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Natur des Nordens

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Zurück nach Bullerbü: Nostalgie in Småland

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Können mit Anfang dreißig Kindheitserinnerungen in Småland wieder erwachen? NORR-Redakteurin Karen Hensel begibt sich auf einen nostalgischen Trip durch Astrid Lindgrens Welt.

Mein Ururgroßvater war ein schwedischer Seefahrer aus Småland. Er traf meine Ururgroßmutter auf einer Reise über das Meer. Einige Jahre und drei Kinder später stach er wieder in See. Und kehrte nie wieder zurück. Viel wissen wir nicht über ihn. Nur, dass er im Herzen immer jung geblieben sein soll. Vielleicht haben meine Eltern mir und meinen Schwestern auch deshalb jedes denkbare Werk der småländischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren vorgelesen.

Als ich klein war, wollte ich auf Bullerbü wohnen. Auch wenn wir, trotz von mir vehement gewünscht, nie in den Nordhof einzogen, haben wir viele Ferien in Småland verbracht. Meist in winzigen roten Holzhäuschen am See, neben duftenden Heuwiesen. Zu gerne lief ich damals barfuß durch das Gras und zählte die Rufe des Kuckucks. Oder bastelte kleine Floße, die ich auf dem See schwimmen ließ. So erging es auch meinem Schulfreund Torben, der, wie ich, viele Ferien in Schweden verbracht hatte und ähnlich erfüllende Erinnerungen damit verband. Fünfzehn Jahre Großstadt später, erst beide in Hamburg, dann er in Berlin und ich in Stockholm, wollten wir wissen, ob es das, wonach wir uns oft wehmütig sehnten, in Wirklichkeit überhaupt noch gibt. Mit Melanie, ebenfalls aus Stockholm, und Dan, der wie Torben in Berlin wohnt, begeben wir uns in Torbens altem Bus auf eine Reise zurück in unsere Kindersommer in Småland.

Sehnsucht nach Unberührtheit

»Wo bist du, Karen? Rüttel mal an einem Baum!«, ruft Torben. Der Emilleden, dem wir zu folgen versuchen, ist ein Wanderweg, der von Lönneberga in einer Acht durch typisch småländische Natur führen soll, die Astrid Lindgren wohl die größte Inspiration für ihre Erzählungen lieferte. Eigentlich weisen blaue Stiefel den Weg. Nachdem wir den an Weidenzäunen baumelnden und auf Holzschilder gemalten Galoschen einige Kilometer gefolgt waren, wies ein Treter nach rechts auf einen Pfad, der sich zunehmend verjüngte, um sich in einem Dschungel aus Bäumen und ausladenden Büschen zu verästeln. Als ich an einem dünnen Birkenstamm rüttle, beginnt es, im Gebüsch hinter mir plötzlich zu rascheln. Da stehen Melanie, Dan und Torben. »Das ist hier doch total zugewuchert. Und ich hab irgendwie komische Stiche an den Beinen«, jammert Dan. Eine grobe Himmelsrichtung vermutend hangeln wir uns weiter. Während bei Melanie und mir der kindliche Ehrgeiz gewonnen hat, ja den nächsten Schuh zu finden, folgen Dan und Torben uns nur widerwillig durchs Dickicht.

Durch Zufall gelangen wir irgendwann auf eine Lichtung und erspähen einen weiteren blauen Stiefel. »Schaut, jetzt sind wir wieder in der Zivilisation«, muntert Melanie die Berliner Jungs auf. Von einem Busch, der über ein Gatter ragt, naschen wir ein paar rote Johannisbeeren. Der Pfad führt durch einen bemoosten Märchenwald mit riesigen Gesteinsbrocken. Wir klettern über Baumstämme, überqueren Äcker, finden einen riesigen Grashüpfer und können uns nicht losreißen von den Farben seines sattgrünen Gewands. Am späten Nachmittag legen wir uns auf eine sonnenwarme Wiese und betrachten die Wolken. »Jetzt fühlt sich Berlin verdammt weit weg an«, sagt Dan. »Das hier ist dann wohl Bullerbü.«

Die Sehnsucht nach Schweden

Seit 2008 hat das »Bullerbüsyndrom« einen offiziellen Platz im schwedischen Wortschatz. Geprägt wurde es von Berthold Franke, Leiter des Stockholmer Goethe Instititus, der in seinem Essay Tyskarna har hittat sin Bullerbü (dt. die Deutschen haben ihr Bullerbü gefunden) schreibt, dass Astrid Lindgren bei Deutschen auf eine fast schmerzliche Sehnsucht nach etwas trifft, das sie in ihrem eigenen Land nie haben konnten. »Entfremdung« ist der Begriff, der für Deutschlands Umgang mit der Natur im 18. Jahrhundert steht. Der Mensch eignete sich diese an und gestaltete sie zu eigenen Zwecken um. Während Deutschland eine hohe Bevölkerungsdichte und Kriege prägte, war Schweden seit 1814 neutral. Wenig Menschen teilten sich hier einen großen gemeinsamen Konsens über soziales Wohl und den Wert unberührter Natur, von der sie in Hülle und Fülle umgeben waren. Bis heute lockt Schweden eine wachsende Zahl deutscher Urlauber an. 2018 wurden 3,2 Millionen Übernachtungsgäste aus Deutschland gezählt.

Ewige Spielstunde

In einer Scheune in Sevedstorp lassen Torben und ich uns von dem höchsten Balken im Dach ins Heu fallen. Wir können nicht genug kriegen und wetzen immer wieder die Holzstiege hinauf, bis wir gänzlich von pieksigen Grashalmen übersät sind. Das Dorf Sevedstorp, das Ende der 80er Jahre als Drehort von Wir Kinder aus Bullerbü diente, darf mit seinem Nord-, Mittel- und Südhof tagsüber besichtigt und bespielt werden. Astrid Lindgrens Vater Samuel August ist hier groß geworden und hatte seine Kindheit in den 1920ern zu Papier gebracht. Angereichert durch die eigenen Erinnerungen der Schriftstellerin entstand der Stoff für die Bullerbü-Geschichten.

Auch Katthult, dem småländischen Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert, der für die Verfilmung von Michel aus Lönneberga diente, statten wir einen Besuch ab. Wir streicheln Schweine, die sich genüsslich grunzend im Matsch sulen und füttern Lämmer, die sich auf der Wiese hinter dem Hof tummeln. Der Vetter von Astrid Lindgrens Vater hatte, wie später Michel, ein besonderes Händchen für Pferde, die sich nicht beschlagen lassen mochten. Es waren wohlhabende Bauern, die früher mit ihren Milchkannen zur Molkerei nach Vimmerby über den Hof der Familie mussten und Astrid Lindgren und ihren Geschwistern, wie auch Michel und seiner Schwester Ida, zum Dank für das Öffnen des Gatters, ein .restück zuwarfen. Torben und ich werden nachdenklich, als wir durch die Gesindekammer streifen und uns die Holzmännchen im Tischlerschuppen ansehen. Astrid Lindgren schreibt in Das entschwundene Land, dass sie eine Kindheit an einem Ort erlebte, den es heute nicht mehr gibt. Ist unsere nostalgische Melancholie vielleicht nicht viel mehr als die romantisierte Sehnsucht nach einer längst vergangenen Epoche? Und wie romantisch kann es überhaupt sein, in einer Gesellschaft zu leben, in der mittellose Knechte und Mägde zum regulären Hausstand gehörten?

Kurz vor der Dunkelheit parken wir den Bus an einem Wiesenrand. Eigentlich sollten wir längst das Zelt aufstellen und das Essen vorbereiten. Aber da hat Torben den Fußball im Kofferraum entdeckt. Und wir spielen auf dieser nach Sommer duftenden Wiese wie wild und vergessen beinahe die Zeit. Doch im Gegensatz zu früher können wir uns heute nicht an einen gedeckten Tisch setzen und in ein gemachtes Bett legen. So kochen wir widerwillig unser Abendessen, als die ersten Sterne am Himmel leuchten. Weil wir es in den Urlauben unserer Kindheit ebenfalls zu tun pflegten, wollen wir am nächsten Morgen paddeln gehen und leihen uns am See Möckeln zwei Kanus.

Der Sommer ist so trocken, dass der See kaum Wasser führt. Wir müssen aussteigen und die Boote ziehen. Als Kinder haben wir so eine Hitze nie erlebt. »Hat irgendwer noch was zu Trinken dabei?«, fragt Torben. Da wir unbedarft unsere Sachen packten um schnell aufs Wasser zu kommen, haben wir nur eine einzige Flasche Wasser im Gepäck. »Lasst uns die nächsten Stunden auf keinen Fall über Getränke sprechen«, sagt Torben.

Braune Brühe und bunte Bonbons

Am Nachmittag gehen wir an einem kleinen Sandstrand an Land, neugierig beäugt von einer Herde Kühe, die versucht, sich im lauwarmen Wasser die Beine zu kühlen. Als wir baden gehen, verfängt sich die morastige Brühe in unseren Körperhärchen und wir sehen aus, als würden wir einen Pelz tragen. Später machen Melanie und ich uns barfüssig auf, um einen Spaziergang hinter dem Strand zu unternehmen. Kiefernnadeln kitzeln unsere Fußsohlen. Auf einer Wiese stehen Ponys, deren Fell in der Sonne duftet. Wir schauen ihnen eine Weile beim Grasen zu. Am Abend gibt es Sandwiches aus Torbens antikem Sandwicheisen und die letzten Tropfen Wasser, die noch besser schmecken als die heißen Toasts mit Käse und Tomate.

Zurück im Bus geht es nach Gränna, das ich mit seeligen Stunden verbinde. In jedem Urlaub bekam ich dort eine Zuckerstange, die ich sofort mit klebrigen Händen benagte. Auf dem Weg entdecken wir einen kleinen Flohmarkt. Wir stöbern durch die alten Milchkannen, Spiegel und Haushaltsgeräte, die wohl einst einmal gute Dienste geleistet haben mögen und malen uns aus, wem die Schätze gehört haben könnten. Es duftet nach Sommerregen, als wir in Gränna ankommen. Die Bäckerin Amalia Eriksson eröff nete hier 1859 eine Backstube, in der sie auch Zuckerstangen herstellte. Noch heute wird der »Polkagris« nach altem Rezept gebacken. Im Unterschied zu früher, führt uns der erste Weg in eine Espressobar, bevor wir die Zuckerbäckerei entern und zusehen, wie der bunte Bonbonteig geknetet, ausgerollt und portioniert wird. Mit tütenweise Süsszeug verlassen wir Gränna und können nicht aufhören, davon zu naschen, bis wir alle vier von Bauchweh geplagt werden.

Entschwundenes Land in Sicht

Durch einen bemoosten Wald gelangen wir an einen See, an dem wir die Nacht verbringen wollen. Draußen auf dem Wasser lockt eine kleine Insel. Reizvoll ist der Gedanke, einfach hinüberzuschwimmen und auf ihr die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen. Gemeinsam begeben wir uns auf die Schwimmstrecke und legen uns auf die Felsen. Später entzünden wir ein Lagerfeuer am Seeufer. Dan spielt Gitarre und uns überkommt ein Gefühl von Wehmut. Vieles hat sich in all den Jahrzehnten verändert. Wir haben uns verändert. Bertholt Franke resümiert in seinem Essay, dass sich auch Schweden, mit seinen falunroten Häusern und blaugelben gehissten Flaggen, etwas von dem durch seine Geschichte belehrten, stärker nach außen orientierten Deutschland abschauen könnte. Auch nach der Veröffentlichung seines Werkes hat sich wieder vieles gewandelt. Sicher war früher einiges besser, aber bei Weitem nicht alles. Auch liegt im Lauf der Dinge, mit seinen neuen Einfl üssen, Positives.

Wir beginnen, gedankenverloren kleine Flöße aus Zweigen und Gräsern zu binden und sie aufs Wasser hinauszuschicken. In diesem Moment spüren wir es wieder. Das Land, von dem wir träumen, ist genau hier, in Småland, im Leben meines Ururgroßvaters und überall. Das hat Astrid Lindgren uns mit Bullerbü sicher gelehrt. Es ist das Kind in unseren Herzen.

 

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