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Freunde der Felsen

Die Berge rund um Brodalen an der schwedischen Westküste gehören zu den besten Kletterwänden Europas – und die ganze Gegend lebt inzwischen davon. Eine Entdeckungstour zwischen Klippen und Kletterfans.

Die Felsspalte schlängelt sich im graurosa Granit aufwärts. Mein Blick sucht Unebenheiten und neuen Halt für die Zehenspitzen. Ich versuche, auszuatmen. Eigentlich ist die Route nicht so schwer. Doch das Einzige, was mich vor einem Sturz bewahrt, ist ein Bündel Sicherungen, die ich mit gleichmäßigem Abstand verkeile. Wenn ich eine unpassende Größe wähle oder sie in die falsche Richtung drehe, kann sie sich lösen. Ich fiele bis zur nächsten Sicherung. Wenn diese nicht sitzt, kann sie sich ebenfalls lösen. Wie die nächste. Und die übernächste.

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Gestern war ich in einem Anfängerkurs für Traditionelles Klettern, kurz Trad-Klettern. Geleitet wurde er von Petter, der beim lokalen Veranstalter Vertikalverket arbeitet. Zuerst gab es Theorieunterricht, dann einen praktischen Teil, bei dem ich Sicherungen in verschiedenen Felsspalten befestigen sollte. Ganz ohne Risiko, weil ich mit den Füßen auf dem Boden stand. Petter rüttelte ein bisschen daran und fand die meisten in Ordnung, aber hier und da hatte ich was falsch gemacht: ein kräftiger Zug und schon saß was locker. Jetzt, am frühen Sonntagmorgen, sind nur Fredrik und ich an der Rågårdsdal-Klippe. Ich suche die Felsspalte hektisch nach geeigneten Vertiefungen ab. Vielleicht dort?

Petter Åsander arbeitet als Kletterlehrer im Vertikal- verket und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Bohuslän. Die Landschaft mit den Felsen, die teilweise direkt in die Fjorde ragen, ist magisch.

Ich suche die Felsspalte hektisch nach geeigneten Vertiefungen ab.

Neugeborene Sehnsucht

Zwei Tage zuvor biegen Fredrik und ich von der E6 auf die Straße 162 in Richtung Lysekil. Wir befinden uns in Bohuslän. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich hier noch nie geklettert bin. Nicht nur von schwedischen Kletterern werden diese Felsen gehypt, sondern von Sportlern in ganz Europa Fredrik und ich haben das Klettern ganz woanders gelernt, am See Ågelsjön bei Norrköping. Das war Ende der 80er Jahre. Da gab es in Norrköping nur 15 Leute, die kletterten. Einerseits ein paar junge Dropouts, die lange Haare hatten, The Doors hörten und fanden, dass der Ågelsjön ein magischer Ort war.

Zu dieser Gruppe gehörte ich. Andererseits einige jüngere Typen aus der Gegend, die sich auf den Felsen so mühelos bewegten wie Eichhörnchen auf den Bäumen. Zu denen gehörte Fredrik. Es gab weder Kletterhallen noch Kurse. Man schrubbte Moos und Flechten von den Steinen und kletterte drauflos. Aber schon damals war Bohuslän ein Begriff. Dort hatten sie schon in den 70er Jahren angefangen und der Bohusläns Klätterklubb galt als Hochadel des schwedischen Klettersports.

Fredrik entwickelte sich zu einem der besten jungen Kletterer Schwedens. Er wurde »bergtagen« (dt. felsensüchtig) und wagte sich an immer höhere Schwierigkeitsgrade. Ich war nicht so ein Naturtalent. Als ich einmal an einer 800 Meter hohen Wand in Chamonix hing, hatte ich ein Nahtoderlebnis (inklusiv Halluzinationen von gelben und blauen Wasserbällen), das mich zurückschrecken ließ.
An einem Sommerabend am Ågelsjön schaffte ich eine mittelschwere Route und hatte das Gefühl, ein Ziel erreicht zu haben. Danach habe ich mich vom Klettern zurückgezogen, aber in den letzten Jahren kam die Lust zurück – und der Wunsch, endlich zu lernen, wie man eigene Sicherungen setzt. Dafür gibt es in Europa kaum einen besseren Ort als den, zu dem wir jetzt unterwegs sind.

Kletterschuhe im Dorfladen

Im Supermarkt gibt es neben Lebensmitteln auch passende Ausrüstung für die Klettercommunity.

Fredrik war natürlich schon viele Male in Bohuslän. Nachdem wir auf die 162 abgebogen sind, sagt er: »Wenn du nach links schaust, siehst du einen der coolsten Felsen Schwedens – Hallinden.« Jenseits eines Stoppelfeldes ragen fünf mächtige Felswände aus dem Fichtenwald. »Und rechts siehst du gleich den Häller.« Ohne das Klettern wäre Brodalen eine Ortschaft, an der die meisten vorbeifahren würden. Rund 50 Villen, ein paar Mietshäuser, ein Lebensmittelgeschäft, eine Unterstufenschule und die Kirche. Für Eingeweihte – wie Fredrik – ist Brodalen ein Dorf, das großen

Respekt verdient. Hier und auf den Höfen rundherum wohnen einige der besten Felsen- kletterer Schwedens – und noch mehr haben Ferienhäuser in der Umgebung. Im Lebensmittelladen gibt es auch eine Abteilung mit Kletterausrüstung und in einem Holzgebäude eine Boulderhalle. Hier liegt auch die Villa Bro, das kleine Hotel, in dem wir wohnen werden. Es atmet förmlich Kletteratmosphäre, sobald man im Eingang steht. Wir sind in der Nebensaison gekommen und Lena, die Besitzerin des Hotels, hat Zeit für einen gemeinsamen Kaffee. Dass sie einmal ein Hotel betreiben würde, war nicht selbstverständlich. Sie ist Professorin für Marketing an der Handelshochschule in Göteborg.

»Mein Fachgebiet ist Tourismus, ich habe in der ganzen Welt geforscht und gelehrt, aber ich wollte mein Wissen in der Wirklichkeit erproben«, erzählt Lena. »Das macht allerdings mehr Arbeit, als ich dachte. Ohne die Kletterer würde es nicht funktionieren.« Hier sei es nicht schwer, Mitarbeiter zu finden, weil viele Kletterer gern den Sommer in Brodalen ver- bringen. »Wenn ihr Guides braucht, könnt ihr euch an Marianne und Jonas wenden, die hier arbeiten. Sie sind am Häller, beim Bouldern.«

Wir finden die beiden zwischen den enormen Felsblöcken, die unterhalb des Häller- Felsens liegen. Auch Freja ist dabei, die so ein Kletter-Bohème-Leben führt wie Fredrik und ich in jungen Jahren. Ihr Wohnmobil stand längere Zeit neben spanischen Felsen, jetzt hat sie eine Hütte bei Brodalen gemietet und jobbt in der Altenpflege. »Es gibt hier so viele Routen, die ich ausprobieren will. Ich plane gerade die Electric Avenue«, sagt Freja. »Electric Avenue! Ich kriege Gänsehaut«, sagt Fredrik.

Mut spielt beim Klettern eine wichtige Rolle. Chefredakteur Gabriel Arthur tastet sich zwischen Panikattacke und Glücksgefühlen langsam voran. Die Klettergemeinschaft in Bohuslän gibt sich gegenseitig Tipps und genießt die gemeinsame Zeit am Felsen.

Fredrik und ich haben für die Tage in Bohuslän eine unterschiedliche Agenda. Fredrik möchte vor allem alte Kumpels treffen und einige Lieblingsfelsen checken – Felsen, auf die ich es niemals schaffen würde. Ich werde in meinem Anfängerkurs das Setzen von Sicherungen lernen und treffe Petter, den Kursleiter, an einem Einsteigerfelsen, wo wir eine schöne Aussicht auf den Åbyfjord haben. Ich soll mich an der Wand abseilen. Die Angst kommt mit einem Stich in der Magengegend, als ich rückwärts über die Kante steige. Während- dessen wandert ein Typ vorbei, unterwegs zu entfernteren Felsen. »Mensch, Hampus!«, sagt Fredrik. Dann berichtet er uns, dass Hampus ein »irre guter Kletterer« ist, der in Brodalen lebt und bereits mehrere der neuen schwierigen Routen erschlossen hat.

Gute Ratschläge werden abwechselnd von Flüchen und Gelächter übertönt.

Nach dem Kurs machen wir einen Abstecher zur Mellberg-Klippe, wo Fredrik seinen alten Freund Stefan trifft, der in der Gegend wohnt. Er hat Besuch dabei, Scott und Robert, die in Stockholm im Kletterzentrum arbeiten. Jetzt gerade testen sie eine neue Route, deren Erstbegehung noch niemandem gelungen ist. Während die Abendsonne den Felsen erwärmt, versuchen sie es. Gute Ratschläge werden abwechselnd von Flüchen und Gelächter übertönt. Die Stimmung ist entspannt, obwohl jeder Versuch maximale Konzentration erfordert. Ich erinnere mich daran, was mich am Klettern am meisten faszinierte, als ich jung war. Es war das Rumhängen. Mit ein paar Freunden draußen am Felsen sein, lachen, klettern, philosophieren, Kaffee trinken. Vor allem einfach zusammen sein.

Pures Dasein in der Natur

Der Wunsch, ständig so zu leben, lockt immer mehr Leute an. Petter ist einer von ihnen. Er lebt hier mit seiner Frau und drei Kindern. »Neben den Kletterkursen arbeite ich als Elek- triker in Kungshamn. Joanna ist Lehrerin«, erzählt er. Ein anderes Beispiel sind Marianne und Jonas, die in der Villa Bro jobben. »Wir sparen, um dauerhaft hier leben zu können«, sagt Marianne. »Hier ist es leichter, sich zu fokussieren, als in der Stadt. Auch die Gemeinschaft mit anderen ergibt sich einfacher.« Brodalen ist zu klein, als dass sich die Kletterer von den Einheimischen isolieren könnten. In der Kindergruppe der Kletterhalle, zu deren Betreuerinnen Marianne gehört, mischt sich der Nachwuchs der Klettererfamilien mit den Sprösslingen der Familien, die seit Generationen hier wohnen. Zwischen Bohusläns Klätterklubb und den Grundbesitzern gibt es häufig Gespräche darüber, wie sich die Natur schützen und ihr Verschleiß vermeiden lässt.

An einem Abend fahren wir ins Nachbardorf Bärfendal. In einem Dorfladen residiert dort eine Kooperative, die sich »Volksküche« nennt, gegründet von zugezogenen Enthusiasten aus Hamburg. Mitglieder können dort selbst gebackenes Brot und Bier kaufen. In einer Ecke spielt eine Band und die Leute singen die Refrains mit. Der Pianist Linus ist Berg- guide. Er berichtet, dass er wegen der Klet- terei gekommen, aber wegen der Menschen geblieben ist. »Das ist eine herrliche Mischung hier, es wohnen viele Künstler in diesem Teil von Bohuslän und ein paar Überwinterer aus der grünen Hippie-Zeit.«

An einem anderen Nachmittag besuchen wir Familie Spång, die ein gemütliches altes Holzhaus bewohnt. Anders und Mari waren die ersten Göteborger, die mit der neuen »grünen Welle« von Kletterern herzogen. Ich bin etwas erschöpft davon, innerhalb so kurzer Zeit so viele tüchtige Kletterer zu treffen. Zu sehen, wie sie sich geschmeidig auf Routen bewegen, die ich selbst nie schaffen würde, auch wenn ich mich für den Rest meines Lebens hier ansiedelte. Aber als ich dann Fredrik eines frühen Morgens überreden kann, noch ein- mal mit zur Rågårdsdal-Klippe zu kommen, vergesse ich solche Gedanken. Einige Meter höher, an der kurvigen Felsspalte, existiert nur das, was ich vor mir sehe. Alles um mich herum verschwindet. Als ich oben angekommen bin und mich dort kurz niederlasse, spüre ich, wie sich ein schönes Gefühl in meinem Körper ausbreitet – wie ein einziges langes Ausatmen.

Klettern in Bohuslän

Die meisten der berühmten Kletterfelsen stehen auf einer länglichen Halbinsel zwischen dem Åbyfjord und dem Gullmarnfjord, mit dem Borfjord in der Mitte. Das Gebiet ist nur etwa 30 Kilometer lang und zehn Kilometer breit. Brodalen liegt als eine Art Zentrum direkt neben den allerhöchsten Wänden. Kletterkurse, Guides und Ausrüstung gibt es im Klet- tercenter Vertikalverket. 

vertikalverket.se

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