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Natur des Nordens

Keine Riviera

NORR-Chefredakteur Gabriel Arthur hat einen gehypten dänischen Ferienspot getestet und einen Lieblingsort gefunden, auf den sein Werbeslogan nicht zutrifft.

Uma ist fast ein Jahr alt und mag nicht Auto fahren. Wir haben Kopenhagen verlassen, sind unterwegs nach Gilleleje, einer kleinen Hafenstadt an der Nordspitze von Seeland, und passieren dabei landwirtschaftliche Nutzflächen, spärliche Wälder und kleine Dörfer. Friedlich, finde ich. Langweilig, findet Uma. Sie interessiert sich nicht mehr für ihr Beißspielzeug und mag absolut nicht im Kindersitz festgeschnallt sein. Uma ist meine Nichte, die Tochter meiner jüngsten Schwester Josefine und meines Schwagers Simon. Da die beiden in Kopenhagen wohnen, meine Kinder und ich dagegen in Stockholm, sehen wir uns nicht so oft, wie wir es uns wünschen würden. Aber jetzt wollen wir gemeinsam ein wenig verlorene Zeit nachholen. Wir haben ein Sommerhaus gemietet, das bei Vejby an der »Dänischen Riviera« liegt, am Kattegat im nördlichen Seeland.

Wir gehen über eine große Schafweide und kommen zu einem Kliff.

Offizielle Angaben darüber, wie lang die »Dänische Riviera« eigentlich ist, findet man nirgends. Die meisten sind sich darüber einig, dass sie im Südwesten bei Hundested beginnt, aber ob das andere Ende bei Gilleleje, Hornbæk oder sogar Helsingør liegt, hängt davon ab, wen man fragt. Es soll sich um mehr als 200 Kilometer Sandstrand handeln inklusive schöner alter Fischerdörfer wie Gilleleje und Tisvilde, die heute Ferienorte sind.In Gilleleje soll es ein frisch renoviertes Badehotel geben. Damit hören die Ähnlichkeiten aber auch schon auf. Vor uns liegt eine gewöhnliche dänische Kleinstadt, wenn man davon absieht, dass die etwa 1000 permanenten Einwohner im Sommer Gesellschaft von bis zu 25000 Touristen bekommen. Der Strand ist menschenleer. Luxus und Glamour der Riviera scheinen sehr weit entfernt. Aber was macht das schon?

Das Ferienhaus ist Dreh- und Angelpunkt beim Abenteuer zwischen den Dünen.

Vejby ist eigentlich kein Dorf, sondern eher eine große Ansammlung von Ferienhäusern. Das Haus, das wir gemietet haben, gehört einer dänischen Familie – die Zeichnungen der Kinder hängen an den Wänden. Das Haus hat nicht gerade die Anmutung von exklusivem dänischen Design, ist aber hübsch eingerichtet und gemütlich. Die Sonne kommt hervor. Meine Töchter Simone und Milla gehen Trampolinspringen. Simon stößt zu uns. Er ist die gut 60 Kilometer von Kopenhagen auf dem Rennrad geradelt.

Wir Erwachsenen trinken draußen ein Bier und spüren schon, wie sich so etwas wie Ferienentspannung einstellt. Während in Schweden in den Sommermonaten durch die ständigen Luxusrenovierungen am Ferienhaus viele Ehen zusammengehalten werden, scheinen die Dänen sich darauf zu besinnen, wirklich Urlaub zu machen. Die Gegend strahlt Ruhe aus. Die Vegetation ist grün und üppig. Wir gehen über eine große Schafweide und kommen zu einem Kliff. Ein sandiges Plateau, das unter dem Einfluss von Wind, Regen und Wellen langsam erodiert. Am Strand rollen die Wogen heran. Das Wasser ist kalt, salzig und erfrischend. Wir bauen eine Sandburg und verzieren sie mit schönen, rundgeschliffenen Steinen.

Unaufgeregte Schickeria

Tisvildeleje ist beliebt bei wohlhabenden Kopenhagenern. Sie wohnen hier gern am Wochenende in ihren Ferienhäusern oder steigen in einem Strandhotel ab. An der kurvigen Hauptstraße liegen malerische Häuser, in denen Mode- und Einrichtungsboutiquen, schicke Cafés und gute Restaurants untergebracht sind. Wir essen eine gute Pizza und noch besseres Eis. Schauen uns den Strand an, der breiter und weitläufiger ist als bei Vejby. Die Menschen tragen teure Sonnenbrillen und man sieht niemanden mit nacktem Oberkörper. Selbst gegen den schwedischen Küstenort Båstad, der gern von der Oberschicht besucht wird, wirkt der Ort ziemlich unaufgeregt.

Das Einzige, was die Gegend mit der Côte d’Azur gemeinsam hat, sind die Sandstrände.

Der Begriff »Dänische Riviera« ist eine Marketingerfindung, die ziemlich danebenliegt. Das Einzige, was die Gegend mit der Côte d’Azur gemeinsam hat, sind die Sandstrände. Es gibt hier keine russischen Oligarchen, keine Luxusjachten und keine Bezahlstrände, wo man zum Lunch eisgekühlten Champagner trinkt. Man sieht leicht übergewichtige Dänen mit Sonnenbrand und Tätowierungen statt lederbrauner, streichholzdürrer Französinnen. Knorrige kleine Kiefern statt hochgewachsener Palmen.

Die bunten kleinen Badehäuser am Strand sind charakteristisch für die Region.

Südlich der kleinen Stadt Tisvilde liegt Tisvilde Hegn, der fünftgrößte dänische Wald, mit schönen Pfaden zum Wandern und Troldeskoven, ein Naturschutzgebiet mit jahrhundertealten Kiefern. An der Küste kann man Weingärten besuchen, Kunstmuseen und die dänische Starköchin Camilla Plum auf ihrem Ökohof Fuglebjerggaard, wo es die größte ökologische Saatgutauswahl Skandinaviens gibt. Der Nordküstenpfad ist ein 60 Kilometer langer Wander- und Radweg zwischen Hundested im Westen und Helsingør im Osten. Aber wir pfeifen auf alle Sehenswürdigkeiten und genießen das einfache Leben mit dem Meer vor der Haustür. Vor dem Frühstück jogge ich auf den Pfaden oben auf dem Kliff und nehme ein Bad im kalten Wasser. Manchmal ist auch Josefine dabei. Simon macht stundenlange Radtouren. Die ganze Gruppe nimmt sich Proviant mit und liegt am Strand, baut Sandburgen und rennt in die Brandung. Wir kochen abwechselnd und spielen Gesellschaftsspiele. Und Uma, wo auch immer sie zufällig landet, ist zufrieden und fröhlich.

Der 200 Kilometer lange Sandstrand der »Dänischen Riviera« an der Nordspitze Seelands verläuft von Hundested bis vor Helsingør.

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