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Natur des Nordens

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Haltlos Bergab: Noboard-Trend in Gällivare

Im Schatten eines Bergwerks in Schwedisch Lappland baut eine Clique ihre eigenen Boards ohne Bindung, um die verschneiten Hänge hinabzusurfen. Verändert der Sport ihren Blick auf die Heimatstadt Gällivare? Oder verändert Gällivare am Ende ihre Sicht auf das Leben?

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Im Dezember ist es auf dem Berg Dundret in Gällivare nicht sehr hell. Schon gar nicht, wenn man an der Rückseite des Hügels hochwandert, auf Schneeschuhen und mit einem Noboard auf dem Rücken. Unterhalb des Berges liegt eine Stadt im Wandel. Der Eisenerzabbau frisst den Boden auf. Jetzt muss Gällivare umziehen. Aber die fünf Freunde mit den Schneeschuhen und den Surfbrettern denken in diesem Moment nicht darüber nach. Es hat wieder geschneit und die Luft ist kalt. Dick liegt der Pulverschnee im lichten Fjällbirkenwald. »Einer der Schneeräumer unten im Dorf hat gesagt, dass es seit dem Luciatag vor 70 Jahren nicht mehr so viel geschneit hat«, sagt Anders Martikkala, den seine Freunde Galla nennen. »Das ist ein irre guter Saisonstart. So viel Schnee. So viel Pulver«, stimmt Sänger und Songschreiber Johan Airijoki zu. Alle fünf sind Schneesurfer – oder Noboarder. Auch wenn das Wort »Noboard« etwas seltsam klingt. Denn natürlich haben sie Bretter – es ist die Bindung, auf die sie verzichten. Die Noboard-Szene hat ihren Kern in Gällivare. Irgendwie hat es sich so ergeben.

Die Bergbaustädte Gällivare und Kiruna sind Rivalen. Und während der Luossabacken in Kiruna ein paar der besten Buckelpisten- und Freestyle-Fahrer Schwedens hervorbrachte, trainierten am Dundret einige der größten Snowboard-Stars der Welt – wie Johan Olofsson und Ingemar Backman. Das Snowboarden war eine Revolte gegen das Eishockeyspielen und das Scooterfahren, gegen Vorurteile und den Mainstream. Johan hatte das Noboard-Konzept aus dem Ausland mitgebracht, als er nach seinen Profijahren zurückkehrte. Er infizierte eine Gruppe Snowboarder damit, die jetzt in Gallas Garage Bretter bauen. Im Dorf Meşeköy im türkischen Kaçkar-Gebirge fahren Menschen seit Urzeiten auf »Petran«-Brettern ohne Halterung. Ein selbst gebautes Brett hält nicht besonders lange, wenn man Bindungen daran befestigt. Ein Noboard ohne Bindungen übersteht dagegen mit Leichtigkeit eine Saison. Diese Kunst, auf Schnee zu surfen, trug sich unter Bezeichnungen wie »Snowsurf« oder »Snösurfing« fort. Die Amerikaner Greg Todds und Cholo Burns redeten im Jahr 2002 zum ersten Mal vom Noboard.

Nach Schweden, genauer ins nordschwedische Gällivare, kam die Bewegung dann dank Johan. Das Noboard ist für den ehemaligen Snowboardprofi ein Mittel, sich die Liebe zur Freiheit und zum Berg zu erhalten, nun da er aufhörte, vom Leben als Berufssportler zu träumen und stattdessen wieder in seine Heimat zog. »Man arbeitet hier in der Grube, aber das richtige Leben spielt sich an den Berghängen ab«, sagt Johan.

Klischees und Vorurteile

Gällivare hat mit Stereotypen zu kämpfen, so wie der äußerste Norden Schwedens überhaupt. Der Mythos erhält seine Farben durch die Musik und das Kino, vom Gällivare-Bohemien »Liikavaara- Frans« bis zu den Jägarna-Filmen. Oder durch einen kurzlebigen Parteivorsitzenden, der sagte: »Das weiß doch jeder, dass die Leute in Stockholm intelligenter sind.« Der Mythos wird oft umso mächtiger, je größer der Abstand zum tatsächlich Erlebten ist. Aber man kann Gällivare nicht richtig verstehen, ohne zugleich an das Bergwerk zu denken, in dem es immer Arbeit gibt. Junge Gällivarer, in aller Welt unterwegs, kommen immer wieder zurück, um in der Grube zu jobben. Von ihrem Lohn verziehen sie sich dann wieder zum Surfen nach Portugal.

Die Freunde, die sich in Gallas Garage treffen und Bretter bauen, sind eine locker zusammengewürfelte Gruppe. Trotzdem kennen sie einander gut und fühlen sich als Clique. Als Jugendliche reisten sie zu Snowboard-Wettkämpfen. Sie brauchten irgendeinen Namen und so nannten sie sich »Gälka Warriors« – inklusive Westen mit dem Namenszug auf dem Rücken. Sie suchten Halt, eine Identität und wurden Freunde. An diesem Samstagabend wird Geburtstag gefeiert. Die Noboarder und viele andere Leute versammeln sich mitten im Wald in einer großen Zeltkote. Zu essen gibt es Rentier, im Ganzen gegrillt. Im Technozelt muss man nicht, wie in der Hauptstadt Schwedens, im karierten Flanellhemd erscheinen. Und vermutlich trifft man hier mehr Leute, die wissen, wie man einen Elch zerlegt, als auf einem Fest in Stockholms Zentrum.

Auf der Party bei minus 20 Grad wird über Bretter, Abfahrten und neue Ideen diskutiert. Die Techno- DJs des Abends sind Emma Söderlund, Ärztin, und Jana Lynn, Friseurin. Jana stammt aus Squamish in Kanada. Sie lebt seit zwei Jahren hier. »Vor zehn Jahren hingen viele von den ›Gälka Warriors‹ in Squamish rum, in einem Café, in dem ich arbeitete. Wir wurden Freunde, ich kam zu Besuch nach Gällivare. Jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause fahren musste, dachte ich: ›Verdammt, ich würde lieber bleiben.‹ Schließlich bin ich wegen der Leute hergezogen. Jetzt habe ich mit Gallas alter Presse mein erstes Board hergestellt. Dass ich samstags auf den Berg gehen kann und weiß, dass ich Freunde zum Surfen treffe, ist einfach das Beste.« Mitten in der Nacht stehe ich mit Markus Lemke – einem der Männer hinter der Kaffeerösterei Lemmelkaffe – und Galla sowie dessen Freund Matts Anderman bei den Resten des den größeren Städten, sagt sie, gibt es natürlich ein besseres Kulturangebot. »Aber auch viele Leute, die mit verschränkten Armen dasitzen und sich die Kultur anschauen. Hier muss man selbst Verantwortung übernehmen. Man kommt auf andere Weise zusammen.« Sie und Jana sind ein gutes Beispiel. In einer größeren Stadt wäre es vielleicht nicht passiert, dass sich eine Ärztin und eine Friseurin finden, zusammen Noboard fahren und nachts gemeinsam als DJs auftreten.

Wehmut und Wärme

Johan Airijoki arbeitet im Bergwerk, weil das gutes Geld auf die Hand gibt und er dann wieder Musik aufnehmen kann. Als wir uns treffen, ist er gerade mit seiner dritten Platte beschäftigt. Seine Singstimme ist wie ein Peitschenknall, ein Gemisch aus Wehmut und Wärme. Seine Lieder über Gällivare, über die Natur, die Grube und den Alltag, wirken völlig authentisch. Ungefähr so, als würden er und sein Freund Galla in der Garage stehen und über Form und Funktion des nächsten Noboards diskutieren, mit einem Bier in der Hand. »Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie ein Brett sein soll. Es gibt keine eindeutige Lösung. Es macht einfach Spaß, mit der eigenen Idee zu arbeiten und sofort zu testen, ob es funktioniert. Das ist anders, als wenn man etwas fertig im Laden kauft«, sagt Johan.

Das Bergwerk ist Segen und Fluch zugleich. Es sorgt für leicht zugängliche Jobs, die gut bezahlt sind. Es hemmt die Kreativität der Menschen und treibt sie zugleich an. Ohne die Gruben am Fuß des Berges Dundret wäre Gällivare wohl kaum eine lebendige Stadt. »Manche Leute glauben, dass wir hier nur im Wald sitzen und rumgammeln«, sagt Galla. »Aber weißt du, wir verdienen unser Geld, machen Reisen, kommen wieder nach Hause und denken, dass es ja sehr schön in Neuseeland, den Alpen oder Südamerika war. Und dann machen wir es uns hier genauso schön. So einfach ist das.«

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