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Natur des Nordens

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Wolfsblut: Ein Artenschutzabenteuer

Die skandinavische Wolfspopulation braucht dringend frische Gene. Als ein Weibchen aus Russland über Lappland Richtung Mittelschweden wandert, wird sie zur großen Hoffnung der nordischen Raubtierfreunde. Ein Artenschutzabenteuer.

Irgendwann muss Susi gespürt haben, dass es jetzt an der Zeit ist zu gehen. Dass ihr Rudel sie nicht mehr so recht brauchte und es wohl besser wäre, ein eigenes zu gründen. Unklar, warum es sie ausgerechnet nach Westen trieb. Ein Duft, ein Geräusch, ein Instinkt? Vor ihr lag eine über tausend Kilometer lange Odyssee von Russland über Nordfinnland bis nach Mittelschweden. Ein Abenteuer wie aus einem Disney-Tierfi lm ohne Happy End, das Susi zur bekanntesten und teuersten Wölfin Schwedens machen sollte – und das auch heute noch viel über die Situation der Raubtiere in Skandinavien erzählt.

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paar hundert Jahre früher hätte Susi (übrigens das finnische Wort für »Wolf«) sicher schnell einen adäquaten Gefährten getroffen und ganz einfach mit ihm ein neues Revier und Rudel gebildet. Seit der Eiszeit war ganz Skandinavien von Wölfen bevölkert, die an der Spitze der Nahrungskette in einer unendlichen Wildnis die perfekte Lebensgrundlage fanden. Doch wie überall, wo die Zivilisation in die Welt des Wolfs einzog, mit ihren Siedlungen und Nutztieren, ihrem Hunger nach Acker- und Weideland und dem Holz der Wälder, nicht zuletzt mit ihrer Angst und ihrem Aberglauben, wurde auch in Skandinavien das Raubtier schnell zum Feind des Menschen.

1647 führte der schwedische König erstmals eine Abschussprämie ein. Als sie 1964 offiziell vom Parlament abgeschafft wurde, war der Wolf in Schweden und Norwegen ausgerottet. Erst seit den 80er Jahren gibt es wieder vereinzelte Vorkommen, wenige hundert Tiere vor allem in den weiten Wäldern der Provinzen Dalarna, Värmland und Örebro sowie auf der norwegischen Seite des Grenzlandes, allesamt Nachkommen eines Wolfspaares, das irgendwann einmal, wie Susi, von Nordfinnland nach Schweden eingewandert ist. Die Chancen für die Partnersuche der Wölfin waren also nicht gleich null, allerdings doch sehr bescheiden.

Das schwedische Raubtierdilemma

Nordische Wölfe sind stark und intelligent, beeindruckend effiziente Jäger mit unglaublicher Ausdauer und Zielstrebigkeit. Folgt man ihren mSpuren im Schnee oder den GPS-Signalen eines mPeilsenders, zeichnen diese oft schnurgerade Linien. Kein vergeudeter Zentimeter, kein Zögern, kein Zweifel. Und doch gibt es im Norden Europas zwei fast unüberwindbare Hindernisse für das Raubtier: das Meer und den Menschen. Beide tragen dazu bei, dass die Wolfspopulation in Skandinavien weitgehend isoliert ist. Im Süden und Westen gibt es keinen Landweg, über den weitere Artgenossen auf natürliche Weise nach Skandinavien zuziehen können. Im Norden und Osten liegen die Rentierzuchtgebiete der Sami, eine sechshundert Kilometer breite Zone, in der kein Wolf geduldet wird. Zwar fügen Bären, Luchse, Vielfraße und Adler, Krankheiten und neuerdings auch der Klimawandel den Rentierherden der Sami ebenfalls großen Schaden zu. Doch ist es gerade die Art des Wolfes zu jagen, die seine Präsenz in Sápmi unvereinbar macht. Er treibt die Rentiere auseinander und in den endlosen Weiten wird es für die Hirten extrem aufwändig, sie wieder zu sammeln. Hier helfen keine Schutzzäune oder Wolfshunde. Kompensationszahlungen für einzelne gerissene Rentiere decken nur einen Teil des Problems.

Diese Kombination aus geografischen und kulturellen Gegebenheiten macht die Lage des Wolfes in Skandinavien kompliziert. Einerseits fordert die EU-Kommission eine überlebensfähige Population der bedrohten Art. Hier geht es nicht nur um die Anzahl Individuen, sondern auch um ein gesundes Erbgut, für das eine Durchmischung mit anderen – entweder zugewanderten oder vom Menschen angesiedelten – Tieren zwingend notwendig ist. Andererseits steht die schwedische Regierung unter großem nationalen und internationalen Druck, was den Schutz der samischen Minderheit angeht. Nach jahrhundertelanger Diskriminierung der Urbevölkerung und dem massiven Eingriff in ihren Lebensraum durch Staudämme, Minen und Umsiedlungen ist der Wolf ein weiteres hochexplosives Thema mit großem Symbolwert. Hinzu kommen die üblichen Diskussionen, die mit der Rückkehr des Raubtieres in Europa verbunden sind und die man auch aus anderen Teilen des Kontinents kennt.

In diesem Klima kämpfen Naturvårdsverket (dt. die schwedische Naturschutzbehörde) und lokale Samigemeinden, Umweltschutz-, Landwirtschafts-und Jägerverbände sowie Hunderttausende Hobbybefürworter und -gegner für ihre Position – nicht selten mit polarisierenden Argumenten und wenig Verständnis für die Perspektive des anderen.  Das Thema »Wolf« ist ein politisches Pulverfass, in dem vom berühmten schwedischen Konsensbedürfnis nicht viel zu spüren ist.

Frische Wolfsgene um jeden Preis

Und so kam Susi. Anfang 2011 sichtete man die Wölfin mit dem rotbraunen Fell erstmals im Stora-Sjöfallet-Nationalpark westlich von Kiruna in Schwedisch Lappland. Zwei Monate später wurde sie ein paar hundert Kilometer südlich, im Westen Jämtlands, erspäht. Mitten im Rentiergebiet. Während die Sami ihren Abschuss forderten, erkannte die schwedische Regierung in Susi die Chance, der drohenden Klage vor dem europäischen Gerichtshof zu entgehen und mit ihren Genen, die der skandinavischen Wolfspopulation aufzufrischen. Koste es, was es wolle! Die Wölfin wurde betäubt und mit einem GPS-Sender versehen in der Gegend um Örebro ausgesetzt, wo gleich mehrere potenzielle Partner lebten.

Wo im Disney-Film nun das glückliche Ende folgen würde, fängt Susis Abenteuer erst an. Denn es zog sie direkt wieder nach Norden. Erneut lief sie über tausend Kilometer, hinein nach Norwegen und schließlich nach Idre hoch oben in Dalarna. Rentiergebiet. Tatsächlich fand sie auf diesem Weg endlich einen Begleiter, der sie nun, betäubt im Stahlcontainer, auf ihrer zweiten Umsiedlung in den Nationalpark Tiveden nördlich des Vätternsees begleiten durfte.

Doch es dauerte nicht lange, bis sich die GPS-Signale des Paares wieder nordwärts bewegten. Zunächst wanderten die Gefährten gemeinsam, dann trennte offensichtlich eine Straße mit Wildzaun ihre Wege. Während der Rüde nach Dalarna zurückkehrte, wo er nahe Sälen illegal von einem Scooter aus erschossen wurde, suchte sich Susi nach Jämtland abermals in samische Gefilde. Trotz veterinärmedizinischer Bedenken entschloss sich das Naturvårdsverket zu einem dritten Umzug. Ein Landbesitzer in Heby zwischen Uppsala und Gävle bot seine Wälder an – mit der scherzhaften Bemerkung, dass die Wölfin ja eh nicht lange bleiben würde. Natürlich sollte er recht behalten. Nur einen Monat später wurde Susi, der wegen eines Ekzems das GPSHalsband entfernt werden musste, wieder in Jämtland gesichtet, bei Jursele, begleitet von einem Rüden aus Värmland.

In der rentierreichen und konkurrenzlosen Umgebung fühlte sich das Paar pudelwohl. Das sorgte zwar entsprechend für Spannungen unter den Sami, weckte aber auch gleichzeitig in der Regierung große Hoffnung auf den ersehnten Nachwuchs mit frischen Genen. Die neue Strategie: Mit grosszügigen Entschädigungen sollten die Rentierhirten so lange ruhig gestellt werden, bis die Welpen da sind, die man dann umsiedeln würde. Wohl auch aufgrund des Stresses der ständigen Überwachung gab es allerdings niemals einen Wurf Wölfe, dafür allein im ersten Winter mehr als 200 getötete Rentiere und eine Stimmung auf dem Siedepunkt. Schließlich knickte die Regierung ein und gab die Wölfe zum Abschuss frei. Schon eine Stunde nach Jagdbeginn war der Rüde erlegt. Susi allerdings, erfahren in menschlicher Verfolgung, ließ sich so lange nicht erwischen, bis Tierschützer erfolgreich die Abschussgenehmigung überklagten. Dem Naturvårdsverket blieb nichts anderes übrig, als sie ein viertes Mal mit großem Aufwand zu betäuben und aus dem Rentierwald hinaus zu verfrachten.

Doch auch davon ließ sich die zähe Wölfin nicht beeindrucken und war bald mit einem neuen jungen Begleiter im Schlepptau wieder zurück in ihrem Revier. Man kann nur spekulieren, wie und warum das Wolfspaar irgendwann im Frühlingswinter 2014 einfach so verschwinden konnte. Plötzlich waren sie weg und keinerlei Spuren mehr von ihnen zu entdecken. Keine toten Rentiere oder Elche, keine Fährten, aber auch keine Jagdindizien oder Wolfskadaver. Bis heute weiß man nicht, was passiert ist. Die »Junsele-Wölfin« wurde zum Fall der Kriminologen – für das Naturvårdsverket war er so weit abgeschlossen. Die Gesamtkosten bis dahin: fast zehn Millionen Schwedische Kronen für die Transporte, Entschädigungen und den großen Arbeitsaufwand aller Beteiligten.

Die Wege der Natur

Auch fünf Jahre später ist die Geschichte von Susis Schicksal noch aktuell, wenn es darum geht, die schwedische Wolfsproblematik zu illustrieren. Und sie erzählt viel über die Unberechenbarkeit der Natur, deren Wege sich schwer bestimmen und machmal schwer verstehen lassen. Es hätte ja alles auch anders laufen können. Wie bei dem finnisch-russischen Wolfspaar, das kurz vor Susis Verschwinden nach Schwedisch Lappland einwanderte und ebenfalls im Nationalpark Tiveden angesiedelt wurde, wo es tatsächlich Nachwuchs bekam. Zwar überlebte keines der neun Welpen und der Rüde verschwand, doch die Wölfin etablierte sich im Revier und bildete, mit einem anderen Wolf an ihrer Seite, eine neue Familie. Die 2017 und 2018 geborenen Jungen haben ihre ersten Winter überstanden und sind mit ihren Genen die große Hoffnung der skandinavischen Raubtierfreunde. Bis zu dem Moment, an denen ihnen zum ersten Mal der Duft einer Rentierherde in die Nase steigt.

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