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Natur des Nordens

Südwärts über Senja

Mit Wanderstiefeln und Zelt überquert NORR-Leserin Kristina Baer zwischen wirbelnden Schneeflocken und prasselnden Regenschauern Norwegens zweitgrößte Insel Senja.

Noch vor einer halben Stunde konnte ich kaum den Rucksack meiner Kollegin sehen. So dicht wirbelten die Schneeflocken um uns herum. Doch jetzt hebt sich die Wolkendecke und gibt den Blick auf ferne Bergsilhouetten frei. Ihre schroffen Gipfel fächern das einfallende Sonnenlicht auf und streuen es diffus zum Fjord hinab. Für genau diesen Anblick bin ich zurückgekehrt.

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Als der Busfahrer uns vor drei Tagen im Norden der Insel Senja absetzte, dachte ich, ich wüsste, was mich er- wartet: schmale Stiege durch eine fast unberührte Natur, modriger Waldboden und nasse Wiesen, lichte Wälder und sanfte Anstiege. Immer wieder würden wir vor einem breiten Fluss haltmachen und unsere Schuhe wechseln, bevor wir durch das eiskalte, wadenhohe Wasser waten. Doch dieses Bild entspricht, wie sich zeigen sollte, lediglich den ersten Etappen der insgesamt 85 Kilometer langen Inselüberquerung.

Die Weite auf Senja ist endlos. Auf der Insel ist man überall dem Meer ganz nah, während sich der Weg durch raues Terrain schlängelt.

Zweiter Versuch

Es ist Ende August und ich bin mit zwei Kolleginnen nach Senja zurückgekehrt. Nach einer stürmischen Julinacht haben wir letztes Jahr die Wanderung auf halber Strecke abgebrochen. Vor uns lag der steilste Anstieg der Strecke, hoch zum Istinden, dem Eisgipfel. Meiner Freundin, mit der ich damals unterwegs war, war der nicht geheuer. Heute denke ich: zum Glück. Der Weg zum Gipfel ist nicht sonderlich lang und die Wanderung zu seinen 800 Höhenmetern beginnt bei guten 360 – aber es ist kein Spaziergang. Als wir den Anstieg diesmal wagen, zieht Regen auf, dann fängt es an zu schneien. Wir klettern konzentriert über die großen Steinbrocken. Es geht langsam voran über die immer rutschigeren Steine. Die schweren Wanderstiefel suchen in schmalen Felsspalten Halt. Ein falscher Tritt und die Tour endet.

Die schweren Wanderstiefel suchen in schmalen Felsspalten Halt.

Die Luft ist gefüllt vom Duft nasser Erde. Neben dem Stieg leuchten Molte- und Blaubeeren und Rentiere grasen in menschenleeren Tälern. Nachts sinkt die Temperatur unter fünf Grad und als wir unsere Zelte aufschlagen, sind sie noch feucht von der vorherigen Nacht – so auch die Schlafsäcke. Wir haben einen straffen Zeitplan. In viereinhalb Tagen wollen wir Olaheimen erreichen. Meine finnische Kollegin führt unseren kleinen Trupp mit einem flotten Tempo an. Sie zeigt auf einen Stein mit einem verblassten roten Punkt. Dort geht der Pfad weiter. Um uns herum wippt das Wollgras und einige Alpenhühner schrecken auf, als wir aus dem klaren Bergsee trinken. Am Abend haben wir knapp zwei Tagesetappen geschafft und wir pellen erschöpft unsere aufgequollenen, runzeligen Füße aus den nassen Socken.

Norwegische Gastfreundschaft

Fast dreißig Kilometer liegen noch vor uns und es sind Regenschauer und Sturmböen angesagt. Unser Ziel ist es deshalb, den restlichen Weg an einem Tag zu schaffen. Wir wandern zwischen Kiefern und Birken, bevor der weiche Waldweg uns über die Baumgrenze führt. Der Wind gewinnt an Stärke, zerrt an den Regenhüllen unserer Rucksäcke. Den Beinen bleibt kaum Zeit, sich schwer zu fühlen, als sie sicheren Tritt auf dem felsigen Untergrund suchen. Kurz bevor wir den letzten Abstieg beginnen, prasselt der Regen auf uns herab. Wir verlieren den Pfad aus den Augen. Die Karte flattert in meiner Hand. Die letzten sechs Kilometer ziehen sich endlos. Doch dann: Der Pfad wird zu einem Weg; der Weg zu einer Straße.

Das Zelt schützt vor Wind und Wetter aber der Aufbau der Behausung ist ein teilweise nasses Unterfangen.

Wir haben unendliches Glück. Eine freundliche Norwegerin nimmt uns drei klitschnasse Wanderinnen in den nächsten Ort mit. Sie hält bei ihrem Nachbarn, der gerade ein Gasthaus renoviert und wir dürfen die letzte Nacht mit Dach über dem Kopf verbringen. Ich falle glückselig in eine warme Daunendecke und denke: Dieses unvergessliche Abenteuer war die Rückkehr nach Senja wert.

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