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Fjell, Fjord, Heimat: Lars Schneiders Auswandertraum in Norwegen

Der Fotograf Lars Schneider wanderte mit seiner Familie vor drei Jahren nach Norwegen aus – und hat sich dort ein neues Zuhause geschaffen. Sein Rat an alle Auswanderer: einfach machen.

Spitz und schroff schrauben sich die felsigen Flanken des Store Venjetinden in den norwegischen Himmel. Mit einer imposanten Höhe von 1 852 Metern überragt der Berg die benachbarten Gebirgszüge ein gutes Stück und ist mit seinem steilen Felsabbruch einer der markantesten Punkte in der Umgebung. An seinen schattigen, baumfreien Seiten liegen bis weit in den Sommer hinein Schneeinseln. Im Winter wirkt der Berg mit seinen vulkanförmig zulaufenden Hängen wiederum wie ein schlafender Riese, der als gänzlich in Weiß gekleideter Wächter über die wilde, von der letzten Eiszeit geformte, Fjordlandschaft wacht. »Meine Lieblingszeit ist aber der Herbst. Dann leuchtet das Fjell in allen Farben und die tief stehende Sonne taucht den Berg in ein ganz besonderes Licht«, sagt Lars Schneider.

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Lars Schneider

Lars Schneider, Outdoor- und Lifestyle-Fotograf lebt mit seiner Familie im norwegischen Isfjorden. Zu seinen Kunden gehören Outdoor- und Sportmarken wie Adidas, Deuter und Patagonia. Seine Fotos wurden weltweit in Magazinen, Katalogen, Büchern und Kalendern veröffentlicht. Auch Videoproduktionen bereichern sein Portfolio. Für NORR hat Lars im Lauf der vergangenen Jahre bereits mehrere Geschichten fotografiert.

Das magische Panorama des Store Venjetinden spielt eine ganz besondere Rolle im Leben des Deutschen: Von seinem Küchenfenster aus genießt er einen nahezu perfekten Blick auf das kantige Gebirgsmassiv, das zusammen mit den rollenden Hügeln im Vordergrund ein besonders malerisches Motiv abgibt. »Meine Frau macht fast jeden Tag ein Foto von dem Berg – und wir entdecken immer etwas Neues«, erzählt Lars. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Familie in Isfjorden. Die kleine Ortschaft liegt am Ende einer der vielen tief ins Landesinnere reichenden, Meeresarme die für das so typische Landschaftsbild der norwegischen Westküste sorgen.

Sehnsuchtsort wird Heimatort

Auswandern nach Norwegen – mit diesem Gedanken haben Lars und seine Frau Katrin im Laufe der Jahre immer wieder gespielt. Bevor sie sich 2019 dazu entscheiden, nach Skandinavien zu ziehen, haben die beiden das Land bereits rund 30 Mal bereist – sowohl privat als auch beruflich. Als Fotograf ist Lars oft für Produktionen in Nordeuropa unter- wegs und lernt so Land und Leute kennen und schätzen. Besonders angetan hat es ihm die Natur: Die zerklüfteten Fjorde und die wilden Gebirgszüge an der norwegischen Westküste bieten nicht nur eine perfekte Kulisse für seine Fotografien, sondern werden mit ihren Outdoor-Möglichkeiten bald auch zu einem Sehnsuchtsort.

Letzten Endes hat uns das Schicksal nach Norwegen geführt.

Lars und Katrin sind seit jeher begeisterte Abenteuerreisende: Mit dem Rad sind sie durch Bolivien, Chile und Argentinien gefahren. Mit Kajaks haben sie Westkanada sowie die schwedische und finnische Ostseeküste erkundet. Und mit dem Hundeschlitten waren sie in Nordskandinavien unterwegs. Hinzu kommen Trips nach Neuseeland, Nepal, Schottland, Südafrika und in viele weitere Länder. »Unsere Wurzeln aber liegen in Hamburg. Dort hatten wir uns im Laufe der Jahre ein wunderschönes Zuhause am Stadtrand aufgebaut, doch uns hat dort immer etwas die Natur vor der Haustür gefehlt«, sagt Lars, dem nach wie vor noch das Herz aufgeht, wenn er an die Elbe und den Hamburger Hafen denkt. »Letzten Endes hat uns das Schicksal nach Norwegen geführt«, sagt er.

Von der Hansestadt in den Fjord

Der Schicksalsmoment ist in diesem Fall die Einschulung von Sohn Fietje. Durch die vielen Skandinavien-Reisen sind die Schneiders vom dortigen Schulsystem begeistert. Die klassischen deutschen Unterrichtskonzepte erscheinen ihnen hingegen als zu unflexibel. Die einzig in Frage kommende Schule im Umkreis von Hamburg ist zu weit entfernt, um das tägliche Pendeln mit ihrem beruflichen Alltag und den Kindergartenzeiten von Tochter Jule zu vereinen. »Meine Frau schlug dann im Scherz vor, dass wir vielleicht doch nach Norwegen ziehen sollten«, erinnert sich Lars. Es ist ein Scherz, der in den kommenden Wochen zum Hauptmotto der Familie wird.

Auch das hat sich lange hingezogen. Manches läuft hier anders.

Mit der Hilfe eines Bekannten, den Lars in früheren Jahren bei einem Fotoshooting in der norwegischen Region Romsdal kennengelernt hat, beginnen sie damit, ein Haus im Norden zu suchen. Es ist die erste von vielen Herausforderungen, die auf die Auswanderer warten: »Es gab einige Häuser, aber die waren alle an den falschen Orten«, sagt Lars. »Aufgrund meines Berufs ist eine gewisse Nähe zu einem Flughafen wichtig. Außerdem wollten wir einen Ort mit einer Schule, die erreichbar ist. Und letztlich wünschten wir uns den direkten Zugang zur Natur, den wir in Hamburg vermisst haben.« Am Ende werden sie in einer Facebook-Gruppe fündig: Zwischen einer Schottland- und einer Südafrika-Reise fliegt

Lars kurzerhand nach Norwegen, um das dort ausgeschriebene Haus in der beschaulichen 1 500-Einwohner-Gemeinde Isfjorden zu besichtigen – ein Glückstreffer. Das Haus gefällt ihm auf den ersten Blick, zu den beiden Städten Ålesund und Molde sind es nur rund eineinhalb Stunden mit dem Auto. Und das Wichtigste: Die norwegischen Berge sind hier zum Greifen nah – allen voran der 1 852 Meter hohe Store Venjetinden.

Die Schneiders kaufen und das Projekt Auswanderung beginnt. Vier Monate bleiben ihnen, um ihr Leben in Deutschland abzuwickeln. »Wir mussten ein Haus leer räumen, das dreimal so groß war wie unser neues norwegisches Zuhause. Natürlich gab es auch bürokratisch einiges zu meistern, denn Norwe- gen ist ja nicht Teil der Europäischen Union«, blickt Lars auf jene hektische Phase zurück, die ihrem Umzug vorausgeht. Im Frühjahr 2019 geht es endlich los: 18 Stunden dauert die Fahrt mit dem Van nach Isfjorden – es ist nicht der letzte Marathon auf dem Weg zum neuen Zuhause.

Insbesondere der Umzug seiner Selbstständigkeit erweist sich für Lars als Herausforderung: Die norwegischen Regularien sehen ein komplexes Prozedere vor, das zahlreiche Behördengänge verlangt. »Parallel haben wir direkt angefangen, das neue Haus zu renovieren und umzubauen. Auch das hat sich lange hingezogen. Manches läuft hier anders«, sagt Lars. »Möchte man bauliche Veränderungen am Gebäude beantragen, werden diese zum Beispiel direkt im Baumarkt gezeichnet – solche Dinge mussten wir erst lernen«, grinst er. Die Belohnung für die Strapazen holt er sich täglich mit einem Schritt vor die Haustür ab. Nicht selten bleibt er bei seinen Trailläufen auf seiner Hausrunde stehen und bewundert die atemberaubende Kulisse. Besonders abends, wenn die Sonne über die Bergspitzen surft und die Gipfel in ein rotviolettes Licht taucht. »Ich erlebe hier so viele unglaublich schöne Momente. Und jedes Mal denke ich mir, wie irre es ist, an einem so schönen Ort zu leben«, erzählt Lars. In Norwegen, sagt er, habe er sein Glück gefunden.

Wildcampen und eigene Schlittenpiste

Inzwischen fühlt sich die Familie Schneider im Land der Fjorde zu Hause. Im Sommer genießen sie das norwegische Jedermannsrecht, das es erlaubt, in der Natur wild zu campen. Und im Winter bauen sie hinter ihrem Haus Schlittenpisten für die Kinder. »Dass wir uns hier so wohlfühlen, liegt aber nicht nur an der Natur, die wir so großartig finden, sondern auch am Land selbst«, sagt Lars.

Als Beispiel nennt er die Einschulung seines Sohnes Fietje: Damit dieser in der Schule schneller Anschluss findet, kontaktierte die Schulleitung einen in der Gegend lebenden deutschen Pensionär. »Der war dann in den ersten Monaten oft im Unterricht mit dabei und hat übersetzt. Der Schulleiter meinte zu uns, dass er lieber viel in die Kinder investiert, wenn sie klein sind – denn das erleichtere später vieles«, erzählt Lars. »Das zeigt schon, wie individuell hier auf die Bedürfnisse der Menschen eingegangen wird.« Die Kinder Fietje und Jule sprechen inzwischen fließend Norwegisch. »Deutlich besser als wir«, lacht Lars. »Die beiden haben inzwischen sogar eine lokale Dialektfärbung.«

Entscheidung fürs Leben

Lars und Katrin sind sich deshalb sicher: Wenn sie noch einmal die Wahl hätten – sie würden wieder nach Norwegen auswandern. War Lars in früheren Jahren oftmals 180 Tage im Jahr unterwegs, fällt es ihm inzwischen sogar immer schwerer zu reisen.

»Vom Stadtrand in Hamburg für ein Projekt eine Woche in die schottischen Highlands zu reisen, war verlockend. Heute denke ich mir oft: Eigentlich will ich gar nicht weg«, sagt er. »Wenn es hier allerdings zwei, drei Wochen am Stück übles Wetter gibt, kann es schon anstrengend werden. Doch sobald ein schöner Tag kommt, wissen wir, dass wir in Norwegen sehr gut aufgehoben sind«, lacht Lars. Oft reicht ihm in diesen Momenten bereits ein Blick durch das Küchenfenster. »Wir sind jetzt da, wo wir hingehören.«

Lars Schneiders Auswandertipps

1 Wenn du nach Norwegen auswandern willst, solltest du dir alle wichtigen Dokumente beglaubigen lassen. Da Norwegen nicht in der EU ist, sind bürokratische Vorgänge komplizierter.

2 Willst du fest in Norwegen wohnen, ist die norwegische Personennummer der Schlüssel zum alltäglichen Leben – etwa, wenn du ein Bankkonto eröffnen möchtest.

3 Vor Ort ist es wichtig, sich bei der Anmel- dung an das genaue Prozedere der Behörden zu halten. Überspringt man einen Schritt, muss alles von vorne begonnen werden.

4 Ein Auto von Deutschland nach Norwegen zu importieren, ist sehr teuer, da Zollgebühren entstehen und eine Tauglichkeitsprüfung ab- genommen werden muss. Wir haben deshalb in Norwegen ein neues Auto gekauft.

5 Bauliche Veränderungen für Bauanträge werden direkt im Baumarkt gezeichnet.

6 So aufregend Auswandern ist – du gibst viele bekannte Strukturen auf. Supermärkte sehen anders aus, du musst dir einen neuen Arzt etc. suchen. Darüber solltest du dir im Klaren sein.

Du willst nach Norwegen auswandern? In unserem NORR Guide findest du weitere wichtige Tipps für dein norwegisches Abenteuer.

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