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Freiwillige Isolation

Was treibt zwei Freundinnen dazu, 18 Monate inklusive zweier Winter in einer kleinen Hütte ohne Elektrizität und Wasser auf Svalbard zu verbringen? Die Antwort findet sich in der Natur ringsherum.

Hilde?!«, schreit eine panische Stimme und Hilde versteht sofort. Sunniva war aufgebrochen, um nach Nordlichtern Ausschau zu halten, und neben dem Holzschuppen, nur zwei Meter von ihr entfernt, steht ein Eisbär. »Wahrscheinlich habe ich ihn erschreckt«, erzählt Sunniva. »Er wandte sich jedenfalls ab und wanderte davon. Ich war beeindruckt, wie wunderschön dieses Tier ist, obwohl ich gleichzeitig unglaubliche Angst hatte, ihm so nahe zu sein. Dieses Gefühl werde ich nie in meinem Leben vergessen.«

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Als die Pandemie Menschen weltweit spüren ließ, was der Begriff Selbstisolation bedeuten kann, hatten sich Hilde Fålun Ström und Sunniva Sörby bereits monatelang – völlig freiwillig – an dem Ort ihrer Wahl selbst isoliert: In der kleinen Hütte Bamsebu bei Van Keulen im Norden Svalbards. Zum nächsten Nachbarn sind es 140 Kilometer durch wegloses Land. Im Winter, wenn die Sonne monatelang nicht über den Horizont linst, können es minus 30 Grad werden. »In der ›normalen‹ Welt kann man sich mal erlauben, sich ein wenig auszuruhen und auf Sparflamme zu schalten«, sagt Sunniva. »In Bamsebu mussten wir immer 100 Prozent geben.«

Mehr als ein Abenteuer

Der Anstoss zu Hildes und Sunnivas fast zweijährigem Aufenthalt in Bamsebu und dem Projekt, das sie Hearts in the Ice nennen, gab ein ungewöhnlich milder Winter in Longyearbyen, der Hauptstadt Svalbards, in der Hilde mit ihrem Mann Steinar lebt. Kurz vor Weihnachten 2015 herrschte ein Unwetter. Eine 100 Meter breite Lawine donnerte vom Berg Sukkertoppen herab. Ein Mann und ein Mädchen kamen ums Leben. »Die Verstorbenen waren enge Freunde von mir«, sagt Hilde. »Die Lawine war eine Folge des Klimawandels. Ich war zutiefst geschockt. Und ich habe mich gefragt, welche Fähigkeiten wir in Zukunft benötigen würden. Wie können wir den Umgang mit Reisen, Plastik, Lebensmitteln, Kleidung und Rohstoffen ändern? Wenn viele das in Frage stellen, hat das Folgen für die Wirtschaft und uns alle.«

Es gibt immer noch das Vorurteil, dass Frauen so etwas nicht können.

Auch wenn es grotesk klingt, die Lawine führte letztendlich dazu, dass Hilde einen lang gehegten Traum verwirklichte. »Seit ich vor 26 Jahren nach Svalbard kam, wollte ich den Winter in der Einsamkeit verbringen, am lieb- sten mit Steinar, aber der wollte nicht.« Doch Sunniva machte gerne mit. Beide verfügten bereits über Erfahrungen. Hilde hat viel Zeit als Wetterbeobachterin in der Arktis verbracht.

Sunniva nahm an der ersten weiblichen Skiexpedition zum Südpol teil und arbeitet als Guide in der Antarktis. »Es gibt immer noch das Vorurteil, dass Frauen das nicht können. Aber was uns anzog, war nicht nur das Abenteuer. Wir wollten Debatten rund um den Klimawandel schaffen«, sagt Hilde. Es wird als »Citizen Research« bezeichnet, wenn Privatpersonen Forschern dabei helfen, Fragestellungen zu untersuchen, indem sie Daten sammeln. Als Citizen Scientists sollten Hilde und Sunniva an neun internationalen Projekten mithelfen und Eis, Phytoplankton, Nordlichter, Wolken und die Menge an Mikroplastik im Eis beobachten. Zuvor wurden ähnliche Studien nur im Sommer durchgeführt.

Die Holz- und Wasserversorgung muss ständig sichergestellt und der Ofen warm gehalten werden. Bei der Rückkehr in die Zivilisation hatten die Frauen zunächst große Probleme, sich wieder an Geräusche und Gerüche zu gewöhnen.

Kein Plan B

Im August 2019 bestiegen Hilde und Sunniva ihr selbst gechartertes Schiff in Longyearbyen für die viertägige Reise nach Bamsebu. Für den Anfang brachten sie Ausrüstung und Verpflegung für zehn Monate mit. Mehl, Haferflocken und Gewürze, Trockengemüse, Kaffee und zwei Umzugskisten Chips. Hilde hatte auch ein eigens geschossenes Rentier im Gepäck, in Stücke verpackt und eingefroren. »Wir hatten keinen Plan B«, sagt Hilde. »Wir hatten alles, was wir brauchten, aber mussten jeden Tag hart arbeiten, um zu überleben. Aufgeben war keine Option für uns.«

In einer Woche hatten wir zehn Eisbären ganz in der Nähe der Hütte.

Das Erfassen von Daten war sowohl herausfordernd als auch zeitaufwändig. »Schon eine Bootsfahrt zu unternehmen, um Phytoplankton zu sammeln, ist mit Risiken behaftet. Vorher muss alles genauestens durchdacht sein. Wir brauchten stets Ausrüstung, Proviant, Waffen und Kommunikationsequipment für mehrere Tage.« Und einiges lief schief. Es gab Probleme mit der Kamera, der Drohne, dem Boot und der Phytoplanktonpumpe. »Doch wir haben es geschafft, die Dinge zu lösen. Das hat uns gestärkt«, sagt Hilde. Starke Nerven brauchten die beiden Frauen in vielen Situationen. »In einer Woche hatten wir zehn Eisbären ganz in der Nähe der Hütte. Wir waren sehr verletzlich und mussten ständig auf der Hut sein«, erzählt Sunniva.

Forscher befürchten, dass sich das Klima in der Arktis so schnell wandelt, dass die Eisbären keine Zeit haben, sich anzupassen. Ihr deutlich verändertes Verhalten fiel auch Hilde und Sunniva auf. »Ihre Hauptnahrungsquelle sind Robben, denen sie normalerweise vom Meereis aus auflauern. Wir konnten jedoch beobachten, wie die Bären begannen, an Land nach Rentieren zu jagen, indem sie sich von Höhen auf vorbeilaufende Herden runterfallen ließen. Wenn sie ein paar hundert Jahre Zeit hätten, könnten sich ihre Körper und ihr Jagdverhalten vielleicht an das wärmere Klima anpassen, aber momentan verlieren sie dabei viel Energie und ein Rentier hat bei Weitem nicht so viel Fett wie eine Robbe.«

Die Bedeutung der Dankbarkeit

Um mit den extremen Bedingungen in Bamsebu fertig zu werden, hielten Hilde und Sunniva an ihren Routinen fest, achteten darauf, ihren Rhythmus beizubehalten, mit täglicher Bewegung im Freien und Yoga. »Woran ich mich am meisten erinnern werde, sind all die kleinen Erfindungen und Krisen während der Zeit«, sagt Hilde. »Zum Beispiel, als wir uns an Halloween verkleidet haben oder Sunniva die Weihnachtsfrau für uns gespielt hat. Aber auch daran, als es so viel Schnee gab, dass wir die Haustür nicht öffnen konnten, oder an den Tag, als ein Sturm sie einfach weggeweht hat.«

Und auch wenn die beiden während der 18 Monate nicht immer ein Herz und eine Seele waren – sie sind noch immer beste Freundinnen.

Als größte Herausforderung aber empfanden sowohl Hilde als auch Sunniva, so lange so nah beieinander zu leben. »Natürlich waren wir uns nicht immer einig, aber wir haben es geschafft, in allen Situationen zu kommunizieren. Es ist wichtig, mit der anderen Person Rücksprache zu halten und zu fragen: »Meinst du das ernst?« oder »Habe ich dich jetzt falsch verstanden?«, bevor du direkt auf Konfrontation gehst«, sagt Hilde. Wir haben auch sehr darauf geachtet, uns gegenseitig viel Dankbarkeit zu zeigen. So haben wir uns beieinander fürs Holzhacken oder für das gute Abendessen bedankt. Es mag offensichtlich klingen, aber es ist sehr wichtig, daran zu denken. Es geht auch darum, einander zuhören zu können. Dabei haben wir gelernt – übereinander und über uns selbst. Alles, was wir in Bamsebu gemacht haben, hatte eine Bedeutung. Sowohl für unser eigenes Überleben als auch in den Dialogen, die wir über Satellit zum Thema Klimawandel geführt haben und darüber, was jede und jeder von uns zum Schutze unseres Planeten beitragen kann.«

Für diesen Winter planen Hilde und Sunniva eine weitere Überwinterung. Dieses Mal wollen sie im kanadischen Eis Quartier beziehen und die dort lebenden Inuit involvieren. »Sie haben eine Menge Wissen beizutragen, wenn es um den Klimawandel geht«, sagt Sunniva. »Wir werden weiterhin mit Menschen weltweit kommunizieren und rufen zum Engagement auf. Jetzt müssen wir gemeinsam die Klimakrise angehen. Wir brauchen eine starke Führung, aber es beginnt mit dir und mir.«

Die Herzen im Eisprojekt

Hilde und Sunniva waren während der 18 Monate in Svalbards Einsamkeit in neun internationale For- schungsprojekte involviert. Durch Live-Übertragungen via Satellit haben nicht nur Forscher, sondern auch Tau- sende Kinder und Jugendliche in Klassenzimmern an ihren Beobachtungen teilhaben können. 

heartsintheice.com

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