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Natur des Nordens

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Schwergewichte vor Tromsø: Die Reise der Wale

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Im Herbst 2010 tauchten die ersten Buckelwale im Kaldfjord vor Tromsø auf. Was hat sie hierher geführt? Anna Froster paddelte gemeinsam mit dem Walforscher Fredrik Broms auf den Fjord hinaus, um nach Antworten zu suchen.

Nordnorwegische Polardämmerung. Es ist mitten am Tag in Tromsø. Doch die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden, und der Fjord schimmert dunkelgrau. Die Wellen sind eiskalt. Die Berge blicken ernst auf uns herab. Ist es wirklich so eine gute Idee, mit dem Kajak in die Walbucht hinauszupaddeln? Ein Stück weiter draußen sieht man die scharfen Umrisse der Rückenflossen der Schwertwale – sie sehen aus wie Riesenhaie auf Patrouille. Und irgendwo da draußen sind auch die Buckelwale, 40 Tonnen schwere Tiere, die ohne mit der Wimper zu zucken ihr eigenes Körpergewicht in Form von Hering und Wasser verschlucken können – alles auf einmal, wohlgemerkt.

Mit rund 50 000 Einwohnern ist Tromsø Norwegens siebtgrößte Stadt – und eine der nördlichsten Städte der Welt. Sie liegt auf einer Insel direkt am Eismeer. Vor der Stadt befindet sich der Kaldfjord, was so viel wie »der kalte Fjord« bedeutet. Und genau dort befinden wir uns – mit einer Fülle sagenhafter Naturerlebnisse in Reichweite. Es gibt kein Zurück. Der Weg zum Kajak führt über scharfe und glitschige Steine. Mit steifen Fingern versuche ich die Spritzdecke zu befestigen, nachdem ich mich ins Boot gesetzt habe. Die Feuchtigkeit des Wassers erfüllt die Luft mit einer Nebelschicht, aber unter Wasser ist die Sicht glasklar. Es ist, als ob wir über ein großes Aquarium mit Seeanemonen und Seesternen hinübergleiten. Einige Steine kratzen am Kajak, aber nach nur wenigen Paddelzügen bricht das Ufer ab und unter Wasser geht es senkrecht nach unten, etwa 150 Meter.

Invasion im Tysfjord

Im Herbst 2010 wurden im Kaldfjord die ersten Buckelwale gesichtet. Zuvor war der Tysfjord südlich der Lofoten das bekannteste Gewässer für Walsafaris in Norwegen. In den 90er Jahren begannen eine Reihe ökologisch ausgerichteter Tourismusunternehmen, in den Herbstmonaten den Schwertwalen per Boot zu folgen, die dank der großen Heringsschwärme in den Tysfjord kamen. Aus noch ungeklärter Ursache verließen die Heringe aber wie auf Kommando zur Jahrtausendwende die Inselgruppe. Stattdessen schienen sich die Fische im großen Stil darüber einig, dass sie sich im Herbst in Zukunft lieber in Tromsø vergnügen wollten. Das Eismeer war wie aus dem Nichts plötzlich voller Heringsschwärme – und mit ihnen kamen die Wale. Nicht nur die Schwertwale, sondern auch Buckelwale.

Der Mann mit der Kamera

Die Walinvasion war etwas Neues für die Stadt. Seit dem 19. Jahrhundert war kein Wal mehr so nah an der Küste gesehen worden. Jetzt konnte man die Riesen, die sonst ein geheimnisvolles Leben im großen Meer führten, aus nächster Nähe beobachten – ideale Bedingungen für den schwedischen Walforscher Fredrik Broms. Als Planktonforscher an der Göteborger Universität arbeitete er überwiegend mit kleineren Organismen. Vor zehn Jahren zog er nach Tromsø, wo er heute in einer Blockhütte zusammen mit seiner Frau Lotta, die ebenfalls Biologin ist, und seiner kleinen Tochter wohnt. Der Schritt von der Plankton- zur Walforschung ist nicht so groß, wie es vielleicht scheint – auch wenn sein neues Forschungsobjekt rund 15 Meter länger ist als vorher. Der rote Faden seiner Arbeit ist die Bewunderung dafür, dass alle Organismen voneinander abhängig sind: »Ich bin nicht so sehr an einer einzelnen Art interessiert, sondern an Ökosystemen und der Abhängigkeit der Lebewesen untereinander. Die Art, wie die Buckelwale die Heringsschwärme an die Oberfläche treiben, ist vielleicht eines der besten Beispiele für das Zusammenspiel von großen und kleinen Bewohnern des Meeres«, berichtet Fredrik.

Die vergangenen vier Winter hat der Wissenschaftler etwa 500 verschiedene Wale beobachtet, die Kamera ist dabei sein bestes Werkzeug. Petter Bohman, Torgny Nilsson und ich dürfen Fredrik bei der Arbeit begleiten – bevor wir uns selbst in die Kajaks setzen, um die Buckelwale aus nächster Nähe kennenzulernen. Sein Dienstfahrzeug ist ein kleines Motorboot, das munter zwischen den Wellen hin- und herhüpft. Er sitzt am Ruder und versucht, sein Objektiv, das einen halben Meter lang ist, mit seiner Jacke vor den über Bord gehenden Wellen zu schützen. »Da!«, ruft Fredrik und zeigt auf eine Atemwolke auf der anderen Seite des Fjords. Wir fahren durch die stürmische See in die angegebene Richtung und warten darauf, dass der Wal wieder zurückkommt. Zuerst hören wir ihn ausatmen, dann taucht die Rückenflosse auf und kurze Zeit später die winkende Schwanzflosse. Fredriks Kamera läuft auf Hochtouren.

Jeder Buckelwal hat ein individuelles Muster auf der Flosse – dank der Bilder kann man die einzelnen Tiere später identifizieren und ihre Bewegungsmuster im Meer protokollieren. Fredrik hat alle seine Daten über die Buckelwale katalogisiert und gleicht sie regelmäßig mit anderen Datensätzen ab, in der Hoffnung, die gleichen Walpopulationen an anderer Stelle wiederzufinden. Der vierte Wal macht Fredrik nachdenklich. Lange schaut er durch den Sucher: »Doch, das muss er sein, der irische Wal.«

Neue Erkenntnisse

Im September 2007 sichteten irländische Walforscher einen jungen Wal im Ärmelkanal. Er schien von seiner Mutter verlassen worden zu sein, war abgemagert und alleine in einer der am meisten befahrenen Wasserstraßen Europas unterwegs. Zwei Monate später tauchte er vor der niederländischen Küste auf. Seine Überlebenschancen wurden als gering eingestuft. Danach verschwand er. Bis er 2012 vor Tromsø auftauchte und von Fredriks Kamera festgehalten wurde. Jetzt ist er also wieder zurück – mit einem Strich auf der rechten Flossenhälfte, der wie ein Lächeln aussieht. Eine Berühmtheit in geheimnisvoller Gesellschaft. Die europäischen Buckelwale gehören komischerweise zu den am wenigsten bekannten Walarten. Fredriks Bilder haben viel dazu beigetragen, ihr Verhalten besser zu erforschen.

Soviel man weiß, gibt es weltweit nur zwei Stellen, an denen Buckelwale aus dem Nordatlantik ihre Jungen bekommen und sich danach paaren. Eine befindet sich in der Karibik und die andere in der Nähe von Kap Verde, einer Inselgruppe in Westafrika. Früher glaubte man, dass alle nordostatlantischen Wale in die Karibik schwammen, aber Fredriks Dokumentation hat gezeigt, dass ein Teil Richtung Kap Verde zieht. Die Wale, die sich bei Tromsø sammeln, um gemeinsam Jagd auf Heringe zu machen, können also zu verschiedenen Populationen gehören, die nicht miteinander verwandt sind. Die Wanderung zu den Geburts- und Paarungsstätten dauert nur einige Monate. Den Rest des Jahres verbringen sie fast ausschließlich in norwegischen Gewässern. »Das heißt auch, dass Norwegen eine größere Verantwortung für die Wale trägt als man bisher angenommen hat«, sagt Fredrik.

Gefährliche Erwärmung

Wir gehen an Land und machen es uns in der Blockhütte der Familie Broms gemütlich. Das Feuer knistert im Kamin. Eine Seekarte, auf der oben rechts die Tromsøer Fjorde zu sehen sind, schmückt die Wand. »Die Wale sind nur in diesen sechs bis sieben Fjorden rund um Tromsø zu sehen«, erklärt Fredrik, während er auf die Karte zeigt. Um die lange Reise der Buckelwale von der Arktis in tropische Gefilde zu verfolgen, braucht er einen Atlas. Er blättert vor und zurück. Jedes Jahr legen sie die gleiche Route zurück – wie die Zugvögel. Doch statt vor dem Winter zu fliehen, wie es die Vögel tun, zieht es die Wale in der kalten Jahreszeit in arktische Gewässer, die dann voller Fische sind. Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Walen und  Zugvögeln: Beide singen kurz vor der Paarung am meisten. Die Wale allerdings in tiefen Basstönen, die noch in kilometerweiter Entfernung auf dem Meeresboden zu hören sind.

Die Geburtsstätten der Wale sind von den norwegischen Gewässern etwa 8000 Kilometer entfernt. Trotzdem kehren die Tiere jedes Jahr ins Eismeer zurück. Nirgendwo sonst können sich die Buckelwale so ausgiebig mit Hering vollstopfen. Von den Fettreserven leben sie mehrere Monate lang, wenn sie auf dem Weg nach Süden sind. Während der Reise nehmen sie keinerlei Nahrung auf. »Die Heringsschwärme ähneln einer 50 bis 100 Meter tiefen Unterwasserströmung, die sich mehrere Kilometer durch den Fjord zieht«, berichtet Fredrik.

In den 60er- und 70er-Jahren waren die Heringsbestände im Eismeer kräftig überfischt, aber nach dem 1972 verhängten Fischereiverbot haben sich die Bestände gut erholt. 1955 wurde in Norwegen die Waljagd verboten, was zusätzlich dazu beigetragen hat, dass die Buckelwale zurückgekehrt sind. Verglichen mit vielen anderen Walarten ist die Geschichte der Buckelwale in Norwegen, eine echte Erfolgsstory.

Doch obwohl sowohl der Herings- als auch der Walbestand in Norwegen zugenommen hat, sind Fredrik und Lotta Broms keineswegs beruhigt. Laut vielen Experten steht das Ökosystem im norwegischen Eismeer kurz vor einem Kollaps. Der Hering wandert vielleicht nur deshalb nach Norden, weil das Meerwasser grundsätzlich wärmer wird. So verhält es sich zumindest mit den Makrelen, deren Anzahl in der letzten Zeit explosionsartig gestiegen ist, und die immer weiter nach Norden wandern. Makrelen fressen die kleineren Heringen und konkurrieren mit den größeren Exemplaren um das vorhandene Futter. »Wenn etwas Vergleichbares an Land passieren würde, wäre das noch um einiges schlimmer als die Katastrophe, die der Kaninchenimport in Australien nach sich zog«, sagt Lotta.

Auch viele arktische Planktonarten ziehen immer weiter nach Norden, die dann in ihren alten Lebensräumen durch südlichere Arten ersetzt werden. Letztere taugen aber nur bedingt als Futter für Fische und Seevögel. Ruderflußkrebse können unter dem Mikroskop identisch aussehen, aber die arktische Art kann bis zu zwanzig Mal mehr Fett speichern als ihre Verwandten aus dem Süden. Diese Veränderungen haben jetzt bereits weitreichende Konsequenzen: »Viele Vogelberge in der Arktis sind still und verlassen«, berichten Fredrik und Lotta. Auch die Wale sind betroffen, wenn die Heringe dünner werden und sich fettarmer Planktonsorten im Eismeer ansiedeln. Alles hängt miteinander zusammen, vom Plankton bis zum Buckelwal.

Auf Tuchfühlung mit dem Wal

Am nächsten Morgen sitze ich erwartungsvoll und gleichzeitig etwas nervös im Kajak. Wir nehmen Kurs auf den Kaldfjord. Es dauert ein bisschen, bis man sich an den Rhythmus der Wellen gewöhnt hat. Doch schon bald gleitet das Boot sanft durch das Wasser. Nach einigen Minuten kommt ein Schwertwal-Männchen mit abgeknickter Rückenflosse auf uns zu. In einigen Metern Entfernung taucht er elegant unter. Er scheint nichts gegen Besucher in »seinem« Meer zu haben.

Schwertwale sind meistens in Gruppen unterwegs und schon kurz nach der ersten Begegnung kommen drei bis vier weitere Wale in Slow Motion vorbei. Ihre Bewegungen sind perfekt synchronisiert. Ein Schwertwalkalb mit gelbem Hals hält sich eng an seine Mutter. An der Farbe kann man erkennen, dass es höchstens ein paar Wochen alt ist.

Wir sind von frischer Meeresluft umgeben. Die Feuchtigkeit in den Neoprenhandschuhen fängt an, warm zu werden. Die Grenzen zwischen Meer und Haut, Luft und Wasser, Wal und Mensch lösen sich auf. Als nach einigen Paddelzügen der erste Buckelwal auftaucht, ist es für mich schon fast selbstverständlich geworden, von diesen mächtigen Tieren umgeben zu sein. Die dumpfen Atemgeräusche hallen wir Basstöne durch meinen Magen. Als der Wal ausatmet ist es als ob eine feuchte, nach Fisch riechende Wolke über mein Gesicht fällt.

Die Schwertwale wirken im Vergleich zu den Buckelwalen plötzlich klein, und ihre Atmung hat nicht annähernd die gleiche Tiefe wie die ihrer größeren Cousinen und Cousins. Die Ausatmung ist am heftigsten. Sie ähnelt ein bisschen den Geräuschen, die Menschen von sich geben, wenn sie den Atem anhalten und dann irgendwann wieder Luft holen, ist aber um einiges tiefer. Man bekommt eine kleine Vorahnung des gigantischen Lungenvolums dieser fünfzehn Meter langen Geschöpfe. Die Wale schwimmen Richtung Ufer. Wir hätten auch an Land bleiben können, um ihren tiefen Atemgeräuschen zu lauschen. Doch das Erlebnis, im gleichen Element wie die Wale zu sein, ist nochmal etwas ganz anderes. Langsam fange ich an zu verstehen, wie groß diese Tiere wirklich sind und dass es die »Naturfilmnatur« in echt gibt.

Grüsse aus dem Meer

Dann passiert etwas, was man aus Filmen kennt. Die Heringe fangen an zu springen, es schäumt und blubbert in einem Umkreis von einigen Metern. Dort sollte man sich jetzt besser nicht befinden. Die Buckelwale sind auf der Jagd und haben die Heringe aus tieferen Gefilden an die Oberfläche getrieben. Zwei Meter breite und weit aufgerissene Mäuler schießen prustend an die Wasseroberfläche. Es ist, als ob riesige Granitblöcke aus einem Unterwasserkrater nach oben katapultiert werden. Jetzt sieht man auch die Buckel am Kopf, denen die Wale ihren Namen zu verdanken haben. Sie sind teilweise mit Seepocken bedeckt, die sich auf den Buckeln häuslich eingerichtet haben. Als sie wieder abtauchen und die Schwanzflosse steil in die Luft ragt, zeigt sich, dass die Seepocken auch dort angedockt haben. Auf jeder Seite des Bootes sind Rückenflossen in den Wellen zu sehen. Ich habe das Meer noch nie so voller Leben gesehen.

Direkt hinter mit dröhnt ein ohrenbetäubendes Brummen – als ob eine große Fähre den Dieselmotor anwirft. Dass die Wale bis nach Tromsø kommen ist noch nicht lange so, doch es gibt bereits zahlreiche Walsafarischiffe. Die Fischerboote sind auch nicht gerade wenige, aber die sind hauptsächlich auf der anderen Seite des Fjords, wo die Fischer Heringe fangen. Mein ganzer Körper vibriert von dem starken Brummen. Doch in meiner Nähe ist kein einziges Boot unterwegs. Es sind die Wale, die unter der Oberfläche dröhnende Geräusche von sich geben.

Gerade als wir glauben, wir hätten alles gesehen, stellt sich ein Wal senkrecht auf, dreht sich einmal in der Luft und landet mit einem gigantischen Bauchklatscher wieder im Wasser. Warum sie das tun, weiß keiner. Vielleicht wollen sie sich vor der Paarungszeit im Sommer schon mal ein bisschen profilieren. Oder sie versuchen, so die Seepocken und Algen auf ihren Flossen abzuschütteln. Doch die unter den Forscherkollegen von Fredrik am meisten verbreitete Theorie besagt, dass dieses Verhalten weder mit Fortpflanzung noch mit dem Zusammenspiel von Ökosystemen zu tun hat, sondern einfach Ausdruck purer Lebensfreude ist.

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