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Die Helden der Berge

Das Fjäll lockt jeden Sommer Zehntausende Besucher in seine Fänge. Falls ein Unfall passiert, muss schnell reagiert werden. NORR hat die Alpine Rettungsgruppe Kiruna bei einer Übung am Kebnekaise begleitet.

Der Propeller wirbelt Laub über die Schotterfläche. Die Sonne scheint und eine sanfte Brise wiegt die Fjällbirken. Wir befinden uns auf der Helikopterbasis von Nikkaluokta, an einem Sommertag mit azurblau schimmerndem Himmel. Das Gepäck steht auf einem Wagen neben dem Polizeihubschrauber und wird schnell in die Maschine geladen. Flugtechniker Peter Ajnevall hakt die Sicherheitsliste ab, die Funkverbindung wird nochmals gecheckt und der Pilot Jerker Styven gibt das Signal zum Abflug.

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Nun erhöhen sich Lärm und Drehzahl der Rotorblätter und mit einem leichten Ruck hebt die Maschine in einer Staubwolke vom Boden ab und steigt gen Himmel. Mit in dem fliegenden Gefährt sitzen Micke Oja, Erik Lidström und Per-Olof Edvinsson aus der Alpinen Rettungsgruppe Kiruna. Jerker manövriert den Hub- schrauber in Richtung Westen, wo mächtige Berge sich vor dem leuchtend blauen Himmel auftürmen. Das weite Tal Láddjuvággi und das Kebnekaise-Massiv mit Schwedens höchsten Gipfeln zeigen sich von ihrer schönsten Seite.

»Viel besser als jetzt kann das Wetter nicht mehr werden«, bemerkt Micke über sein Headset. »So sollte es immer sein, dann hätten wir weniger zu tun«, fügt er mit einem kleinen Lacher hinzu. Micke ist heute der Einsatzleiter und bestimmt den Ablauf der Übung. Seine Karriere im Rettungsdienst und seine lebenslange Liebe zum Klettern im Hochgebirge machen ihn zur Idealbesetzung für diese Aufgabe. Im Alltag arbeitet er beim Bergbauunternehmen LKAB in Kiruna.

Furchtlos in die Tiefe

Die Mannschaft wird heute eine Feldübung durchführen, die für die alpine Bergrettungsgruppe obligatorisch ist: Das Hochwinden einer Rettungstrage für Fortgeschrittene. Die andere Übung heißt Cut and Go und ist eine Methode, mit der zum Beispiel ein Kletterer, der an einer Felswand in seinem Seil festhängt,befreit wird, indem der Retter zu ihm vordringt, sich in das Geschirr des Kletterers einhakt und dessen Seil abschneidet, um sich mit ihm zum Helikopter hochwinden zu lassen.

Einmal pro Quartal hat jedes Gruppenmitglied die Gelegenheit zur Teilnahme und jetzt sind Micke, Erik und Per-Olof an der Reihe, die Handhabung der Trage zu üben. Beim Anflug auf die Fjällstation Kebnekaise verstän- digen sich die Bergretter in knappen Worten über ihre Funkgeräte. Es wird festgelegt, wo und wie die Übung durchgeführt werden soll, während der Pilot die Wind- und Wetterlage kontrolliert. Für die heutigen Aktivitäten sieht alles perfekt aus. Jerker lenkt den Helikopter zu einer der Schluchten an der Nordostseite des Berges Skárttacohkka. Die Aussicht über das Tal und Schwedens größtes Hochgebirgsgebiet ist imposant: enorme Gletscher, nadelspitze Gipfel und weich gerundete Bergkämme, so weit das Auge reicht.

Launische Winde an der Bergwand bringen die große Maschine zum Schwanken.

Micke befestigt sein Klettergeschirr mit Karabinern an einem großen Haken am Ende eines Stahlseils. Die Seitentür des Helikopters steht sperrangelweit offen, der Lärm von den Rotorblättern und vom Wind ist ohrenbetäubend. Erik, der jüngste Zuwachs der Bergrettungsgruppe Kiruna, in die man nur auf Empfehlung anderer Mitglieder aufgenommen wird, kontrolliert alle Befestigungen, alles sitzt so, wie es soll.

Dann lässt Micke sich aus dem Helikopter gleiten und stellt sich auf eine der beiden Kufen. Launische Winde an der Bergwand bringen die große Maschine zum Schwanken, aber Jerker manövriert sie routiniert in Ruhestellung. Als Micke den Handgriff loslässt und den Fußhalt aufgibt, beginnt das Herunterlassen und die Winde senkt ihn langsam dem Berghang entgegen. Weit unten landet er sicher im weichen Moos, koppelt sich rasch ab und gibt dem Hubschrauber das Zeichen zum Weiterflug. Jerker und der Rest der Mannschaft steigen wieder auf in die Luft und fliegen westwärts ins Tal hinein, bevor sie mit einer weiten Kehrtwende erneut die Stelle ansteuern, auf der Micke gelandet ist.

Für sämtliche Rettungseinsätze auf der ungefähr 1 300 Kilometer langen schwedischen Fjällkette ist die Polizei zuständig. Sie erhält Unterstützung von der Bergrettung, die ehrenamtlich arbeitet. Wenn eine Person im Gebirge in Not geraten ist und die Nummer 112 anruft, wird sie zunächst mit dem wach- habenden Polizeibeamten in der regionalen Leitstelle verbunden. Von dort wird über das Kommunikationssystem Rapid Reach eine Alarm-Textnachricht an die Mobiltelefone der Bergretter gesendet. Es folgt eine schnelle, aber umfassende Kartierung und Planung: Was ist passiert und wo, welche Ausrüstung wird benötigt, wer kommt mit, wo wird gestartet. Die Leute, die zum Einsatz geschickt werden, arbeiten unter dem Kommando eines Rettungsleiters der Polizei und eines Einsatzleiters der Bergrettung.

Manchmal reichen schon Heimweh oder wunde Füße, um Hilfe zu rufen.

Aus passion für die Region

In Schweden gibt es etwa 400 Bergretter, die zwischen Dalarna im Süden und Lappland im Norden auf etwa 30 Einheiten verteilt sind. Sie müssen im Alter zwischen 18 und 65 sein und in der Gegend wohnen. Alle müssen reichlich Erfahrung damit haben, zu jeder Jahreszeit in den Bergen unterwegs zu sein, und auch das Scooterfahren beherrschen. Bergretter er- halten eine Grundausbildung unter Anleitung der Polizei und sind zu jährlichen Übungen verpflichtet, im Sommer wie im Winter.

Micke, Erik und Per-Olof gehören zu einer der beiden Alpingruppen der Bergrettung (die eine ist in Kiruna stationiert, die andere in Östersund) und sind spezialisiert auf Rettungen an steilen Berghängen und Felswän- den. Die alpinen Bergretter haben alle einen unterschiedlichen Hintergrund, was Alter, Geschlecht und Job angeht – ihr gemeinsamer Nenner sind ihre weitreichenden Kenntnisse der Bergregionen, für die sie zuständig sind.

Bergretter Per-Olof kann auf langjährige internationale Erfahrungen als Einsatzleiter zurückblicken. Ein Helikop- ter ist in dem weitläufigen Fjällgebiet als schnelle Rettung unabdingbar.

Die Alpingruppe Kiruna zählt 14 Mitglieder. Per-Olof kann auf mehrere internationale Expe- ditionen zurückblicken. Als Narkoseassistent und Ausbildungsleiter in Krankenpflege und Erster Hilfe war er unter anderem am Nordpol, Südpol und in Alaska im Einsatz.

»Übungen wie die heutige werden veranstaltet, um Wissen aufzufrischen, neue Rettungsmethoden zu trainieren und die Kollegen in- und auswendig kennenzulernen, erklärt er. »Wir müssen uns hundertprozentig aufei- nander verlassen können. In einer kritischen Rettungssituation muss jeder genau wissen, was er zu tun hat, und die Ruhe behalten, egal was passiert.«

Die Polizisten Jerker und Peter haben in der Rolle als Hubschrauberpilot und Flugtechniker ebenfalls wichtige Funktionen bei der Bergrettung. Denn in den ausgedehnten Fjällgebieten Lapplands ist der Helikopter natürlich als Rettungsvehikel unschlagbar (vorausgesetzt, das Wetter lässt den Flug zu). Im Alltag arbeiten beide auf dem Luftstützpunkt der Polizei in der kleinen Stadt Boden.

Die Befestigung der Trage, die aus dem Gefährt zu Boden gelassen wird, wird stets dreifach überprüft, bevor diese bemannt nach unten gleitet.

Retten unter Zeitdruck

Eine Rettungstrage, groß genug für einen Erwachsenen, wird an die Winde gekoppelt. Nach doppelter und dreifacher Kontrolle sämtlicher Karabiner wird sie zu Micke hinabgesenkt. Dann werden auch Erik und Per-Olof mit der Winde hinuntergelassen. Unten am Boden, neben der Trage, sieht man die Bewe- gungen von Micke, Erik und Per-Olof: rasch und effektiv, ohne gestresst zu wirken.

Nichts bleibt dem Zufall überlassen, jeder einzelne Arbeitsschritt ist sorgfältig vorbereitet und eingeübt. Die Gruppe am Boden greift nach dem Stahlseil, das unter dem Helikopter hängt. Und sogleich wird die Trage (mit Gewichten beschwert statt mit einem verletzten Men- schen) zusammen mit Erik wieder nach oben gehievt. Er ist zusätzlich mit einem langen Seil gesichert, das Per-Olof festhält, damit Erik und die Trage in der kräftigen Luftströmung, die der Helikopter erzeugt, nicht zu rotieren begin- nen. Die Zentrifugalkraft würde im Ernstfall für einen Verletzten, der wie in einem Kokon festgeschnallt ist, ein Risiko bedeuten.

Erik und die Trage bleiben kurz unterhalb des Helikopters hängen, als dieser wieder aufsteigt und in Richtung Kebnekaise abbiegt. Das Gespann wird zu einem kleinen Punkt vor der gewaltigen Landschaft im Hintergrund und verschwindet dann aus dem Blickfeld, um Erik und die Trage auf sicherem Grund bei der Fjällstation abzusetzen. Danach kehrt der Helikopter wieder um und sammelt die restliche Mannschaft ab, bevor es für alle ein Mittagessen samt einer ausführlichen Abschlussbesprechung im Speisesaal der Fjällstation gibt.

Von Bergspass uns Leichtsinn

Die Fjällstation ist sehr gut besucht und durch die Fenster des Speisesaals sehen wir die ein- drucksvollen Berge ringsum. Inklusive einer bunten Perlenkette von Wanderern, die in bei- den Richtungen zwischen der Station und dem Kebnekaise unterwegs sind.

Die Rettungsgruppe berichtet, dass der Fjälltourismus in den letzten Jahren nahezu explodiert ist, im Sommer wie im Winter. Und dass parallel dazu die Anzahl der Rettungseinsätze gestiegen ist, auch die der Unfälle mit tödlichem Ausgang. »Klar ist es erfreulich, dass immer mehr Menschen die Bergwelt entdecken, aber oft passiert das ohne die richtige Ausrüstung, ohne Vorwissen oder Training«, sagt Micke. Trotz der gestiegenen Arbeitsbelastung liebt er seine Aufgabe. »Ich finde es schön, helfen zu können und zu erleben, dass man mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen einen Beitrag leisten kann. Und dann ist es natürlich auch eine Herausforderung und ein Spaß.«

Ein Ausrücken ohne Not kann einen anderen Einsatz verhindern.

An einem sonnigen Tag wie heute versteht man gut, warum es so viele Menschen hierher zieht. Gleich um die Ecke können allerdings schon Gefahren lauern. »Man sieht vielleicht herrliche Bilder in den Sozialen Medien, von Berggipfeln im Sonnenschein unter blauem Himmel und von Menschen in Shorts auf dem Kebnekaise«, fährt Micke fort. »Das will ich auch, denkt man – und dann wird man brutal überrascht von einem Schneesturm mit Wind- stärke 12 und null Sicht – im Juli. Erik, der
in Katterjåkk wohnt und als Chef der Fjällstationen von Riksgränsen, Björkliden und Låktatjåkko arbeitet, fügt hinzu: »Wir wollen auf niemanden mit dem Finger zeigen, aber die Leute, die in die Berge gehen, müssen besser vorbereitet sein.«

Nicht nur krasses Wetter und riskantes Terrain führen dazu, dass die Bergrettung ausrücken muss. Die Schwelle dafür, dass Leute glauben, Anspruch auf Hilfe zu haben, ist gesunken, meinen die Fjällretter. Manchmal reichen schon Heimweh oder wunde Füße, um Hilfe zu rufen. »Heutzutage verlassen sich zu viele darauf, dass sie gerettet werden. Das Mobilfunknetz im Gebirge wächst ständig und man kann sogar schon kleine Notfallsender kaufen, wo man nur auf einen Knopf drücken muss«, erzählt Erik.

Vielleicht braucht es hier bessere Informationen: Wann soll man Hilfe anfordern, wenn man auf einer Bergtour ist – und wann muss man einfach die Zähne zusammenbeißen und sich durchkämpfen? Denn jeder Rettungsauftrag kostet die Gesellschaft viel Geld und ein Ausrücken ohne Not kann einen anderen Einsatz verhindern, bei dem es wirklich um Leben und Tod geht. »Wir Bergretter tun alles, was in unserer Macht steht, um Menschen aus Notlagen in Sicherheit zu bringen, aber manch- mal gelingt es uns nicht«, sagt Per-Olof und fügt hinzu: »Wir rücken auch bei schlimmstem Wetter aus, aber wir müssen immer zuerst an unsere eigene Sicherheit denken. In vielen Situationen kann ein Helikopter nicht abheben und je nachdem, wo und wie der Unfall passiert ist, kann ein Rettungsversuch lebensgefährlich sein. Wir können nur hoffen, dass die Fjälltouristen von heute und morgen sich die notwen- digen Kenntnisse aneignen, bevor sie losgehen. Dadurch minimieren sie das Risiko für sich und für uns – und alle kommen wohlbehalten nach Hause.«

Die Bergrettung in Schweden

Für alle Rettungseinsätze im schwedischen Fjällgebiet ist die Polizei zuständig. Sie wird dabei von der Bergrettung unterstützt, deren Mitglieder ehrenamtlich tätig sind. Zurzeit gibt es in Schweden etwa 400 Bergretter, aufgeteilt in rund 30 Einheiten entlang der Fjällkette, die für verschiedene geografische Regionen verantwortlich sind. Manche haben Spezialkompetenzen wie die alpine Fjällrettung oder die Höhlenrettung. Die Bergretter arbeiten mit verschiedenen Behör- den und Organisationen zusammen, zum Beispiel mit dem Militär, dem Bergsicherheitsrat und dem Rettungsdienst.

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