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Natur des Nordens

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Ganz schön viel Schotter

Gravel Biking ist der neueste Schrei im ländlichen Småland. NORR wagt sich auf die fast vergessenen Schotterstraßen und sieht Südschweden, nach einigen Umdrehungen,
aus einer gänzlich frischen Perspektive.

Rote Holzhäuschen, die sich in eine von Hügeln und Weiden gespickte Landschaft schmiegen. Unter Tränen kann ich sie erahnen, während ich krampfhaft versuche, auf meinem Rad nicht die Balance zu verlieren und auf dem Schotterweg zu landen. Småland trägt für mich eine ganz eigene Geschichte. Mein Ururgroßvater hat 1854 hier am Vätternsee das Licht der Welt erblickt. Hätte er damals zufällig um die Ecke gelinst und mich vor seinem Gehöft inmitten eines in hautenge Hosen gezwängte Radlergrüppchens vorbeizischen sehen, hätte er sich wohl verwundert die Augen gerieben. Und das nicht nur, weil diese Art der Fortbewegung nach seiner Zeit in Mode kam, sondern auch, weil ein Trip mit (fast ausschließlich) Männern mittleren Alters, die sich zwecks optimalem Vorankommens in schnittiger Vogelformation anordnen, ungefähr eines der letzten Dinge gewesen wäre, die ich mir als Freizeitbeschäftigung hätte vorstellen können. Heute aber entdecke ich die Region tatsächlich auf der Tour Småland– The Gravel Experience.

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Klischee gepolsterter Radlerhosen

Alles hatte damit angefangen, dass mich ein Kollege, der diese Tour bei dem schwedischen Reiseveranstalter Abloc gebucht hatte, dann aber verhindert war, darum bat, anstelle seiner teilzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht genau, worauf ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Als mein Zug dann zwei Wochen später in Jönköping einrollt, entdecke ich, aus dem Fenster linsend, einen drahtigen Mann in gepolsterten Radlerhosen – links und rechts von ihm zwei weitere. Dass ich, die selten mehr als die drei Kilometer von meiner Wohnung in Stockholm zu unserer Redaktion auf meinem klapprigen Drahtesel zurücklegt, in den kommenden Tagen als Schlusslicht hinter hurtigen Männern herstrampeln würde, erscheint mir gänzlich abwegig. Kurz überlege ich, mich hinter einer Zeitung zu tarnen und sitzen zu bleiben. Aber es ist zu spät. Die Türen öffnen sich bereits und ich werde erspäht. Erik Abrahamsson stellt sich, im halblangen Beinkleid, als Guide vor.

Die Gruppe besteht aus Radliebhaber, die sich bereits in entsprechende Outfits geworfen haben.

Im Auto drehen sich die Gespräche dann meist um die heftigsten Radrouten weltweit, denn unser Team ist aus den verschiedenen Teilen des Erdballs angereist: Phil aus Neuseeland, Matt aus England, Stevie aus Schottland, Kalle aus Schweden und neben mir, die einzige Frau im Team, Nina aus Österreich. An unserem Basislager für die kommenden zwei Nächte, dem Schloss Västanå südlich von Gränna, heißen uns Ulrika Melin Wahlin und Mattias Carlsson, die Abloc gemeisam mit Erik gegründet hatten, willkommen. »Wir werden Småland vom Sattel erleben und dabei immer wieder über unsere sportlichen Grenzen hinausgehen. Gravel Bikes sind als Mix aus Rennrad und Crossrad dafür gemacht, unasphaltierte Strecken in schnellem Tempo zu bewältigen. Genau deshalb sind sie bei uns so populär – wir haben hier fast vergessene, endlose Schotterpisten«, bereitet uns Ulrika auf Bevorstehendes vor. Als ich ihr von meiner wenig leidenschaftlichen Beziehung zum Rad erzähle, bietet sie mir ein E-Bike an. Fast will mein Stolz das Umsatteln auf ein elektrisches Hilfsmittel nicht zulassen, aber ich nehme es dann doch dankend an.

Toskana des Nordens

Dank des E-Bikes kann ich am nächsten Morgen bei dem hohen Tempo, das die Gruppe von der ersten Minute an vorlegt, mithalten, auch wenn mir der Fahrtwind hartnäckig Tränen in die Augen treibt. Ein wenig schäme ich mich für mein prächtiges Vorankommen, als sich die anderen die schweißtreibenden Anstiege emporkämpfen. Auf dem Aussichtsberg Vista Kulle machen wir halt und bestaunen den schimmernden Vätternsee. Wie angeklebt flitzen Matt, Phil und die anderen anschließend galant bergab, während ich ständig hektisch bremse. Von hinten pirscht sich Stevie an, dem ich auf seine Fragen nur abgehackte Antworten nuschle. Bei diesem Tempo fällt es mir schwer, mich auf irgendetwas anderes als die vor mir liegende steil abfallende Schotterpiste zu konzentrieren.

Nach steilen Abfahrten auf Schotterpisten gibt es zum Glück immer wieder Erholung auf flacheren Passagen.

Wir rasen durch das EU-Biosphärengebiet östlich des Vättern mit einer pittoresken Landschaft, die sehr an Italien erinnert und weiter durch süss duftende Apfelplantagen. Ulrika erzählt uns, dass die Gegend tatsächlich »Schwedens Toskana» genannt wird. In Huskvarna halten wir an der Gårdsrosteriet (dt. Hofrösterei), die Mattias Freund Ingo gehört. Zwischen Obstgärten schlürfen wir frisch gebrauten Kaffee aus Ingos selbst gerösteten Bohnen. Er führt uns über seine Plantagen, wo prall behangene Bäume ihre Häupter neigen und sich sogar Weinreben mit kleinen Trauben ranken. Ingo produziert in »Schwedens Toskana» auch eigenen Wein.

Auf den Apfelplantagen erfahren wir, warum diese Region auch Schwedens Toskana genannt wird.

Nicht unerleichtert, den Sattel nach 50 Kilometern vorerst verlassen zu können, bringen wir die Drahtesel später am Schloss zurück in in ihre Stallungen. Am Abend wartet in dem festlich geschmückten Speisesaal ein traditionelles Krebsessen auf uns. Die rot gekochten Schalentiere animieren zu verzückten Rufen und Selfies mit Krebsschären. Die ersten schwedischen Trinklieder, die unsere Gastgeber beim Speisen anstimmen, werden fröhlich von uns Radlern mitgesummt und wir lassen uns das Krebsfleisch schmecken. Brennende Hintern sind vorerst vergessen und auch meine Schmach darüber, ohne E-Bike in dieser Gruppe wohl niemals mithalten zu können.

»Das klassische Problem beim Radfahren ist, dass es Einsteigern oft schwer gemacht wird«, erzählt mir Mattias, während ich versuche, eine besonders hartnäckige Krebsschere zu zerlegen. »In vielen Radclubs werden Neulinge, die bei einem Training aufkreuzen, erst mal abgehängt. Wir haben Abloc gegründet, um jeden für den Radsport zu begeistern, geben gerne Tipps und wollen zeigen, dass man seriös Rad fahren und sich gleichzeitig gutes Essen, Lachen und Wein gönnen kann. Man kann sagen, wir lieben Erschöpfung und Geselligkeit gleichermaßen und sehen keinen Widerspruch darin«, sagt der 45-Jährige, der als Mitglied der schwedischen Nationalmannschaft jede Menge Erfahrung im Radsport gesammelt hat.

Das traditionelle Krebsessen ist Teil des Programms für hungrige Radler.

Neue Welten aus dem Sattel

Heute verlassen wir das Schloss und machen uns auf die 83-Kilometer-Etappe nach Hook, südlich von Jönköping. Der Weg führt durch einen dunkelgrün schimmernden, nach feuchter Erde duftenden Wald. Der schmale Stieg, gespickt mit knorrigen Baumwurzeln, zwingt uns, das Tempo zu drosseln und wird zu einem hoppelnden Akrobatikakt. »Das liebe ich», sagt Ulrika. »Wenn du dich auf technischen Partien derartig konzentrieren musst, bleibt dir keine Zeit zum Grübeln.«

Einem Seeufer folgend, entdecken wir auf einer Lichtung plötzlich Mattias Eltern Maggan und Hasse, die eine Kaffeetafel inmitten der Natur aufgebaut haben. Vor uns stehen ein duftender Möhrenkuchen, Himbeertörtchen, zünftige Käsestullen und Früchte. Fröhlich plaudernd schmausen wir die Köstlichkeiten, trinken Preiselbeersaft und genießen den Ausblick über den spiegelblanken See, über den sich erste Nebelschwaden des Herbstes gelegt haben. Später treten wir die Weiterfahrt über einige Kuhweiden an. Die Paarhufer sind interessiert an dem bunten Trupp, der sich erlaubt, in ihr Revier einzudringen und nähern sich mit großen Augen. Kalle hält an, um einem besonders neugierigen Tier das Haupt zu kraulen, während die Kuh ihre raue Zunge über sein Bike schnellen lässt.

Man könnte sagen, wir lieben Erschöpfung und Geselligkeit gleichermassen.

Weiter geht es vorbei an einigen Bauernhöfen. Hier und da ernten wir den verwunderten Blick eines Landwirtes. »Es ist unfassbar spannend, neue Länder zu erradeln«, schwärmt Phil. »Das hier ist wie eine Zeitreise.« Verzückt von den roten Holzhäusern knipst er besonders nostalgische Objekte mit der Kamera. Ich muss wieder an meinen Ururgroßvater denken, der in seinem Leben wohl nie einen Drahtesel besessen hat. Nachdem ein Rad-ähnliches Modell, die Drais Laufmaschine, 1817 erbaut wurde, stellte der Schwede Per From in Stockholm im Jahr 1884 die ersten Hochräder her. 1890 wurde das Rad zum Rennrad weiterentwickelt und im Jahr 1981 das Mountainbike erschaffen. Vor wenigen Jahren eroberten dann die Gravel Bikes, als neuster Schrei, den Markt.

Auf diesen gewinnt die Gruppe, nun auf den flachen Asphaltstraßen, immer mehr Fahrt. Mein prächtiges E-Bike hingegen verweigert mir jegliche Unterstützung, da es beim Knacken der 25-Kilometer-Marke die offiziell erlaubte Höchstgeschwindigkeit erreicht hat. Immer weiter zieht sich das Feld auseinander: Vorne Ulrika, Nina, Mattias und Matt (Phil, Stevie und Kalle sind schon über alle Berge) und hinten lediglich ich, auf dem schwertrittigen, heruntergeregelten Gefährt. Mich überfällt ein kindlicher Zorn darüber, das Schlusslicht zu sein. Immer verbissener strample ich weiter und überlege, anzuhalten und eine beleidigte Verschnaufpause einzulegen, als ich Ulrikas Stimme aus einer Feldeinfahrt höre. »Da bist du ja«, sagt sie fröhlich. »Komm, jetzt ist es Zeit für ein Bad.« Wenig später sitzen wir in einem warmen Becken des Hotels Hooks Herrgård, mit Blick auf den See Hokasjön, und entspannen unsere müden Muskeln. Nach dem Saunagang schwimmen wir in den herbstlich frischen See hinaus, bevor uns ein schmackhaftes Abendmahl aus lokalen Spezialitäten Smålands kredenzt wird.

Schock am Ameisenhaufen

Der letzte Tag hält die längste Distanz für uns bereit: Auf 90 Kilometern soll es zurück zum Vätternsee gehen. Der Weg führt uns durch tiefe Urwälder, in denen es nach feuchten Tannennadeln duftet. Sonnenstrahlen, die zwischen die Bäume fallen, verwandeln den Herbstwald in eine Märchenwelt. Weiß gesprenkelte Fliegenpilze mit knallroten Hüten recken sich aus dem Boden. Zwischendurch machen wir halt, um Blauberen und Preisebeeren zu pflücken. In Gedanken versunken, bemerke ich zu spät, dass Phil vor mir in die Bremsen geht und betätige etwas zu abrupt die meinigen. Plötzlich macht mein Bike einen Stunt auf dem Vorderreifen und ich einen Salto. Auf dem mit Schotter übersäten Waldweg rapple ich mich Sekunden später leicht verdattert wieder auf, umringt von besorgten Gesichtern. Nach dieser akrobatischen Einlage glücklicherweise unverletzt, lausche ich Stevies Ausführungen über die chemischen Prozesse in dem Ameisenhaufen vor meiner Nase, mit denen er mich von dem Schock abzulenken versucht, während ich mir den Schotterstaub von der Hose klopfe.

Immer wieder legen wir Pausen ein, um die Landschaft zu geniessen und auch dem Hintern eine Verschnaufpause zu gönnen.

Etwas später passieren wir den sprudelnden Fluss Tidan, der die Seen Jogern und Vållern verbindet. Andächtig stehen wir da und betrachten das idyllisch blubbernde Naturschauspiel. Nach einigen weiteren Kilometern in Vogelformation auf Asphaltstraßen kehren wir am frühen Abend ins Hotel in Mullsjö ein. Das Abendessen nehmen wir heute unter freiem Himmel an einem im Abendlicht glitzernden Waldsee zu uns. Wir werden mit Biowürstchen begrillt, laben uns am Salatbüfett und trinken Bier aus der lokalen Mikrobrauerei. Später entzünden wir ein Feuer und lassen das Abenteuer an den lodernden Flammen ausklingen.

Flammende Erkenntnis

Als ich ein letztes Mal auf dem Rad sitze, blinzle ich so kräftig, dass sich der Tränenschleier gänzlich lichtet. Auf einmal eröffnet sich ein klarer Blick auf die Dinge. Ich erkenne die scharfen Umrisse der alten Gehöfte, die zwischen den Hügeln und Weiden ruhen. Und Menschen, die dynamisch in die Pedale treten und fasziniert sind von dem, was hinter ihnen liegt und dem, was noch kommen mag. Drahtige Fremde in gepolsterten Radlerhosen sind zu Freunden geworden. Nicht nur eine neue Sicht auf den Radsport, sondern sogar auf das mir so bekannte Småland habe ich gewonnen. In Gedanken lächle ich meinem Ururgroßvater zu. Auch wenn man dafür wohl ab und zu riskieren muss, bäuchlings im Schotter zu landen – in der Wiege seiner Kindheit gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Wenn man eben bereit ist, sich auf gänzlich neue Perspektiven einzulassen.

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