feuchteren Wintern für ihn schwieriger wird.

»Wenn es darum geht, in Zukunft Bäume zu pflanzen, sind das vielleicht Kiefern, Eichen und Birken. Davon würden auch Blaubeeren, Preiselbeeren und viele andere Arten der Bodenflora profitieren«, sagt Jörg. Er selbst mag Laubwald, der mit Eichen, Linden und Ahorn bewachsen ist. Er war schon oft in Tyresta und Umgebung unterwegs und liebt Hammarberget mit seinen feinen Hainen aus Laubwäldern, die stärker vom Kalk gespeist werden. »Innerhalb des Nationalparks ist es eher kalkarm und felsig, mit vielen Kiefern. Nach dem Brand haben sich jedoch vermehrt Espen angesiedelt und die Birken haben sich verjüngt. An einigen Stellen hat es so stark gebrannt, dass die Humusschicht verschwunden ist, aber die Laubbäume konnten sich hier dennoch etablieren«, erklärt Jörg. Vielleicht sehen wir also in Zukunft mehr Mischwald, was positiv ist, aber dass es in weiten Teilen des Landes weniger Blaubeer- und Preiselbeersträucher gibt, ist unheilvoll. Nicht nur Vögel und Bären, sondern auch wir Menschen wollen Blaubeeren und Preiselbeeren essen können. Dystopisch ist ein Wort, das immer wieder auftaucht, wenn wir über die Umwelt und ihre Veränderungen sprechen – das, was sich langsam einschleicht und wir erst nach und nach bemerken.

Wie die Winter in diesem Land in Zukunft sein werden, fragen wir uns.

Zeit zum nachdenken

Laut Untersuchungen der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften ist es in Schweden in den vergangenen 20 Jahren um 0,9 Grad wärmer und acht Prozent feuchter geworden. Die Auswirkungen des Klimawandels sind in den schwedischen Wäldern zu beobachten. Viele Arten sind betroffen. Laut Jörg Brunet ist die Zusammensetzung der Bodenflora wichtig, um eine gute Nährstoffbilanz im Ökosystem Wald zu bekommen. Wenn die Beerensträucher verschwinden, wird die gesamte Nahrungskette gestört, nicht nur für Bodenflora und Bäume, auch für Insekten, Vögel und Säugetiere wird es schwierig zu überleben«, sagt er.

Die Empfehlung der Landwirtschaftsuniversität ist die Erhaltung halboffener nährstoffarmer Flächen in der Landschaft wie Kiefern-, Birken- und Mischwälder, blühende Streifen an Wegen und Straßenrändern, felsiges Terrain und Feuchtgebiete. Wir, die wir weiter in schönen Wäldern wandern wollen, sprechen darüber, was wir für die Umwelt tun können. Natürlich ist es lebenswichtig, unsere umweltschädlichen Emissionen zu minimieren. Wir hatten Zeit zum Nachdenken darüber, wie sich der Wald anfühlt und in Zukunft aussehen könnte. Am 29. Februar in vier Jahren wollen wir uns wieder in den Tyresta aufmachen. Was wird dann sein?

Tyresta

Der Tyresta-Nationalpark wurde 1993 gegründet. Durch sein Gebiet führt ein Netz aus etwas mehr als 50 Kilometern Wanderwegen. Der Haupteingang befindet sich im Dorf Tyresta in Haninge, wohin man mit dem Bus aus Stockholm gelangt. Hier gibt es ein Austellungszentrum, Windschutzhütten und ein kleines Restaurant. Es ist auch der Start für Rundwanderwege mit Längen von 2,5 bis 14 Kilometern. Auch der Sörmlandsleden führt durch den Nationalpark. Man kann diesem z. B. bis zum Alby Friluftsgård folgen und von dort mit dem Bus zurückfahren. 

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