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Die besten Gefährten

Auf dem Pferderücken lässt sich Lapplands Natur auf besondere Weise erleben. Eine zweitägige Reitwanderung im Takt der Vierbeiner durch das Wildnisgebiet Hammastunturi.

Achtet einfach auf euer Gleichgewicht und lasst die Pferde die Gangart bestimmen – diese Ratschläge hat Maria Paso für uns parat, als wir von ihrem Hof in Ivalo Richtung Hammastunturi aufbrechen. Als Leiterin von Polaris Point Horses organisiert sie Reitwanderungen. Zu fünft starten wir gerade in unseren Zweitagesausflug. Auf der Tour ist Starrsinn fehl am Platz, denn in der Wildnis gibt es Momente, in denen man sich zurücknehmen und dem Pferd vertrauen muss.

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Mein Wanderpartner ist Wallach Tarmo, der den Spitznamen »Roter Drache« trägt, denn seine Laune beim Striegeln und Satteln ist unberechenbar. Zum Glück lässt er sein Temperament im Stall zurück. Angeführt wird unser Trupp von Maria auf Martti, mit von der Partie sind außerdem Hege, Velmu und Mahti – allesamt Finnpferde. Mit der Wahl der Rasse tat sich Maria nicht schwer: »In Lappland müssen es einfach Finnpferde sein. Das sind treue Arbeitspferde, die immer ihr Bestes geben. Auf die ist Verlass«, schwärmt sie. Kaum unterwegs, eröffnet sich vor uns schon ein wildes, wegloses Waldstück.

Der erste Aufstieg erfolgt über strauchigen Boden, auf dem Preiselbeeren, Blaubeeren und Krähenbeeren gedeihen. Rentierjunge preschen durchs Totholz, während dürre Äste an unseren Helmen kratzen. Oben auf dem Raiviovaara angekommen, gibt es eine kleine Pause für die Tiere. Sie freuen sich über das Heidekraut, ihre Leibspeise – das Feuchtgebiet ein Stück weiter am Fuße des Alajoenpää interessiert sie jedoch wenig. An Durst ist nicht zu denken, denn sie wollen eigentlich nur eines: weiter hinauf. »Das hier ist ihr Lieblingshügel«, verrät uns Maria.

Im Einklang mit der Umwelt

Bei dieser Wanderung dürfen die Pferde bestimmen, in welcher Gangart sie den Aufstieg meistern möchten. Heute ist es wie so oft der Galopp. Das Pferd ist ein Herdentier, das seinen Freunden auf Gedeih und Verderb folgt. In Fächerformation galoppiert unsere Herde den kahlen Hügel hinauf. Die Aussicht oben ist gigantisch. Am Horizont schimmert die Berggruppe Nattastunturit in blauen Farben. Obwohl schon September ist, ist es sonnig und warm. Für diesen Trip hatte ich eigens meine Regenjacke neu imprägniert, die jetzt als Ballast mitreist. Zum Glück habe ich gestern in Saariselkä noch Sonnencreme gekauft.

Die Kaira-Route, auf der wir uns gerade befinden, verläuft auf 35 Kilometern in Richtung des Tolospää-Hügels über ein Goldgräbergelände. Maria verrät, dass in diesem meist weglosen Terrain zwischen den Flüssen Tolosjoki und Ivalojoki kaum jemand unterwegs ist, weil die meisten die Wildnis Hammastunturis auf der anderen Seite des Ivalojokis erkunden. Tatsächlich begegnen wir niemandem.

Ich sehe das Pferd nicht als ein Fortbewegungsmittel, sondern vor allem als Freund.

Maria organisiert Reitwanderungen südlich des Flusses Ivalojoki. Ihr Stall hat mit dem Forstamt eine Vereinbarung geschlossen, in der steht, an welchen Stellen sie ihre Lager aufschlagen darf. »Wir dürfen die Gegend nutzen, weil Pferde die Natur viel weniger belasten als Autos«, erklärt Maria. In ihren Anfängen hat sie den örtlichen Rentierzüchter zu sich geladen, um ihm ihre Pläne vorzustellen. Gemeinsam suchten sie passende Strecken und Übergänge für die Pferde. Zum Tolospää geht es zum Beispiel über die Rentierroute.

Wir fädeln uns vorbei an Moorbirken und unterhalten uns über das Wandern. Die anderen drei Teilnehmerinnen kannte ich vorher nicht, aber die Leidenschaft für Pferde verbindet. Minttu, die auf Velmu reitet, bewegt sich sonst vor allem per Mountainbike in der Natur. Zu reiten sei etwas komplett anderes. »Ich sehe das Pferd nicht als ein Fortbewegungsmittel, sondern vor allem als Freund, der ebenso die Landschaft genießen möchte«, sagt sie. Neben uns plätschert ein von Heidekraut gesäumter Bach, auf der anderen Seite mündet ein steiler Wasserfall tosend in den Fluss.

Zwischendurch warten wir auf Velmu – das 18 Jahre alte Pferd nimmt den Abstieg gemächlich. Am Ufer des Tolosjok beobachte ich die Strömung und erinnere mich an die Flussüber- querungen auf meiner letzten Wanderung. Diesmal werde ich getragen und mit trockenen Schuhen auf die andere Seite kommen. »Lehnt euch flussaufwärts und lasst die Pferde den Weg wählen. Fixiert einen Punkt am gegen- überliegenden Ufer, damit euch von der Strömung nicht schwindlig wird«, erklärt Maria.

Tarmo überquert den Fluss gekonnt, auch wenn es ihm die großen Steine unter seinen Hufen nicht leicht machen. Auf der anderen Seite geht es auf dem Uferstreifen weiter, nur Martti watet lieber weiter durch das Wasser. Auf einer kleinen Flussbank suchen wir geeignete Kiefernbäume, an denen wir die Pferde für eine Rast anbinden können. Ungeduldig warten sie auf ihr Mittagessen und die in den Satteltaschen transportierten Futtersäcke werden für alle gleichzeitig auf dem Boden ausgeleert. Zum Nachtisch können sie sich am reichhaltigen Grasbüfett bedienen.

Auf dem Iso-Harrivaara liegt ein klarer Teich, aus dem die Pferde trinken. Zu weit dürfen sie aber nicht in das Wasser hineinwaten, damit ihre Hufe nicht im Sand versinken. Der begin- nende Herbst hat die Birken gelb gefärbt. Eine von uns ist so sehr vom Duft der Fichten abgelenkt, dass sie vergisst, nach vorne zu blicken. Sie wird von einem Ast vom Pferd gefegt und landet weich auf der Erde. Alle haben gut zu lachen, vor allem die Reiterin selbst. Die letzten Kilometer des Tages legen wir in einem Birkenwald zurück. Aus der Ferne werden wir von einem kleinen weißen Rentier genau beobachtet. Die Sonne wärmt unser Gesicht, auch wenn es schon bald sechs Uhr ist.

Diesmal werde ich getragen und mit trockenen Schuhen auf die andere Seite kommen.

Ich spüre meine Knie – sehr viel länger werde ich nicht mehr durchhalten. Die Erschöpfung beruht definitiv nicht auf Gegenseitigkeit: Den letzten Galopp rennt Tarmo mit derselben Energie wie am Morgen. Die Pferde schlängeln sich mit solch hoher Geschwindigkeit durch die Birken hindurch, dass ich mich hier und da ducken und meine Augen zum Schutz vor den Ästen schließen muss. Dass ich gerade nicht in der Lage bin, die Führung zu übernehmen, ist klar, also lasse ich mich von Tarmo leiten.

Heilender Teer

Im Lager angekommen, dampft Tarmos Rücken vor Hitze, als ich den Sattel abnehme. Für die Pferde haben wir ein provisorisches Gehege errichtet, in dem wir sie füttern und versorgen. Das Geröll der letzten Etappe hat seine Spuren hinterlassen: Hege hat ein Hufeisen verloren und Velmu sich eine Schramme zugezogen, als seine Hufe im weichen Boden stecken geblieben sind. Auf die Wunden und um die Augen der Pferde wird Teer gestrichen, damit sie keine Gnitzen anziehen. Maria behuft Hege neu – eine wichtige Fertigkeit in der Wildnis. Selbst vom Hof aus ist der nächste Hufschmied ein paar hundert Kilometer weit entfernt.

Auch wenn die Route lang ist, genießen die Pferde den Ritt. Nach jeder Tour haben sie mindestens einen Tag frei. »Spätestens mor- gens kommen sie ans Weidentor gerannt, als würden sie wieder loswollen«, erzählt Maria. Dorffischer Mika Polttokallio hat das Lager für uns bereitet. Wir genießen seine gegrillten Forellen aus dem Inari-See. Zum Ausklang lauschen wir Goldgräbergeschichten. Nach Einbruch der Dunkelheit gäbe es die Chance, Nordlichter zu sehen, aber keine von uns schafft es, aufzubleiben. Die Pferde haben sich fast alle hingelegt und nehmen nur kurz Notiz, wenn jemand auf leisen Sohlen vorbeihuscht.

Aus der Ferne werden wir von einem kleinen weißen Rentier genau beobachtet.

Am Morgen ist der Boden mit Reif bedeckt und die Reise durch das Fjell geht weiter. Hier und da blitzen weiße Rentiergeweihe und rote Bärentrauben durch das Birkengewächs. Oben auf dem Tolospää ist die Aussicht phänomenal. Auch die Pferde blicken um sich, als würden sie das Panorama genießen. Im ruhigen Zickzack geht es den Hang hinunter. Neben uns plätschert der Harrinoja-Bach. Wenig später gelangen wir in einen Kiefernwald, der mit flauschigem Moos bedeckt ist. Eine komplett neue Kulisse, deren sanfter Schein trügt: Die Pferde müssen beim Abstieg gezügelt werden, damit sie in der Hektik nicht auf den unter dem Moos versteckten Steinen abrutschen.

Finaler Sprung

Ohne Pferd hätte ich in diesem schwer zugänglichen Gelände niemals so viele verschiedene Landschaften gesehen. Noch auf dem letzten Stück erspähen wir ein großes weißes Rentier mit seiner Herde. Es ist noch keine Brunftzeit, aber vorsichtshalber macht Maria aus der Ferne Lärm und ruft: »Eure Damen wollen wir doch gar nicht!« Auch die letzte Steigung im Wald nehmen die Pferde im Galopp. Dass man zwischen umgestürzten Bäumen so schnell vorankommt, hätte ich mir vor ein paar Tagen nicht ausmalen können. Mittlerweile vertraue ich meinem Wanderpartner voll und ganz und lasse Tarmo einfach machen. Kein bisschen müde, entscheidet er sich für den Sprung über einen Baumstumpf. Noch bei meiner Abreise trage ich ein breites Grinsen im Gesicht. Eines weiß ich nach diesem Abenteuer mehr als sicher: Pferde sind nicht nur toll, sie sind die besten Wandergefährten überhaupt.

Reitend durch Lappland

Touren mit Übernachtung in Finnisch Lappland bietet nicht nur Polaris Point Horses, sondern auch beispielsweise Polar Lights Tours in Levi oder Pöyrisjärvi an. Teil des Angebots sind für gewöhnlich auch Verpflegung und Übernachtung. Beim Reitwandern gilt dieselbe Kleidungsempfeh- lung wie bei allen anderen Wanderungen auch: bequem und wetterfest. Als Schuhe eignen sich Gummi- oder Wanderstiefel. Helme sind beim Reiten Pflicht, können aber von den Ställen geliehen werden. Viele Anbieter haben auch weiteres Zubehör im Verleih.

polarispointhorses.com

polarlightstours.fi

vaellustallit.fi

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