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Natur des Nordens

Nur noch steil bergab

Downhill-Mountainbiking kannte NORR-Redakteur Philipp bislang nur aus halsbrecherischen Videos. Im schwedischen Järvsö stürzt er sich mit seinem Sohn Henry selbst die Pisten hinab.

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Das hab‘ ich nun davon, Henry zum Mountainbiken gebracht zu haben. Ich hätte wissen müssen, dass ihm die Wälder rund um Stockholm schnell nicht mehr reichen. Dass er bald höher hinaus will und ich ihn dann dabei begleiten muss. Downhill-Biken, bei dem man sich auf speziellen, vollgefederten Rädern die Berge hinunterstürzt, ist in den vergangenen Jahren enorm populär geworden. Viele Skigebiete haben für den Sommer Abfahrts-Trails geschaffen, wo dann die waghalsigen Youtube-Videos entstehen, die direkt auf dem Smartphone meines Sohnes landen – und Lust aufs Nachahmen machen.

Das Gebiet

Nun stehen wir hier in Järvsö, Hälsingland, auf 3 700 dm über Meeresniveau (so steht es in Weiß an der roten Lift- hütte am Gipfel) und blicken über Wälder, Felder und den Fluss Ljusnan, der sich zwischen sanften Hügeln durch die idyllisch-schwedische Landschaft schlängelt. Auf dem Hang vor mir wird im Winter Ski gefahren, jetzt befindet sich hier seit 2010 der Järvsö Bergscyke Park (JBK), ein schwedisches Downhill-Mekka mit insgesamt 25 Trails in allen Schwierigkeitsgraden. Die Sessellifte wurden für Mountainbikes umgerüstet, die bei der Fahrt an einer Halterung hinter den Sitzen hängen. Am Fuße des Berges liegt das JBK-Hotel, von dem wir morgens auf Henrys Wunsch direkt ab Liftöffnung 9 Uhr auf die Piste starten können, das Restaurant Cykelbistro und der Fahrradverleih.

Järvsö liegt in der nordschwedischen Provinz Hälsingland und gilt als perfekte Outdoor-Destination vor allem für Familien. Das Skigebiet verwandelt sich im Sommer in eine der besten Downhill-Anlagen Skandinaviens. Mehr Infos auf jarvso.se

Die Ausrüstung

Hier wurden wir zuvor mit Rädern und der entsprechenden Schutzausrüstung ausgestattet. Downhill-Bikes sind robust wie eine Enduro, mit dicken profilierten Reifen und vorne wie hinten gefedert, um Schläge und Sprünge auf den steinigen Abfahrten bestmöglich abzufangen. Der Sattel sitzt tief und wird bei der meist stehenden Fahrt kaum benötigt. Das Gewicht liegt auf dem Hinterrad, um im ordentlichen Tempo durch die engen Steilkurven fahren zu können. Wir tragen gepolsterte Helme mit Gesichtsschutz, Brust- und Rückenpanzer, Knie- und Ellenbogen-Pads sowie enge, grifffeste Fingerhandschuhe. Rein optisch sind wir von unseren Youtube-Helden nicht zu unterscheiden. Jetzt müssen wir nur noch so fahren.

Die Bahnen

Wie in Skigebieten unterscheidet man auch hier zwischen den Schwierigkeitsgraden Grün, Blau, Rot und Schwarz. Je steiler und technischer, je anspruchsvoller die Sprünge und Drops (vertikale Kanten, die man hinunterhüpft), desto höher der Grad. Auf Rat des Personals starten wir mit einer grünen Strecke namens »Monika«, die passenderweise genauso heißt wie Henrys kontrollwütige Sportlehrerin fortgeschrittenen Alters. Danach sieht uns »Monika« nicht wieder. Beim nächsten Mal geht’s direkt auf die blaue »Barbro« mit steileren Passagen und einigen schönen Sprüngen, danach auf die technisch anspruchsvollere »Manolito« mit engen Kurven und Holz- hindernissen. Als wir diese beherrschen, wagen wir uns an die roten Abschnitte. Unser Favorit wird die spaßreiche »Twist Twist«, wo es unter anderem einige Gap Jumps zu überwinden gilt. Hier hebt man wie Evel Knievel von einem Hügel ab und landet auf dem nächsten, wobei zu kurze Sprünge meist schmerzhaft sind. Die schwarzen Herausforderungen heben wir uns fürs nächste Mal auf.

Downhill-Gebiete in Skandinavien

Järvsö, Schweden:
25 Trails in Hälsinglands Wäldern:
jarvsobergscykelpark.se

Levi, Finnland
13 Trails in Lapplands Weite
levi.fi

Hafjell. Norwegen
18 Trails nahe Lillehammer
hafjell.no

Die Technik

Beim Downhill-Biken fährt man im Stehen, bremst nur mit den beiden Zeigefingern, hebt bei Drops das Vorderrad und bleibt auf gar keinen Fall irgendwo auf der Piste stehen. Das klassische Anfängerdilemma: Je schneller man unterwegs ist, desto spielender rollen die gefederten Räder über Steine und Wurzeln. Je mehr man sich in die Kurve legt und das Hinterrad wegpresst, desto besser wird die Wende. Je kraftvoller man zum Sprung ansetzt, desto größer ist die Chance so zu landen, wie von den Bahnbauern vorgesehen und nicht wie ich mit den Schienbeinen auf den Pedalen. Und je mehr man Körper, Finger und Geist entspannt, desto leichter fällt all das. Kein Wunder, dass ich Probleme habe, an Henrys Hinterrad zu bleiben. Er ist mir offensichtlich bei sämtlichen wichtigen Downhill-Eigenschaften überlegen: Mut, Körperkontrolle, Technik und Youtube-Know-how.

Das Erlebnis

Aber dennoch macht es unglaublich Spaß. Nach dem ersten Tag bin ich nach aller Anspannung und ungewohnter Anstrengung noch komplett am Ende, doch bereits am zweiten läuft es besser. Ich lasse es schneller laufen, wage höhere und weitere Sprünge und lerne es, mich in einfacheren Passagen zu entspannen, um Kraft zu sparen. Teilweise kann ich die Abfahrt sogar genießen und bisweilen den Flow spüren, der für meinen Mitfahrer so natürlich zu sein scheint. Ganz besonders aber mag ich den Moment, wenn wir zusammen im Lift sitzen, durch die wunderbare schwedische Sommerlandschaft schweben,uns vom letzten Ritt erholen und die besten Aktionen diskutieren. Kurz vor jedem Ausstieg dann unser Running Gag, wenn ich Henry nach der nächsten Abfahrt frage und er trocken antwortet: »Monika.«

Das Fazit

Nach vier intensiven Tagen bin ich froh, dass wir wieder unverletzt in den Zug nach Stockholm steigen. Anders als mein Sohn strebe ich keine Downhill-Karriere an. Aber es war ein tolles Outdoor-Erlebnis, das ich allen empfehlen würde, die ihren Fjällurlaub mit ein bisschen Action würzen wollen. Man braucht sich ja auch nicht so stressen lassen wie ich, sondern kann durchaus ein eigenes Tempo wählen, Hindernisse auslassen, hier und da mal entspannt die »Monika« hinuntercruisen, vielleicht mal länger als zehn Minuten im schönen Cykelbistro Pause machen. Versucht es doch einfach mal. Ich freue mich auf euer Video.

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