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Natur des Nordens

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Schwedische Schatzkammer: Secondhand-Paradies Göteborg

Die Schweden lieben ihren Trödel. Wer gerne nach alten Sachen sucht, ist in Göteborg genau richtig – ein Streifzug durch Welten aus zweiter Hand.

Als ich eine Frau nach dem Weg frage, sagt sie mir, sie gehe dort aus Prinzip nicht mehr hin. »Dieser Ort ist irre, ich halte das nicht aus.« Dann bin ich plötzlich da – und weiß, was sie meint. Die Schlange vor der Saronkyrkan wälzt sich über die Straße, ein Querschnitt aus Göteborgs Gesellschaft steht brav an. Innerlich aber, das sehe ich sofort, haben sie alle schon die Ärmel hochgekrempelt. Sind bereit. Lauern. Denn donnerstags warten hier die besten Secondhand Schnäppchen, offenes Geheimnis, weiß jeder. Vorfreudig reihe ich mich ein. So muss es sein, wenn Hennes & Mauritz eine exklusive Kollektion von Karl Lagerfeld präsentiert. Mit dem feinen Unterschied, dass wir vor einem Secondhandladen warten. Die Türen öffnen sich, wild drängen die Schweden hinein. Nach dem 250. Besucher wird der Einlass vorläufig gestoppt.

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Ich schaffe gerade so den Cut und bummle die 800 Quadratmeter ab, lasse die Goldgräberstimmung auf mich wirken, das Gängegeplapper. Hier findet man so ziemlich alles, was man sucht. Und erst recht das, was man nicht sucht. Aus der Plattenkiste greife ich Elton Johns Album Too Low for Zero, in der spanischen Version, faszinierend. In der Möbelabteilung entdecke ich ein schwedisches Lundby-Puppenhaus samt Interieur für umgerechnet 20 Euro. Im Geschirrregal steht vergoldetes Porzellan aus Bayern. Schade, dass ich mit dem Flugzeug reise. Die schwedische Küchenbank für 50 Euro, der lindgrüne Ohrensessel für 14 Euro, ein großer Holzbilderrahmen für einen Euro – geht das noch als Sperrgepäck durch? Eher nicht. So bleibt es bei einem Shotglas für 20 Cent, das ich am Lederband wie eine Kette um den Hals trage. Das gelbe Verpackungsfoto erklärt mir, dass ich nun auf einer Party gleichzeitig essen und rauchen kann, ohne das Glas abstellen zu müssen. Fantastisch.

Weil sich die extrem günstige Ware schnell verkauft, wechselt das Sortiment des kirchlichen Ladens wöchentlich. Seit 1982 läuft das so. Der regelmäßige Besuch ist für viele Göteborger längst Familientradition. Auch für Björn Rantil, 74, graues Haar, wacher Blick. Er hat sich im Café in eine Ecke gefläzt und beobachtet das Gewusel. Die Großeltern seiner Frau brachten ihn zum ersten Mal her, erzählt Björn.

Etliche Male ist er seither gekommen, heute fällt die Beute eher bescheiden aus: zwei Pippi Langstrumpf-Erstausgaben von 1945, dazu Die 100 schönsten französischen Gedichte. Pippi sei für seine Enkelin, die Gedichte, also, tja … Björn verstummt, lächelt in sich hinein. Eine Jugendliebe habe ihn mit französischer Poesie vertraut gemacht, vor vielen, vielen Jahren. »Sie war sehr gebildet und ich ein kleiner, unwissender Junge.« Einer, der später Fotograf wurde, für die berühmte Hasselblad-Foundation. Stets versuchte er damals schon, früher von der Arbeit loszukommen, um es zur Saronkyrkan zu schaffen. Man hätte ja was verpassen können. Jeden Donnerstag und Samstag, wenn der Laden für drei Stunden geöffnet hat, kommen sie hierher – er und seine »Gang«, wie Björn sagt, bestehend aus ihm, Janne, Hans und Anders.Wenn sie ihre Suche beendet haben, nehmen sie an demselben Tisch, auf denselben Stühlen ihren Platz ein und tauschen sich beim Kaffee über das Leben aus. Ein Ritual seit mehr als zehn Jahren.

Ein zweites Zuhause

»Loppis« nennen die Schweden ihren Trödel, eine liebevolle Kurzform von »Loppmarknad« (dt. Flohmarkt). Dahinter steckt die ultimative Secondhand-Kultur. Auch weil sich das Land aus zwei Weltkriegen raushielt, weil es deshalb kaum Plünderungen und Zerstörung gab, liegen hier ganz besonders viele historische Stücke auf den Tischen. Ein echtes Paradies für Schatzsucher und Schnäppchenjäger. Ich bin diesmal gekommen, um den Flohmarkt der Superlative zu erleben: Immer am letzten Maiwochenende steigt in Göteborg der »Megaloppis«: Dann verwandelt sich Majorna, das Trendviertel im Westen der Stadt, in eine gigantische Flohmarktmeile, auf die knapp 100 000 Besucher strömen.

In drei Tagen ist es so weit, bis dahin werde ich mich in der Secondhandszene umtun. Mich vorbereiten. Den Blick schulen. Mehr als 40 dieser Läden gibt es in Göteborg, Patinaverket ist einer davon. »Wenn ich den Laden aufschließe, fühlt es sich an, als würde ich mein zweites Zuhause betreten«, sagt Inhaber Niklas Olsson, 32, an den Füssen abgewetzte Lederclogs, und macht sich einen Kaffee. Wie er die typisch schwedische Vintage-Stimmung beschreiben würde? Olsson überlegt. Dann erzählt er eine Anekdote. Neulich habe eine alte Dame eine Black-Sabbath-Platte gekauft. Als er fragte, warum es diese sein sollte, sagte sie, das Cover gefalle ihr so gut. Er lacht laut: »Sie kannte die Gruppe gar nicht.« Und ist damit nicht alles erklärt? Olssons Laden ist nur wohnzimmergroß, aber liebevoll eingerichtet. Aktuelle Trends, die an das skandinavische Design der Sechziger anknüpfen. Nostalgische Moderne sozusagen. Er hat sich auf hochwertige Stücke spezialisiert, auf Klassiker wie das Sideboard aus Teakholz, auf Ölbilder einheimischer Maler. Auch mich gewinnt er sofort. Seit ich denken kann, habe ich ein Faible für gebrauchte Dinge. Ich mag ihre persönliche Note, die Geschichte, die man mit kauft. Eine Bedeutung, die in Geld nicht zu bemessen ist. Dazu kommen der sentimentale Wert und die Seltenheit.

Kreatives Upcycling

Seit knapp 15 Jahren ist die Secondhand-Kultur in Göteborg im Mainstream angekommen. Alle kaufen Altes, nicht nur Studenten, Sammler oder Spinner. Das Phänomen wurde sogar an der Universität Göteborg untersucht. Der Sozialanthropologe Staffan Appelgren erklärt: »Die Menschen interessieren sich wieder verstärkt dafür, wo die Dinge herkommen. Es geht darum, einen Bezug zu haben zu dem, was wir gebrauchen.« Für seine Studie hat er nicht nur die befragt, die Altes verkaufen, sondern auch jene, die aus Altem ganz neue Dinge schaffen. So wie Michael Helander (eine Frau mit Männernamen), 49, und Michaela Holmdahl, 41. Seit vier Jahren betreiben die beiden Freundinnen ihre Recreate Design Company. Materielle Reinkarnation, darum geht es ihnen. Mit Vorhandenem experimentieren, es veredeln. Helander, vor vielen Jahren aus den USA eingewandert, schmeißt das schwedische Wort »lagom« in die Runde – und beginnt damit einen kulturgeschichtlichen Exkurs, der laut ist und sehr lustig. Der Legende nach wollten die Wikinger früher so wenig wie möglich bei ihren Fahrten schleppen, ergo tranken alle aus einem Krug. Jeder sollte nur den eigenen Durst stillen und für die anderen genug übrig lassen – es sollte »lagetom«  (für die ganze Truppe, schwedisch »lag«) reichen. Daraus erwuchs ein ungeschriebenes Gesetz, das sich in die schwedische Seele eingeprägt hat.

Grob interpretiert bedeutet es: Nimm dir nicht zu viel heraus, begnüge dich mit dem, was du hast! »Lagom« steht für das gesunde Mittelmaß, ist zum Allzweckbegriff geworden: Das Wetter kann »lagom« sein, die Milch im Kaffee, der Straßenverkehr. »Lagom« erklärt auch den reduzierten Einrichtungsstil der Skandinavier. Seit Jahren zeigt Michael Helander auf ihrem Blog Blue Velvet Chair, wie alte Dinge mit Fantasie wieder gesellschaftsfähig werden. Kein Wunder also, dass sie von ihrem kleinen Sohn ständig Gefundenes in die Hand gedrückt bekommt, jetzt gerade ein Stück Draht. Sie lacht: »Er weiß, seine Mama wird bestimmt etwas Schönes daraus machen.« Das Studio von ihr und Michaela liegt in einem Industriegebiet im nördlichen Göteborg, atmosphärisch eine Melange aus Dachboden und Werkstatt, viel getürmter Krempel. Hier eine hölzerne Pfeffermühle, die, mit Kommodenbeinen verleimt, zur stylischen Hängelampe umfunktioniert wurde. Oder dort das alte Skateboard: In Einzelteile zersägt rahmt es einen Spiegel. Das normensprengende Upcycling hat die Frauen bekannt gemacht. Die Leidenschaft, mit der sie davon erzählen, zeigt auch: Je intensiver die Beziehung zu den Dingen ist, die wir besitzen, desto glücklicher sind wir mit ihnen.

Flohmarkt mit Mission

Dann ist es endlich so weit, Sonntagmorgen, der »Megaloppis« beginnt. Wie in Trance schlendere ich an den Ständen vorbei, bin überwältigt vom Überangebot. Erster Fund: zwei große Murmeln. Meine Tochter liebt diese Dinger. Ich zahle 50 Cent. Alva, eine junge Teenagerin mit wilden Locken, schenkt mir eine weitere dazu. Sie und ihre Mutter Petra lieben »Megaloppis«, vor allem wegen der Gespräche. Doch Petra wirkt leicht unentspannt. Sie hat drei schlammbraune Vasen auf ihrem Tisch stehen, die sie gern loswerden möchte. Danish Design, aber diese Farbe! »Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass derjenige heute vorbeikommt, der sie uns geschenkt hat«, sagt sie und guckt etwas verkniffen. Nebenbei erzählt sie von Majorna.

Wer sich in der alternativen Szene verortet und nachbarschaftliches Miteinander schätzt, will hier leben. Acht Jahre habe ihre Familie auf eine Wohnung dort gewartet. In Majorna sind die Landshövdinge-Häuser mit Holzfassaden aus dem späten 19. Jahrhundert noch erhalten, dort wohnen die Kreativen, hier gibt es kleine Cafés und originelle Läden. Bis heute steht die Gegend für Konsumkritik, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft. Diese Haltung führte 2009 auch zum »Megaloppis«: »Hast du was, das du nicht mehr brauchst? Dann mach jemand anderen damit glücklich!« Die Message ist so simpel wie das Prinzip. Die Bewohner dürfen direkt vor ihrer Haustür verkaufen, ohne Anmeldung, ohne Standgebühren. Ich finde allerlei: ein altes Album von Oscar Peterson und Count Basie, zwei kleine runde Bilderrahmen aus dunklem Nussholz, einen Wollpullover für zwei Euro. Und eine alt Holzente, wackliger Kopf, poröser Schnabel, ich verliebe mich sofort. »Als Kind habe ich das Ding überallhin mit-genommen«, erklärt mir die rüstige Dame am Stand, die sich mir als Elisabeth vorstellt. Als ich ihr erzähle, dass ich die Ente meiner Nichte schenken werde, lächelt sie und sagt: »Ich wünsche ihr viel Spaß damit!« Die Straßen füllen sich nun merklich. Viele Schweden kommen trotzdem erst kurz vor Schluss, weil man dann besser verhandeln kann.

Ich bin jetzt vier Stunden da und habe genug gesehen – »Megaloppis« führt unweigerlich zur Megareizüberflutung und so fliehe ich nach Vrångö. Obgleich im Sommer von Touristen überlaufen, bleibt sie die ruhigste aller Schäreninseln vor Göteborg. Mit demselben Ticket, das ich für die Straßenbahn nutze, kann ich die Fähre dorthin nehmen, wunderbar unkompliziert. Ich genieße die Ruhe und schaue aufs Wasser, denke an die vielen schönen Dinge, die ich noch gern mitgenommen hätte. Was soll’s. Man kann nicht alles haben, soll nicht alles haben. Ich glaube, ich habe die »Lagom«-Philosophie endlich verstanden.

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